Wer Katja Weber in Eberbach bei Heidelberg besucht, sieht noch immer das Namensschild „Seizinger“ am Haus. Und das, obwohl die 53-Jährige seit 1999 mit Kai-Uwe Weber verheiratet ist.
Lange war das Schild für die wechselnden Postboten, damit die Fanbriefe auch ankamen, „heute findet die Autogrammpost ihren Weg auch so“, sagt der ehemalige Skistar. Als Katja Seizinger verzückte die dreimalige „Sportlerin des Jahres“ eine ganze Generation an Alpin-Skifans.
Drei Goldmedaillen bei Olympia, zweimal Bronze sowie ein WM-Titel, zwei Gesamtweltcups und 36 Weltcup-Siege stehen in ihrer Bilanz. Und das, obwohl sie nicht aus den Bergen kommt, sondern aus Datteln im Ruhrgebiet. Aufgewachsen ist sie dann in Eberbach, wo sie am Katzenbuckel im Odenwald das Skifahren lernte.
Seizinger kam fast zu spät zur Siegerehrung
Wenn sie sich an ihr erstes Olympia-Gold 1994 in Lillehammer in der Abfahrt erinnert, muss sie lachen. „Ich wäre fast zu spät zur Siegerehrung gekommen. Es wurde bereits nach mir gesucht.“ Weitaus perfekter lief das Rennen zuvor. Mit der niedrigen Startnummer 3 raste sie zu Gold. Angeblich riet ihr Ski-Legende Franz Klammer dazu. Damit räumt sie jetzt auf.
„In meiner Erinnerung war die Wahl der Startnummer 3 eine gemeinsame Entscheidung von meinen beiden damaligen Trainern, Alois Glaner und Stephan Kurz, und mir. Bei der Herrenabfahrt am Tag zuvor hatte sich gezeigt, dass die frühen Nummern bei den Gegebenheiten zumindest nicht nachteilig waren“, sagt Seizinger.
Doch wohl in ihrer Haut fühlte sie sich nicht. „Ich hatte schon ein etwas mulmiges Gefühl. In der Abfahrt war es eher unüblich, freiwillig mit Nummer 3 ins Rennen zu gehen. Doch meine Trainer waren sich sicher.“ Und welche Rolle spielte nun Klammer? „Ob sie den Rat von ihm hatten, weiß ich nicht.“
Gold von Lillehammer ist das wertvollste
Was sie aber weiß, ist, dass sie damals als „Weiblicher Klammer“ bezeichnet wurde. Das schmeichelte ihr. „Ich fühle mich geehrt“, sagt sie heute noch. Vier Jahre später dann der Eintrag ins Geschichtsbuch. Nagano, das zweite Abfahrts-Gold in Folge. Das war noch niemandem gelungen. Der damalige Bundestrainer Wolfgang Maier sagte nach dem Coup: „Katja ist ein Jahrhunderttalent, mit dem sich selbst Heidi Biebl und Rosi Mittermaier nicht hätten messen können.“
Was für ein Satz. Seizinger bleibt cool: „Jede Generation wird von großen Namen geprägt, und es ist meines Erachtens schwierig, die Generationen miteinander zu vergleichen. Die Rahmenbedingungen der jeweiligen Ära dürfen nicht aus dem Auge verloren werden. Es gibt kein ,Besser‘ oder ,Schlechter‘. Es gibt nur ein ,Anders‘.“
Obwohl ebenfalls 1998 noch das Kombinations-Gold folgte, bleibt der Titel aus Lillehammer für sie der wertvollste – neben dem ersten Gesamtweltcup-Erfolg 1996, den sie ebenfalls in Lillehammer perfekt machte. „Die Atmosphäre war einmalig. Olympia war für die Norweger ein großes Volksfest, an dem sie die Welt teilhaben ließen. Und dies war überall zu spüren.“
1996 war es nicht anders. „Ich habe den Gesamtweltcup zweimal äußerst knapp verpasst. Im dritten Anlauf hat es endlich geklappt – ausgerechnet wieder in Lillehammer. Die Enttäuschungen der Jahre zuvor waren zwar nicht vergessen, aber geheilt“, sagt sie. Was den Zuschauern wohl bis heute am meisten haften blieb, war das deutsche Podest in der Kombination, wo Martina Ertl und Hilde Gerg hinter ihr ins Ziel kamen. Ihr Traum danach: mit beiden zum Heliskiing. „Leider hat sich noch keine Gelegenheit geboten, aber wir sind ja noch jung“, lacht die zweifache Mutter.
