Seine größte Marotte vermochte er auch bei der Handball-Europameisterschaft nicht abzulegen. Wenn Alfred Gislason die Angriffssequenzen seiner Mannschaft verfolgte, ging er bei jeder Aktion auf dem Feld mit. Der Oberkörper wippte dann meist leicht nach hinten durch, und die Arme deuteten manchmal Wurfbewegungen an. Selbst im für einen Trainer fortgeschrittenen Alter von 66 Jahren konnte die erworbene Routine nie den Mitmacheffekt an der Auswechselbank stoppen.
Immerhin durfte Gislason nach dem neunten Spiel einer mehr als anstrengenden Dienstreise mal wieder etwas mitnehmen von einem großen Turnier. Die nach der 27:34 (16:18)-Niederlage im Finale gegen die Überflieger aus Dänemark errungene Silbermedaille war der sichtbare Lohn für ein Turnier, das zwischenzeitlich zu einer Blamage zu werden drohte, nun aber die verdiente Auszeichnung ist für die geleistete Aufbauarbeit des bisweilen sturen Coaches: Es ist der Triumph des smarten Isländers.
„Ich bin sehr, sehr stolz auf diese Mannschaft, wir haben Riesenschritte in unserem Spiel nach vorn gemacht. Angriff und Abwehr waren deutlich stabiler als noch vor einem Jahr“, sagte Gislason am Sonntagabend. „Wir sind auch deutlich besser in der Breite geworden. Von daher bin ich stolz auf die Entwicklung der Mannschaft. Das gibt mir zum Beispiel mehr als die Silbermedaille“, so der Trainer, der zum Finale anmerkte: „Das war ein sehr, sehr enges Spiel bis fünf Minuten vor Schluss. Wir haben immer gesagt, dass wir den Druck auf den Dänen groß halten müssen. Bei uns fehlten Kleinigkeiten, um das endgültig zu kippen.“
Kürzlich drohte noch die Entlassung
Gerade einmal zwei Wochen ist es her, dass WELT titelte: „Endspiel für Gislason“. Damals hatte der Bundestrainer mit seiner Mannschaft in der Vorrunde gegen Serbien 27:30 verloren. Vor der Partie gegen Spanien drohte somit eine Blamage von historischem Ausmaß: Noch nie war eine Nationalmannschaft in der ersten Turnierphase bei einer Europameisterschaft gescheitert.
Hätte es nicht zwei Tage später das 34:32 über Spanien gegeben, wäre Gislasons vorzeitige Entlassung aus seinem bis zum Ende der Heim-WM 2027 laufenden Vertrag beschlossene Sache gewesen. Nun stand er am Sonntagabend in der Jyske Bank Boxen von Herning mit der Silbermedaille um den Hals dar. Es zeigt die Schnelllebigkeit der Branche. Denn nun gilt er als Baumeister der jüngsten Erfolge: Alfred, der Architekt.
Auf dem Weg dorthin musste er einige Hürden nehmen und auch Kritik einstecken. Seine Aufstellung beim 26:31 in der Hauptrundenpartie gegen Dänemark, als er Andreas Wolff nach dessen vorangegangener Weltklassepartie gegen Norwegen (44 Prozent gehaltene Würfe, sic!) auf die Bank beorderte und auf die beiden etatmäßigen Außenspieler Lukas Zerbe und Lukas Mertens ganz verzichtete, brachte ihm verbalen Unmut aus der Branche ein: „Ich habe gedacht: Okay, schenken wir ab“, sagte etwa Pascal Hens, der mit Deutschland 2004 Europameister und 2007 Weltmeister geworden war.
Letztlich war das breite Ausnutzen des gesamten Kaders aber ein Hauptgrund dafür, dass Deutschland bei den Titelkämpfen in Dänemark, Norwegen und Schweden überhaupt reüssieren konnte. Spiele im Zwei-Tages-Rhythmus ließen Gislason gar keine andere Wahl – auch wenn er dafür bisweilen harte Kritik einstecken musste.
