Es ist der Morgen danach. Der denkwürdige Abend in der Eiskunstlauf-Arena Mailands hallt in der Sportwelt nach. Ein Abend, der den großen Favoriten zu Fall gebracht hat. Den Mann, der sich abhebt von allen anderen, der mit seiner Exzellenz Grenzen sprengt und der dieser Sportart zu einem neuen, modernen Gesicht verhilft. Und dann fiel er. Gleich mehrfach. Das Wunderkind auf Kufen am Boden. Manche konnten nicht mehr hinsehen.
Als Ilia Malinin, dieser schmächtige junge Mann, zweimal stürzte und auf dem Eis lag, als er sich bis zum finalen Ton seiner Musik tapfer durchkämpfte und die Kräfte Schritt für Schritt schwanden, war es so dramatisch wie herzzerreißend. Die Experten auf den Rängen, die Zuschauer, die Konkurrenz – in Schockstarre. Selbst der Sensations-Olympiasieger aus Kasachstan, Michail Schaidorow, freute sich zunächst kein Stück. „Ich habe wirklich Sorge darum, dass er das gut verarbeiten kann“, sagte ARD-Experte Daniel Weiss am Samstagmittag. Der frühere Eiskunstläufer ergänzte: „Ich hoffe, er hat ein gutes Umfeld, das ihn auffängt.“
Auf der größten Bühne des Weltsports, auf der größten Bühne seines Lebens zerbrach Ilia Malinin vor den Augen von 12.500 Zuschauern, seiner Familie und Millionen von Menschen vor den Bildschirmen. „Eiskunstlauf ist ein Ort, an dem Herzen gebrochen werden“, schreibt die „New York Times“. „Das Drama dieses Sports ist Teil seiner Faszination. Hinzu kommt die Bedeutung der Olympischen Spiele. Dieser Druck entlädt sich. Besonders schwer wiegt er auf den aufstrebenden Superstars. Am Freitag hat er Malinin erdrückt und damit gezeigt, dass die Grausamkeit des Sports niemanden verschont.“
Als Führender nach dem Kurzprogramm und scheinbar sicherer Olympiasieger angesichts seines Vorsprungs und seiner Extraklasse fiel er auf Platz acht zurück. Als „Alptraum“ betitelte die Tageszeitung „USA Today“ den Abend für den Eiskunstlauf-Profi, der als einziger weltweit den Vierfach-Axel beherrscht und in einer einzigen Kür sieben Vierfach-Sprünge sauber landen kann. Nur nicht an diesem Abend. „Der Vierfach-Gott stürzt zu Boden“, titelte die Zeitung „Wall Street Journal“ titelte.
Malinin: „Der olympische Druck erwischt dich wirklich“
Malinin selbst überließ die Bühne am Freitagabend schnell dem Gewinner und den beiden Japanern Yuma Kagiyama und Shun Sato auf den Plätzen zwei und drei. In den Katakomben der Arena aber stellte er sich im bittersten Moment seiner Karriere sofort den Fragen der Journalisten. „Ich habe es vermasselt“, sagt er.
„Ich kann nicht begreifen, was hier passiert ist“, sagte der 21-Jährige, der zu einer der tragischen Figuren dieser Olympischen Winterspiele geworden ist. „Ich bin geschockt. Alles war auf diesen Tag ausgelegt. Ich fühlte mich bereit, als ich das Eis betrat. Aber vielleicht war genau das der Grund, dass ich vielleicht zu zuversichtlich war. Ich kann noch nicht begreifen, was gerade passiert ist. Ich denke, es war psychisch bedingt.“ Und weiter: „Es sind die Olympischen Spiele. Und ich glaube, die Leute wissen gar nicht, wie groß der Druck und die Nervosität tatsächlich sind, die man innerlich verspürt. Das hat mich einfach überwältigt. Ich hatte das Gefühl, keine Kontrolle mehr zu haben.“
Die „New York Times“ zog zur Einordnung und zum Verständnis für Fans anderer Sportarten drei Vergleiche: „Das war die Eiskunstlauf-Version von Mike Tyson, der gegen Buster Douglas verlor, den ungeschlagenen Patriots, die im Super Bowl verloren, den Warriors mit 73 Siegen, die einen 3:1-Vorsprung in den NBA-Finals verspielten.“
Mitgefühl von Olympiasieger Schaidorow
„In der schockierendsten und vernichtendsten Darbietung eines Favoriten in der Geschichte des olympischen Eiskunstlaufs belegte der Eiskunstläufer, von dem man erwartet hatte, dass er die Goldmedaille gewinnen würde, den achten Platz“, kommentierte „USA Today“. Und CNN schrieb: „Als nach Ilia Malinins Kür seine Punktzahl auf der Leinwand angezeigt wurde, konnten die Zuschauer ihren Augen kaum trauen. Die Journalisten sahen sich sprachlos an, während die Zuschauer mit offenem Mund dasaßen, der noch größer war als ihre Augen. Der achte Platz passte einfach nicht zu seinem Namen.“
Sogar Überraschungs-Olympiasieger Michail Schaidorow aus Kasachstan, der dank einer nahezu fehlerfreien Kür noch von Platz fünf nach dem Kurzprogramm auf Rang eins kletterte, sprach sein Mitgefühl für Malinin aus. „Er ist sehr wichtig für das Eiskunstlaufen. Er ist der beste Läufer der Geschichte“, sagte der Goldmedaillengewinner, dem Malinin fair gratulierte. Die zwei sind gute Freunde.
Auch der NBC-Experte und frühere Weltklasse-Eiskunstläufer Johnny Weir aus den USA litt mit Malinin und richtete auf Instagram aufbauende Worte an den 21-Jährigen: „Du hast wahren Sportsgeist und Anmut gezeigt.“ Malinin sei einmalig auf dieser Welt, ergänzte Weir.
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