Die Kontroverse ist ausgeblieben: Bei der Halbzeitshow des Super Bowl in den USA ist mit dem Reggaeton-Musiker Bad Bunny ein scharfer Kritiker von US-Präsident Donald Trump und seiner Migrationspolitik aufgetreten. Auf eindeutig politische Botschaften verzichtete der 31-Jährige am Sonntagabend. Er setzte subtilere Zeichen.
Bad Bunny, bürgerlich Benito Antonio Martínez Ocasio, gehört zu den am meisten gestreamten Künstlern weltweit. Der Superstar aus Puerto Rico wurde für „Debí Tirar Más Fotos“ („Ich hätte mehr Fotos machen sollen“) bei der diesjährigen Grammy-Verleihung für das „Album des Jahres“ ausgezeichnet – als erstes rein spanischsprachiges Album überhaupt in dieser Kategorie. Und bedankte sich mit der Ansage „ICE out“.
Schon die Ankündigung seines Auftritts vor vier Monaten hatte polarisiert. Bad Bunny hatte erklärt, ausschließlich auf Spanisch singen zu wollen. Kritikern riet er, für die Show seine Sprache zu lernen. Nach einem Shitstorm ruderte er zurück; es sei nicht nötig, Spanisch zu lernen, man könne einfach lernen zu tanzen.
Zudem ist der Auftritt in der Halbzeitshow der einzige Auftritt von Bad Bunny in den USA derzeit. Aus Angst, die US-Einwanderungsbehörden könnten am Rande seiner Konzerte gegen Latinos vorgehen, stehen Mexiko City, Barcelona und auch Düsseldorf auf der Tourliste, nicht aber New York oder Los Angeles. Entsprechend groß war die Vorfreude unter Fans auf den TV-Auftritt.
Die Hymne vor dem Spiel sang der Singer-Songwriter Charlie Puth an einem Piano. Das Meisterschaftsspiel der Football-Liga NFL hatten dann die Seattle Seahawks gegen die New England Patriots von Beginn an im Griff. Beim Stand 9-0 dieses amerikanischen Sports, der sich mit vielen Unterbrechungen perfekt für Werbeanzeigen eignet, geht es in die Halbzeitpause.
Bad Bunny erinnert in seinem weißen Kostüm an den legendären Freddie Mercury. Das Spielfeld wird zu einer karibischen Landschaft mit Gräsern, Zuckerrohr und Palmen. In der Mitte steht als Bühne „La Casita“, ein kleines rosa Häuschen, das denen in Puerto Rico nachempfunden ist. Durch diese Landschaft singt und zappelt sich der Musiker zwischen vielen, vielen Tänzerinnen und Tänzern.
Seine Musik dreht sich viel um Liebe und Herzschmerz; in seinem letzten Album aber wurde der Sänger in seinen Texten politischer. Auch „Lo que paso con Hawaii“ („Was mit Hawaii geschehen ist“) stimmt Bad Bunny in Santa Clara an. In dem Song kritisiert er die Übernahme von Hawaii durch die USA, das 1898 gleichzeitig wie Puerto Rico unter die Herrschaft der Vereinigten Staaten geriet.
Anders als Hawaii aber ist die Karibikinsel kein eigenständiger Bundesstaat und daher auch nicht im US-Kongress vertreten. Puerto-Ricaner sind Amerikaner zweiter Klasse, die Armutsrate auf die Insel ist hoch. In der Show zeigt ein EBT-Schild an einer Bodega in der Kulisse, dass in diesem Kulissengeschäft auch mit einer Art Bezahlkarte für Sozialhilfeempfänger (Electronic Benefit Transfer) eingekauft werden kann. Es sind seine Texte und solche Zeichen, in denen der Sänger seine Botschaften in der Halbzeitshow versteckt.
Überraschungsauftritte von Ricky Martin, Cardi B. und Lady Gaga
Ansonsten sehen die mehr als 100 Millionen Zuschauer vor allem eine große Party mit lateinamerikanischer und karibischer Musik. Der Sänger Ricky Martin, die Rapperin Cardi B. und Popstar Lady Gaga haben einen Gastauftritt. Lady Gaga singt mit „Die With a Smile“ den einzigen englischsprachigen Hit.
Gemeinsam mit Bad Bunny tanzt sie dann auf einer Hochzeitsfeier, bei der tatsächlich zwei Fans des Sängers getraut wurden. Angesichts der Tatsache, dass Bad Bunny bei seinen Auftritten auch schon Männer geküsst hat, war das eine überraschend konservative Note in einer Show, bei der viele im Vorfeld einen Eklat befürchtet hatten.
Die Abneigung war so groß, dass Republikaner dem Sportereignis fernblieben, darunter auch US-Präsident Donald Trump. In einem Interview sagte er, die Wahl Bad Bunnys sei eine „schreckliche Entscheidung“, nach Abpfiff beschimpfte er die Halbzeitshow als „schlechteste“ aller Zeiten. Die offizielle Begründung für sein Fernbleiben indes: Ihm sei der Weg nach Kalifornien einfach zu weit.
Für empfindliche MAGA-Anhänger, die die Bad-Bunny-Performance nicht aushalten konnten, veranstaltete die Organisation „Turning Point USA“ des ermordeten Aktivisten Charlie Kirk eine eigene „All American Half Time Show“ auf YouTube und in Spartensendern.
Und unter „All American“ verstehen die Macher vor allem E-Gitarren, Bärte und echte Kerle: Dort traten die Rockmusiker Kid Rock, Brantley Gilbert and Lee Brice auf, außerdem die junge Country-Sängerin Gabby Barrett. Zu Beginn spielt jemand die Nationalhymne „Star-Spangled Banner“ auf einer E-Gitarre. Was insofern bemerkenswert ist, denn damit hatte der schwarze Musiker Jimi Hendrix 1969 noch Empörung ausgelöst. Die Alternativshow war letztlich vor allem eine Würdigung Kirks, von dem mehrfach Bilder und Aussagen eingeblendet wurden.
Zurück ins Levi’s Stadium in Santa Clara: In „NuevaYol“ besingt Bad Bunny die puerto-ricanische und dominikanische Kultur in New York. Einem Kind überreicht er ein Replikat der Grammy-Auszeichnung und sagt: „Always believe in yourself“. Es gibt eine Werbetafel mit der Botschaft: „THE ONLY THING MORE POWERFUL THAN HATE IS LOVE.“ („Das Einzige, was mächtiger ist als Hass, ist Liebe.“)
Am Ende tauchen Tänzer mit Fahnen auf – es sieht aus wie der Einmarsch bei den Olympischen Spielen. Vorneweg die Fahne der USA (es ist schließlich immer noch der Super Bowl, nicht die Grammy-Verleihung!) gefolgt von Puerto Rico und weiteren Ländern des Doppelkontinents. Das soll auch die Botschaft sein. „God bless America“, sagt Bad Bunny. Und das ist so unverfänglich wie bedeutungsvoll. Denn er meint damit beide Amerikas. Chile, Argentinien und weitere Länder, zählt er auf. USA, Kanada, sagt er, und schließt mit „meine Heimat“ Puerto Rico. Dann schlägt er einen Football in seiner Hand auf den Boden und sagt auf Spanisch: „Wir sind noch immer da“.
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