Gleiches galt für sein voreiliges Buzzer-Drücken in der Partie gegen Serbien: Dort löste er das akustische Signal für eine Auszeit den Bruchteil einer Sekunde vor Juri Knorrs Tor zum 26:26 aus – in einer Phase, als Deutschland auf die Verliererstraße geriet. Nach Ansicht der Videobilder entschieden die beiden ungarischen Schiedsrichter Adam Biro und Oliver Kiss, dass der Auslöser auf den roten Buzzer an der Seitenlinie ganz kurz vor Knorrs Treffer erfolgt war – kein Tor also, stattdessen Auszeit für die Deutschen. Immerhin nahm der Isländer direkt die Schuld auf sich: „Bei minus eins machen wir ein Tor, gerade, wo ich Time-out nehme, das ist natürlich fatal aus meiner Sicht und geht völlig auf mich“, erklärte Gislason.
Jenen Fauxpas konnte er noch während der EM wiedergutmachen. In der Partie gegen Frankreich drückte er den Auslöser im passenden Moment, verhinderte so einen Fehlpass von Nils Lichtlein und grinste noch vor der Auszeit schelmisch wie ein kleiner Junge.
Manchmal ist eben das passende Timing einfach nur Glückssache. Und ohnehin gehört das Zurückkeilen gegen seine Kritiker nicht zu den Grundeigenschaften Gislasons. Das hatte er auch schon rund um das Endspiel-Wochenende der EM kundgetan. „Eigentlich müsste ich jetzt ein bisschen austeilen. Ich muss immer an 2023 denken, als ich die jungen Leute getestet habe. Leider haben wir damals gegen Spanien, Dänemark und Schweden gespielt. Da sind wir einige Male unter die Räder gekommen und wurden danach dermaßen fertig gemacht in der Presse“, sagte er. Im Nachhinein sei es der richtige Weg gewesen, „dass wir an den Jungs festgehalten haben. Das sind unsere größten Talente. Sie haben sich in diesem Turnier weiterentwickelt, sind abgeklärter geworden und als Team zusammengewachsen“.
„Er hat ja kein großes Ego“
Vor drei Jahren hatte Gislason einige der aktuellen, jungen Leistungsträger für den EHF Euro Cup nominiert: Kreisläufer Justus Fischer (heute 22) und der Halbrechte Renars Uscins (heute 23) sammelten seinerzeit wichtige Erfahrungen auf hohem Niveau – auch wenn es zum Teil heftige Pleiten setzte: Gegen Dänemark verlor die Mannschaft seinerzeit 23:30 und 21:28 und gegen Schweden 23:32. Nur gegen Spanien gab es einen Sieg: 32:31 hieß es am Ende. Die hohen Niederlagen und die folgende Kritik ein Jahr vor der Heim-EM waren aber Gislason egal, er nutzte den weitgehend unwichtigen Wettbewerb zum Experimentieren.
Wenn er von etwas überzeugt, ist, lässt er sich ohnehin nicht umstimmen oder irritieren. Das macht es für einige Mitstreiter nicht immer einfach. Knorr etwa monierte nach dem Serbien-Spiel einen Mangel an Einsatzzeiten auf der Platte und gab dann im weiteren Verlauf der kontinentalen Titelkämpfe nach einem Vier-Augen-Gespräch mit seinem Boss zu Protokoll: „Ich rechne ihm das hoch an, dass er nichts persönlich nimmt. Er hat ja kein großes Ego, er stellt den Erfolg über alles.“
Diese Sicht der Dinge bescherte den Deutschen Silber. Bei einer EM ist er der größte Erfolg seit dem Triumph 2016, als die selbst ernannten „Bad Boys“ Geschichte schrieben. Wie Gislasons Generation an Spielern einmal genannt werden wird, ist noch ungewiss. Klar ist nur, dass der Isländer als ältester aller EM-Trainer reüssiert hat.
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