Der Puls schießt in die Höhe, ich kann nichts dagegen tun. Ich möchte mich abstoßen, schaffe es aber nicht. Das Wissen darum, dass es keine Möglichkeit zum Bremsen gibt, hemmt mich. Dann gebe ich mir nach 20 Sekunden des Zögerns doch einen Ruck, gehe in die Hocke und gleite durch die Anlaufspur. Die Skier geben ein sattes Geräusch in der Keramikspur, es sind nur drei Sekunden, in denen ich auf den Absprungpunkt zufahre.
Alles, was ich in den zwei Stunden zuvor über das Einmaleins des Skispringens gelernt habe, ist in dem Moment, als ich an den Schanzentisch komme, vergessen. Aber instinktiv gehe ich trotzdem aus der Hocke und hebe ab. Ich fliege. Ich fliege. Ich fliiiiiiege. Ich bin wirklich in der Luft. Und das Beste: Ich lande sogar. Nicht auf meinem Hintern, dem Gesicht oder meinen Schlüsselbeinen, sondern auf meinen Skiern.
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Vor meiner ersten Landung auf Deutschlands nördlichster Skisprunganlage in Bad Freienwalde steht ein zweistündiger Crashkurs in Sachen Skispringen: Er enthält einen Sturz, Abfahrtstraining mit dafür ungeeigneten Skiern und die Gewöhnung an einen Anzug, der jeden Dampfbad-Besuch kühl und trocken erscheinen lässt.
Kontrolle ist alles, auch bei der Abfahrt
Ich steige in die Bindung, bei der wie bei Langlaufskiern die Hacke nicht fixiert ist. Das macht die Abfahrt mit den über zwei Meter langen Skiern, die keine Kanten haben, nicht einfacher. Der Trainer schiebt mich auf den Landehügel. „Arme ausbreiten, locker in den Knien stehen und den Oberkörper leicht gebeugt“, gibt er mir noch mit auf den Weg, als er mich mit einem sachten Schubs auf die Reise schickt. Sehr schnell werde ich sehr schnell.
Es ist schwierig, die Skier hüftbreit in der Spur zu halten und sie nicht ausbrechen zu lassen. Da, wo die Profis kurz nach der Landung vor Freude die Arme in die Luft strecken oder sich nach einem missglückten Sprung an den Kopf fassen, stehe ich verkrampft auf den Skiern, um nicht zu stürzen. Wackelig rase ich über nasse Matten, die in Naturrasen übergehen.
In der Aufregung habe ich die entscheidende Information verdrängt, dass dieser Rasen eine bremsende Wirkung hat. Euphorisiert von der gelungenen Abfahrt schieße ich auf das Gras zu und eine Sekunde später aus den Skiern. Das abrupte Abbremsen hebelt mich aus, die Bindungen öffnen sich, und ich stürze spektakulär in der Auslaufzone. Jetzt weiß ich auch, warum Skispringer nach der Landung zum Bremsen das Gewicht nach hinten verlagern und in die Hocke gehen. Kontrolle ist alles.
Wenn die Abfahrt schon so schwierig ist, wie ist dann bitte Anfahrt, Absprung, Flug und Landung? Die Antwort ist einfach: sehr. „Es geht im Skispringen um diesen einen Moment. Die 0,2 Sekunden sind entscheidend. Erwischst du den Absprung, oder nicht? Das kann über Sieg, Niederlage und Stürze entscheiden“, sagt Stefan Wiedmann, Trainer beim WSV 1923 Bad Freienwalde.
„Das hier ist Skispringen, ab auf die Schanze“
Weitere Übungen bringen mich näher an meinen ersten Sprung und die entscheidenden 0,2 Sekunden. Abfahrt in der Hocke mit Aufstehen. Abfahrt in der Hocke mit einem leichten Satz. Um einen weiteren Sturz zu verhindern, enden die Fahrten in der Hocke mit dem Po zwischen den Knöcheln, so komme ich auf dem Rasen sanft zum Stehen. Es macht Spaß, bis der Trainer sagt: „Das hier ist ja Skispringen und nicht Skifahren. Also ab auf die Schanze.“
Da sitze ich nun schweißgebadet auf dem Startbalken. Es ist eine Mischung aus Anstrengung und Angst, die in den geliehenen Anzug tropft. Nach 20 Sekunden stoße ich mich endlich ab. Das Flug-Erlebnis, das mir so unendlich lang vorkam, dauerte keine zwei Sekunden und brachte mich auf die bescheidene Weite von 15,5 Metern. Aber: Ich bin gefloooooooooogen.
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