Eine gewisse Leidensfähigkeit muss Max Langenhan als Spitzensportler von Haus aus mitbringen. All die Stunden im Kraftraum, bei der Athletik und vor allem an und auf der Rodelbahn sind zwar Leidenschaft, aber es steckt ja schon im Namen: Ein bisschen Leiden gehört dazu. Über Grenzen gehen, sich – im Positiven – quälen zu können, um das Maximale herauszuholen.
Rodler Langenhan ist ganz offensichtlich Experte darin: Nach WM-Gold im Einsitzer 2024 und 2025 schickt er sich an diesem Sonntag an, bei den Winterspielen in Cortina d’Ampezzo den ganzen großen Coup zu landen: Nach zwei von vier Läufen führt er, obwohl er mit starken Nackenschmerzen antrat. Der 26-Jährige kämpft somit ab 17 Uhr um das erste Olympiagold seiner Karriere. Und dies tut er in Schuhen, die ihm drei Nummern zu klein sind.
Langenhan, der in dieser Saison zwar in sechs von sieben Weltcuprennen auf das Podest gefahren war, aber noch keinen Sieg gefeiert hatte, strahlte schon seit den ersten Trainingsläufen im olympischen Eiskanal Ruhe und Gelassenheit aus und war in Plauderlaune. Dass eher der bis zu diesem Zeitpunkt wiedererstarkte Felix Loch und der Österreicher Jonas Müller angesichts ihrer Saisonleistungen als Goldkandidaten gehandelt wurden, mag dem zuträglich gewesen sein. Aber Langenhan weiß auch: Er ist ein Wettkampftyp. Die beiden vergangenen Weltmeisterschaften zeugen davon.
Im Training mit „Elefantenschuhen“
Nach einem seiner Trainingsläufe stand er da also im Zielbereich und ließ sich von den schnelleren Zeiten den Österreicher nicht irritieren. „Die fahren schon voll Wettkampfklamotten“, sagte er und zeigte auf seine Schuhe. „Ich nicht. Das sind riesige Elefantenschuhe.“
Ganz so war es nicht, aber im Vergleich zu seinem Wettkampfequipment dann doch eine andere Welt. „Der Schuh ist unten auch nicht glatt. Ich fahre zudem drei Nummern größer als das, was ich im Wettkampf und im letzten Training fahre. Normalerweise habe ich Schuhgröße 46, beim Wettkampf nutze ich 43“, erzählt er. „Dafür brauche ich auch andere Socken. Dann wird es sehr schnell kalt an den Füßen und ich muss den Schuh danach öffnen. Den Trainingsschuh kann ich hingegen entspannt tragen, darin tun mir die Zehen auch nicht weh.“
Den drei Nummern zu kleinen Wettkampfschuh trägt er deshalb immer nur kurz – an das leichte Leiden hat er sich gewöhnt. „Wenn ein Skifahrer gegen eine Torstange fährt, tut das irgendwann auch nicht mehr weh“, vergleicht er. „Das ist ja auch nur für einen kurzen Moment“. Unten im Ziel öffnet er sofort die Schuhe.
Warum das Ganze? Der Grund ist simpel. „Es bringt aerodynamisch so viel, dass wir Rodler einfach einen engeren Schuh anziehen und dabei auch ans Limit gehen. Und je enger der Schuh, desto mehr streckt er natürlich auch den Fuß, weil du den Reißverschluss oben auf dem Spann schließt. Das ist gewissermaßen eine Streckhilfe. Und das ist sehr, sehr wichtig“, erklärte er – und fügte grinsend hinzu: „Erst recht, wenn man seine Füße von Hause aus nicht so strecken kann – so wie ich.“
Langenhans Nackenschmerzen: „Ich konnte nicht ordentlich starten“
Wenn er an diesem späten Sonntagnachmittag dann wieder in seine engen Wettkampfschuhe schlüpfen wird, braucht er oben am Start Unterstützung. „Ich brauche Hilfe, dass mir jemand die Schuhe zumacht“, sagt er.
Vielleicht hat er dann wenigstens nur mit schmerzenden Zehen zu tun – und nicht mehr mit einem steifen Nacken: Langenhan hatte sich in der Nacht zu Samstag verlegen, war um 4 Uhr nachts mit Nackenschmerzen aufgewacht und zweifelte, ob er überhaupt antreten kann. Die Physiotherapeuten aber bekamen ihn fit, wenn auch nicht schmerzfrei. „Ich konnte nicht ordentlich starten. Die Startzeiten in den ersten beiden Läufen nerven mich schon ein bisschen“, sagte er. „Es war insgesamt okay, aber es hätte ja besser sein können. Das wäre cooler gewesen.“
Erstaunliche Worte angesichts seiner Ausgangslage: Vor den beiden abschließenden Läufen liegt Langenhan auf Goldkurs 0,162 Sekunden vor dem Österreicher Jonas Müller, dahinter folgt der Italiener Dominik Fischnaller. Felix Loch hat als Achter mit neun Zehntelsekunden auf Langenhan und sechs zu Bronze kaum noch Medaillenchancen. Der Chemnitzer Timon Grancagnolo liegt auf Rang neun direkt hinter Loch.
Melanie Haack ist Sport-Redakteurin und seit 2012 für WELT bei Olympischen Spielen für WELT vor Ort – aktuell ist sie in Cortina d’Ampezzo. Hier finden Sie alle ihre Artikel.
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