Ganz ohne Anschieberin steht Pilotin Laura Nolte oben am Start der olympischen Bobbahn von Cortina. Als der Monobob-Wettbewerb 2022 zusätzlich zum Zweier für die Frauen ins Programm kam, hatten dies viele ihrer Konkurrentinnen kritisiert. Sie wollten den Viererbob. Doch die Solofahrt hat sich etabliert. Nolte wuchtet also ganz allein den schweren Schlitten auf die Bahn – „Laura, Laura“-Sprechchöre ertönen – und rast dann in einem Höllentempo hinunter.
Sie mag diesen neuen Eiskanal in Cortina. Schon im November hatte sie die Weltcup-Premieren hier sowohl im Mono- als auch im Zweierbob (mit Deborah Levi) gewonnen. Kurz vor den Spielen feierte die 27-Jährige dann in beiden Disziplinen den Gesamtweltcupsieg, reiste als Topfavoritin zu den Winterspielen nach Italien – und strahlte nun nach den ersten beiden von vier Läufen im Monobob. Die 27-Jährige liegt auf Goldkurs.
Vor den abschließenden Läufen am Montag ab 19 Uhr liegt sie 0,22 Sekunden vor US-Pilotin Elana Meyers Taylor. Dahinter folgt deren Landsfrau und Peking-Olympiasiegerin Kaillie Armbruster Humphries. Vor vier Jahren, bei ihrer Olympia-Premiere in Peking, war Nolte im Monobob noch Vierte geworden – Tränen der Enttäuschung flossen damals. Anschließend aber gewann sie im Zweierbob mit Deborah Levi Gold. Um im Monob bessere Startzeiten hinzulegen und den Schlitten in Schwung zu bringen, hat Nolte viel im Kraft- und Athletikbereich geschuftet – wie genau und was sie über die Viererbob-Diskussion denkt, erzählt sie im Interview.
WELT: Frau Nolte, hat Sie auf dem Weg nach Cortina eher die Monobob-Enttäuschung von Peking angetrieben – oder waren es einzelne Erfolgsmomente?
Laura Nolte: Es ist ein Zusammenspiel aus allem. Klar treiben mich neben Erfolgen und Zielen auch die Niederlagen wie der vierte Platz im Monobob von Peking an, weil ich es besser machen und mich weiterentwickeln möchte. Das war bitter damals. Vor allem Rückschläge zeigen ja meistens deutlich auf, in welchen Bereichen Potenzial liegt und spornen dazu an, sich in bestimmten Bereichen zu verbessern. Mir ist das in den letzten Jahren gut gelungen, ich habe viel am Start gearbeitet, auch am Fahrstil – seitdem läuft der Monobob wirklich gut.
WELT: Bevor Sie im Herbst in den Eiskanal gehen, steht im Sommer Athletik auf dem Programm. Geliebter oder ungeliebter Kraftraum?
Nolte: Wir haben eine tolle Gruppe in Frankfurt, trainieren bei Sprint-Bundestrainer David Corell, sodass Debbie und ich – und seit diesem Jahr Adam Ammour – die einzigen Bobfahrer in unserer Gruppe sind. Die ersten Wochen nach der Saisonpause sind immer super hart, aber ich mag das. Viele Tempoläufe, viele Zirkel- und Krafteinheiten. Hauptsächlich mit der Langhantel, wir bewegen viele Gewichte, weil der Bob ja auch ein schweres Gewicht ist, das wir am Start bewegen müssen. Im Zweierbob wiegt er 170 Kilo, im Monobob muss ich 163 Kilogramm allein anschieben. Dementsprechend braucht man viel Power in den Beinen, um das Gerät erst mal zu beschleunigen. Und dann muss ich natürlich sprintstark sein, weil wir sehr schnell bergab laufen. Eine übliche Trainingseinheit variiert dann sehr stark zwischen Sprint und Kraft, vorher natürlich ein intensives Warm-Up mit Mobilisation und Koordination.
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WELT: Haben Sie ein Beispiel für mich?
Nolte: Beim Sprint legen wird den Fokus sehr stark auf die Beschleunigung, machen viele Widerstandsläufe, bei denen wir mit einem Gewicht hinten dran laufen, zum Beispiel mit zehn oder 20 Kilogramm 6x30 Meter laufen. Es gibt aber auch die Phase mit Tempoläufen, also mit längeren Läufen, wo wir Schnelligkeit ausbilden und eine Resistenz erreichen wollen – zum Beispiel mit 60-Meter-Sprints. Im Krafttraining ist es eine Mischung aus explosiven Übungen, teilweise auch Sprüngen, Box Jumps oder Umsetzen. Oder auch Maximalkraftübungen wie einbeinige Übungen und Hip Thrust, auch Richtung Kreuzheben. Bei der einbeinigen Kniebeuge mache ich 130 Kilogramm bei drei Wiederholungen.
