Der Applaus ist gigantisch, als Maxim Naumov das olympische Eis in Mailand betritt. Jeder der etwa 12.500 Zuschauer scheint die von einer Tragödie überschattete Geschichte des jungen Amerikaners zu kennen. Im Publikum sitzt die Großmutter, seine Eltern leben nicht mehr. Die Musik beginnt. Doch gleich der erste Sprung misslingt – Sturz beim Vierfach-Salchow.
Das Publikum applaudiert, will ihn tragen. Der Dreifach-Axel gelingt danach, dann versucht Naumov den Vierfach-Salchow erneut. Wieder ein Sturz. Die Kombination aus Dreifach-Lutz und Doppel-Toeloop glückt, wie anderes auch. Naumov kämpft sich durch. Die Enttäuschung auf seinem Gesicht, als die Musik verklingt, ist nicht zu übersehen – doch schnell weicht sie einem Lächeln. Denn das Publikum, es feiert ihn mit Standing Ovations.
Es ist nicht die Kür, die er sich erhofft hat, es wird auch nicht reichen für die Top Ten. Aber es ist der ganz persönliche Sieg des 24 Jahre alten Maxim Naumov. Der Song, zu dem er soeben seine Kür lief, sagt in einer Zeile alles über die vergangenen Monate im Leben des jungen Mannes. „And I’ve bled everyday now, for a year“ – „Ich habe jeden Tag geblutet, ein Jahr lang“, heißt es in dem Track „In This Shirt“ der britischen Band The Irrepressibles. Ein Lied über Verlust, Sehnsucht, Liebe. Naumov verlor seine Eltern. Sie starben bei einem Flugzeugabsturz in den USA, seitdem trägt er sie im Herzen und auf einem Foto stets bei sich. Als er seine Punkte für die Kür bekommt (137,71), hält er es hoch, dann vor sein Gesicht.
Dass Naumov es hierher zu seinem Olympia-Debüt geschafft hat, war sein Kindheitsraum. Ein Ziel, an dem er gemeinsam mit seinen Eltern gearbeitet hatte. Bis zu jenem Tag im Januar 2025, an dem sie starben. Nach dem olympischen Kurzprogramm lag er auf Rang 14, ähnlich wird er sich auch am Ende dieses Wettbewerbes einreihen. Naumov lief hier in Mailand auch für sie. Und mit ihnen. „Ich fühlte mich wie von unsichtbarer Hand geführt. Ich spürte es, spürte ihre Anwesenheit“, sagte der 25-Jährige nach dem Kurzprogramm zu NBC. „Ich hoffe, dass ich sie stolz mache.“
Naumovs Eltern waren einst Weltmeister
Der olympische Traum, so erzählte er vor den Spielen, sei auch das Thema des letzten Gespräches mit seinen Eltern gewesen. Dann kam der 29. Januar 2025. Nach einer Kollision mit einem Militärhubschrauber stürzte eine Maschine der American Airlines in Washington in den Fluss Potomac. Keiner der 67 Insassen des Flugzeugs und des Helikopters überlebte.
An Bord des American-Airlines-Flugs 5342, aus Wichita/Kansas kommend, befanden sich 28 Mitglieder der Eiskunstlauf-Community, die von einem Nachwuchscamp und den US-Meisterschaften zurückkehrten. Unter den Opfern: Naumovs Eltern Vadim Naumov und Jewgenija Schischkowa, die als Paarläufer 1994 für Russland WM-Gold geholt hatten. Später wanderten sie in die USA aus und arbeiteten dort als Trainer, zuletzt für den Skating Club of Boston in Norwood, Massachusetts.
Malinin über Naumov: „Seine Stärke und sein Mut berühren mich sehr“
Nach der Tragödie zog sich Naumov erst einmal zurück, entschloss sich dann aber doch für eine Rückkehr in den Wettkampfsport und bat einen Freund seiner Eltern, ihn dabei als Trainer und Mentor zu unterstützen: Wladimir Petrenko. Der 54-Jährige ist der jüngere Bruder von Viktor Petrenko, Olympiasieger 1992, und war einst selbst Junioren-Weltmeister.
„Ich fühlte mich verantwortlich, weil meine Verbindung zu seinen Eltern sehr eng war“, sagte Petrenko. Jetzt, bei den Winterspielen in Mailand, stand er an der Bande, als Naumov das Eis betrat, nahm ihn wieder in Empfang und saß neben ihm auf dem Sofa, als die Punkte verkündet wurden. Nach Kurzprogramm und Kür hielt Naumov dabei dasselbe Foto aus Kindertagen in der Hand. Es zeigt ihn selbst als kleinen Jungen auf Schlittschuhen. An seiner linken Hand die Mutter, an der rechten den Vater. Sie lächeln in die Kamera.
Über sein Kurzprogramm, für das er 85,65 Punkte erhielt, und nach dem Tränen des Glücks flossen, sagte er später: „Als ich von einem Element zum nächsten überging, hatte ich keine Angst – nur Zuversicht. Diese allgemeine Ruhe und Stille war anders als alles, was ich zuvor erlebt hatte. Es gibt keine Worte dafür, aber ich wünsche mir einfach, dass ich sie stolz gemacht habe. Sie sind meine Superhelden, meine Vorbilder, meine größte Stütze.“
Mit den Punkten für das Kurzprogramm allerdings war zumindest ARD-Experte Daniel Weiss, einst selbst Eiskunstläufer, unzufrieden. „Das macht mich fassungslos“, sagte er. „Eine, wie ich finde, ungerechte Bewertung für Maxim Naumov.“ Weiss sah ihn deutlich besser.
Ganz unabhängig von den Preisrichtern: Naumov bewegte und beeindruckte in Mailand beim Kurzprogramm und in der Kür das Publikum, die Konkurrenz und Ilia Malinin, den Superstar auf dem Eis. Die beiden kennen sich seit Kindertagen. „Seine Stärke und sein Mut und eigentlich alles, was er hat, berühren mich sehr“, sagte Malinin vor der Kür über Naumov.
„Ich könnte mir selbst nicht vorstellen, in dieser Situation zu sein, aber ich freue mich so für ihn, dass er da rausgegangen ist und sein Bestes gegeben hat. Er ist ein Kämpfer, das wusste ich schon, als ich als Kind mit ihm Schlittschuh lief. Ich bin sehr glücklich für ihn und dankbar, dass er auf dem Eis ist – egal was passiert.“
Melanie Haack ist Sport-Redakteurin und seit 2012 für WELT bei Olympischen Spielen für WELT vor Ort – aktuell ist sie bei den Spielen in Italien. Hier finden Sie alle ihre Artikel.
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