„Vonn ist ein Phänomen. Shiffrin das Maß aller Dinge“
Wie sieht sie Olympia heute? „Heute ist die Perspektive natürlich eine andere. Sport ist die schönste Nebensache der Welt, und Olympia lenkt für zwei Wochen ein wenig von den vielen unerfreulichen Nachrichten und Geschehnissen in der Welt ab. Damals drehte sich fast das gesamte Sportlerleben um Olympia und den Gewinn des Gesamtweltcups.“
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Die Spiele in Mailand und Cortina d’Ampezzo wird sie von zu Hause aus verfolgen. „Auch wenn ich schöne Erinnerungen vor allem an Cortina habe. Die Rahmenbedingungen für die alpinen Wettkämpfe sind absolut olympiawürdig. Wenn das Wetter mitspielt, dürften die Spiele für die Athleten ein großes Erlebnis werden“, glaubt sie.
Auch für dieses Quartett. „Lindsey Vonn ist ein Phänomen. Mikaela Shiffrin das Maß aller Dinge, auch wenn sie in dieser Saison bisher nur im Slalom überzeugen konnte. Emma Aicher wird ihren Weg erfolgreich gehen, und Kira Weidle hat gute Erinnerungen an Cortina (WM-Silber in der Abfahrt 2021; d. Red.). Man darf nicht vergessen: Bei Großereignissen ist an einem guten Tag alles möglich.“
Übrigens hieß es 1994: „Auch auf vier Rädern fährt sie wie ein Henker.“ Stimmt das? „Henker ist ein wenig schmeichelhafter Vergleich. Aber einmal Rennfahrer, immer Rennfahrer, dies dürfte zutreffen.“ Den Führerschein hat sie übrigens schon mit 16 gemacht, dank einer Ausnahmegenehmigung.
Was in den Jahren nach der Karriere besser geworden ist: Seizinger ist heute geduldiger. „Mit dem Alter wird man ruhiger. Kinder lehren einen, dass sich nicht mehr alles um einen selbst dreht und man als Elternteil hintansteht. Da ist Ungeduld ein schlechter Begleiter.“
Wie lebt Katja Seizinger heute? „Ich bin Frühaufsteher und nutze den Morgen und Vormittag gerne für den Schreibtisch. Einen geregelten Tagesablauf habe ich allerdings nicht. Der Tag richtet sich nach geschäftlichen Terminen und privaten Verpflichtungen.“
„Das Leben als Profisportler ist privilegiert“
Geschäftlich heißt, sie ist seit 2003 im familieneigenen Stahlkonzern tätig. „Ich bin seit vielen Jahren Aufsichtsratsvorsitzende für die Badische Stahlwerke GmbH und die Südweststahl AG.“ Und sportlich? Sie lacht: „Ich bin ganz und gar aufs Pferd gekommen.“ Das Fallschirmspringen, bei dem sie einst ihren Mann kennenlernte, hat sie aufgegeben.
Auch mit ihrem weiteren Weg nach dem Karriereende 1999 ist sie absolut zufrieden. Aller Verzicht und die Entbehrungen in der Kinder- und Jugendzeit haben sich gelohnt. „Ich habe auch heute nicht das Gefühl, etwas wegen des Leistungssports verpasst zu haben. Das Leben als Profisportler ist privilegiert. Man kann Erfahrungen und Erlebnisse sammeln, welche nicht jedem vergönnt sind.“
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