WELT: Inwieweit vervielfacht sich die am Start verlorene Zeit bis ins Ziel?
Nolte: Je nach Länge der Bahn verdoppelt bis verdreifacht sich das. Ein Rückstand ist schwer wieder wettzumachen – deswegen verbringen wir auch so viel Zeit mit Athletik, um den Start zu perfektionieren.
WELT: Lassen Sie uns noch auf den weiterhin nicht wirklich existierenden Viererbob bei den Frauen zu sprechen kommen. Es gibt seit Längerem die Regel, dass Frauen als Pilotinnen erlaubt sind, allerdings nur gemeinsam mit Männern – durchgesetzt hat sich das nie. Eine Alibi-Regel?
Nolte: Theoretisch dürfte ich als Frau bei den Männern mitstarten, aber da muss man nach der Sinnhaftigkeit des Ganzen fragen. Und die Antwort ist simpel: Es macht eigentlich keinen Sinn, mit einem Gewichtsnachteil sowie mit einem physiologischen Nachteil am Start bei den Männern mitzufahren. Bisher waren es eigentlich nur Demo-Rennen. Solange es den Vierer nicht als eigene Disziplin für Frauen gibt, macht das keinen Sinn für uns.
WELT: Die Kritik war von vielen Ihrer Konkurrentinnen groß, als 2022 statt eines Viererbobs der Monobob olympisch wurde. Seitdem ist etwas Zeit vergangen. Wie sehen Sie das?
Nolte: Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich das als olympische Disziplin annehme. Es war und ist natürlich sehr schade, dass es für viele Anschieberinnen dadurch keine Medaillenchancen gibt. Denn sie gehören als Dritte oder Vierte im Team ja dennoch dazu und helfen viel. Am Ende sind sie vor Ort, kommen nicht zum Einsatz und erhalten: nichts. Aber ich glaube, dass der Monobob gezeigt hat, dass er viele neue Leute in den Sport bringen kann – wir haben mittlerweile deutlich mehr Nationen dabei als früher.
Monobob ist zudem die einzige Disziplin, in der Einheitsschlitten vom Weltverband IBSF gefahren werden. Die Pilotinnen dürfen aber ihre eigenen Kufen verwenden, die jedoch von der IBSF von einem zentralen Edelstahl-Hersteller bezogen werden.
WELT: Was angesichts der olympischen Zukunft elementar ist.
Nolte: Auf jeden Fall. Zuletzt hatten wir auch eine Dänin im Weltcup, mit der ich eine Mentoren-Partnerschaft habe. Sie ist Jugend-Olympiasiegerin geworden und hat es jetzt geschafft, im Weltcup unter die Top 6 zu fahren. Das ist herausragend. Daran sieht man, dass die kleinen Nationen im Monobob wirklich eine Chance haben – und das tut der Sportart gut. Im Viererbob bekommen viele Nationen keine Mannschaft zusammen, deswegen verstehe ich den Sinn dahinter.
WELT: Wenn man Richtung Olympia blickt, wäre er wahrscheinlich eine dritte Goldmedaille utopisch. Was ist denn generell Ihre Hoffnung, den Viererbob betreffend?
Nolte: Natürlich wäre es schön, wenn es für uns Frauen einen Viererbob gäbe, denn natürlich würde ich darin gern als Pilotin fahren. Ich würde die Herausforderung annehmen, glaube aber nicht, dass das noch kommen wird. Man muss ja auch sagen: Es ist eine sehr, sehr teure Sportart. Man sieht schon im Zweierbob den Unterschied zwischen den kleinen und großen Nationen – die Kluft wäre im Vierer noch größer.
WELT: Und was ist mit einem Mixed-Wettbewerb?
Nolte: Spannend! Ich bin auch schon mal mit einem Mann gefahren – einen Mixed-Wettbewerb im Zweierbob fände ich interessant. Oder eine Staffel. Es gibt auf jeden Fall Möglichkeiten, unser Programm zu erweitern.
Melanie Haack ist Sport-Redakteurin und seit 2012 für WELT bei Olympischen Spielen für WELT vor Ort – aktuell ist sie bei den Spielen in Italien. Hier finden Sie alle ihre Artikel.
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