Es ist etwas mehr als ein Jahr her, da wähnte Andrej Kramaric die TSG Hoffenheim auf dem absoluten Tiefpunkt. Der erfahrene Stürmer und seine Mannschaft waren gerade mit 0:5 beim FC Bayern unter die Räder gekommen und auf den drittletzten Tabellenplatz abgerutscht.
„Es war völlig klar, dass das passiert. Das war ein Spiegelbild der Saison. Nichts funktioniert, seit der Verein sich verändert hat. Es besteht die Gefahr, dass wir absteigen“, sagte Kramaric und war nach dem letzten Spiel einer desaströsen Hinrunde extrem angefasst.
Dann fügte er an diesem 15. Januar 2025 noch wütend an, dass er, wenn er alles sagen würde, was er denke, „wahrscheinlich die größte Strafe in der Geschichte der Bundesliga bekommen werde.“ Das tat er dann zwar nicht – aber trotzdem wusste jeder, was und wen er meinte.
Denn in den Monaten zuvor hatte es wichtige und schwierige Personalwechsel gegeben. Nach langen internen Querelen und trotz massiver Fanproteste war im Juli 2024 der langjährige Sport-Geschäftsführer Alexander Rosen gegangen worden. Für ihn kam – mit drei Monaten Verzögerung – Andreas Schicker von Sturm Graz.
Der wiederum feuerte im November den noch von Rosen verpflichteten Trainer Pellegrino Matarazzo und holte Christian Ilzer, mit dem Schicker bereits in Graz erfolgreich zusammengearbeitet hatte. Doch dem neuen Duo schlug extrem viel Skepsis entgegen – im Verein, der damals schon gespalten war, von den Fans und auch von Teilen der Mannschaft. Von Chaos war die Rede – in der Führung und vor allem auf dem Platz.
Die TSG Hoffenheim ist die Mannschaft der Stunde
Umso verblüffender ist es, wie die TSG mittlerweile dasteht – gut zwölf Monaten nachdem Kramaric, mittlerweile mit zehnjähriger Vereinszugehörigkeit dienstältester Spieler, den kurz bevorstehenden Untergang befürchtet hatte. Der Klassenverbleib wurde geschafft – und am Sonntag geht es wieder zum deutschen Rekordmeister FC Bayern (17.30 Uhr/DAZN).
Diesmal allerdings unter völlig anderen Voraussetzungen: Die Hoffenheimer sind ist die Mannschaft der Stunde in der Bundesliga, liegen als Tabellendritter auf Champions League-Kurs – und kommen als echter Herausforderer zu den zuletzt schwächelnden Münchnern.
„In dieser Saison ist es möglich, etwas Großes zu erreichen. Ich genieße jeden Moment aktuell“, sagte Kramaric nach dem 3:1 über den 1. FC Union Berlin am vergangenen Samstag, dem fünften Sieg aus den vergangenen fünf Spielen.
Und dann brachte der 34-Jährige, der mit fünf Treffern der beste Bundesligatorschütze in diesem Jahr ist, zum Ausdruck, dass sich auch ein Routinier wie er irren kann: „Was Christian Ilzer und Andreas Schicker im Sommer gemacht haben, ist unglaublich: Wir haben super Transfers gemacht, eine super Energie in der Truppe.“ Innerhalb kurzer Zeit sei etwas gewachsen, was er so noch nicht erlebt habe. „Ich muss erlich sagen, das ist der beste Kader, den wir in den letzten Jahren hatten – eine Top-Mannschaft, Top-Qualität, viel Potenzial, viele junge Spieler, viele mit Erfahrung.“
Der Schlüssel des Erfolges sind tatsächlich vor allem die Verstärkungen. Kein anderer Klub hat in den vergangenen drei Transferperioden so viele Treffer gelandet – in allen Mannschaftsteilen. Ob die Abwehrspieler Bernado, Albian Hajdari und Vladimir Coufal, der Mittelfeldspieler Wouter Burger oder die Offensiven Bazoumana Touré, Tim Lemperle und Fisnik Asllani – alle Zugänge haben ihren Anteil am Höhenflug.
Vor allem aber hat Ilzer einen anderen Spirit ins Team gebracht. Der Österreicher, anfänglich belächelt, hat die Mannschaft auf einen Fußball vereidigt, der sich durch Dynamik auszeichnet: Kaum ein Team schaltet so schnell von Abwehr auf Angriff und spielt mit so viel Tempo.
Es macht wieder Spaß, die TSG zu sehen – nur schade, dass dies von Fans immer noch nicht so richtig honoriert wird. Nur 23.079 Zuschauer kamen in dieser Saison im Schnitt zu den zehn Heimspielen – das sind sogar weniger als zum gleichen Zeitraum der verkorksten Vorsaison (24.310 bei elf Spielen).
Hoffenheim zieht also möglicherweise zum ersten Mal und niemand merkt es? Ganz so ist nicht, allerdings sorgt der Klub auch immer für Negativschlagzeilen, die nicht gerade anziehend wirken. Die TSG ist in permanenter Unruhe – daran hat auch die gute sportliche Entwicklung nichts geändert.
Die jüngste Blüte der verworrenen Machtkämpfe, die Kraichgau toben: Auch Schicker, der entscheidende Architekt des Erfolges, soll zur Debatte stehen. Christoph Henssler, der interimistische Vorsitzende des Vereins, soll für kommenden Montag eine Gesellschafterversammlung angesetzt haben. Dies berichtete „Bild“. Dort soll sich der Geschäftsführer zur sogenannten Datenaffäre erklären. Die TSG hatte am 18. Januar mitgeteilt, dass die Mitgliederliste des Vereins „unberechtigt im Vereinsumfeld weitergegeben“ worden sei und eine Aufklärung angekündigt.
In die soll Schicker auf eine Weise eingegriffen haben, die einigen Leuten im Verein nicht passte – oder was sie Vorwand benutzen, um ihm zu schaden. Schicker soll die Hinweisgeberstelle für die Untersuchung neu und extern vergaben. Gerüchteweise heißt es, Henssler, der eine Nähe zur Ultraszene hat, plane, Schicker zum Sportdirektor zu degradieren. Sollte dies so kommen, wäre es mehr als wahrscheinlich, dass Schicker von sich aus ganz gehen wird.
Diese Befürchtung war es wohl, die den mittlerweile 85-jährigen Dietmar Hopp dann am vergangenen Donnerstag auf den Plan rief. Der Mäzen der TSG erklärte in einer Stellungnahme, er werde Schicker „aus voller Überzeugung und mit ganzem Herzen auf unserem gemeinsamen Weg in den internationalen Fußball unterstützen. Andi Schicker ist ein Garant für den größten sportlichen Erfolg seit sehr langer Zeit und stellvertretend für alle Fans und Unterstützer des Vereins.“
Das Dumme ist nur: Hopp hat, seit er sein Mehrheitsstimmrecht freiwillig an den e.V. zurückgegeben hat, formal nicht mehr die Macht, dies zu entscheiden. Er kann nur seinen nach wie vor großen Einfluss nutzen – was er offenbar tut.
Und deshalb steht zu befürchten, dass das Intrigenspiel hinter den Kulissen weitergeht. Im schon lange nicht mehr beschaulichen Kraichgau.
Oliver Müller ist Sportreporter und berichtet seit vielen Jahren für WELT. Sein Spezialgebiet ist Fußball, Müller ist zudem auch Podcaster.
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