Wer Marko Grgic bei der Handball-Europameisterschaft bislang beobachtete, konnte lange Zeit nicht auf die Idee kommen, dass dort ein Hochbegabter seinen Job verrichtet. Mal haderte er mit seinen Abschlüssen, mal lief er nur halbherzig zurück in die Abwehr, mal wirkte er wie ein Fremdkörper im deutschen Angriffsspiel. Kurzum: So richtig angekommen war der Torschützenkönig der zurückliegenden Bundesligasaison noch nicht bei den kontinentalen Titelkämpfen in Dänemark, Schweden und Norwegen.

Das war beim 30:28 (15:17)-Sieg der deutschen Mannschaft am Samstagabend über Norwegen komplett anders. Grgic erzielte nicht nur sieben Tore, sondern glänzte auch mit schönen Anspielen an den Kreis. Endlich konnte er die Neben- gegen die Hauptrolle auf dem Feld eintauschen.

Während Deutschland mit nunmehr 6:0 Punkten in der Hauptrundengruppe I weiterhin glänzende Perspektiven auf das Erreichen des großen Ziels Halbfinale hat, ist nun auch einer der besten Spieler im Kader endlich angekommen auf der großen internationalen Bühne. Die schon vielfach gestellte Frage, wann Grgic endlich explodiert bei der Handball-EM, konnte nun beantwortet werden: am Samstagabend in Herning.

„Ich möchte mir noch nicht zu viel darauf einbilden“, sagte Grgic später in der Mixed Zone der Jyske Bank Boxen. „Ich möchte jetzt gern auch konstant über den Montag und den Mittwoch versuchen der Mannschaft zu helfen. Ich versuche das jetzt einfach ein bisschen zu genießen – dass der Druck jetzt abgefallen ist. Ich habe ein, zwei nette Worte von meinen Mitspielern in der Halbzeit bekommen, die mich aufgebaut haben.“

Die beiden etatmäßigen Halblinken Miro Schluroff und Julian Köster hätten beide nicht ihren besten Tag erwischt. Und dann gab es neben der kleinen Schwäche der beiden Mitspieler auch noch die persönlichen Worte von Bundestrainer Alfred Gislason an sein bisheriges Sorgenkind: „Alfred hat in der Halbzeit zu mir gesagt, dass sie mich jetzt mehr denn je brauchen. Ich habe jetzt einfach versucht meinen dummen Schädel auszuschalten, Handball zu spielen und aufs Tor zu werfen. So einfach das klingt. Es hat einfach funktioniert, und ich bin sehr froh darüber.“

Um die vorherige Fallhöhe zu dokumentieren, sei an die abgelaufene Saison erinnert. Dort erzielte der Rückraumspieler, der seinerzeit noch für den Mittelklasseklub ThSV Eisenach auflief, 301 Tore in der Bundesliga und sicherte sich die Krone – vor dem dänischen Welthandballer Mathias Gidsel (sic!), der für die Füchse Berlin auf 275 Treffer kam.

„Mein Ziel ist es, der beste Handballer zu werden“

Auch nach seinem Wechsel im Sommer nach Flensburg benötigte der 22-Jährige keine Anlaufzeit. Im Starensemble der Norddeutschen um Johannes Golla und Simon Pytlick sicherte er sich sofort viel Spielzeit, traf 115-mal – so viel wie kein anderer deutscher Spieler vor der EM – und fuhr als großer Hoffnungsträger für die Mannschaft von Bundestrainer Gislason zur Europameisterschaft. Dort angekommen allerdings, wirkte es lange so, als habe Grgic die Handbremse bei sich eingelegt – und bislang noch nicht lösen können.

Das geschah nun furios in der Norwegen-Partie, in der Grgic neben dem überragenden Torhüter Andreas Wolff (44 Prozent gehaltene Würfe) zum Matchwinner avancierte. „Danke an Andi, Wahnsinn, wie oft der uns den Arsch gerettet hat“, meinte Grgic, der selbst auch die höchsten Ansprüche an sich hat: „Mein Ziel ist es, der beste Handballer zu werden. Es ist aber ein richtig, richtig harter Weg“, sagte er in der sehenswerten ARD-Dokumentation „Generation Goldjungs“.

Von jenem Selbstbewusstsein und Anspruchsdenken ist nun auch bei den Titelkämpfen deutlich etwas erkennbar. Derzeit ist er auf seiner Position im linken Rückraum zwar nur die Nummer drei hinter Köster und Schluroff, der zudem noch mit 134,2 km/h den härtesten Wurf bei der EM abgegeben hat. Aber nach dem Spiel dürften die Karten neu gemischt werden. Einiges deutet darauf hin, dass sich dieser Status in den beiden wegweisenden Begegnungen am Montag (20.30 Uhr, ARD/Dyn und im WELT-Liveticker) gegen Olympiasieger Dänemark um Welthandballer Gidsel und am Mittwoch (18.00 Uhr) gegen Titelverteidiger Frankreich noch ändern wird.

An Fürsprechern jedenfalls mangelt es nicht: Grgic, der mit Deutschland 2024 Olympiasilber in Frankreich gewann, genießt hohes Ansehen innerhalb der Mannschaft. Deswegen war auch die Erleichterung bei einigen Kollegen groß: „Ich freue mich extrem, dass Marko Grgic sich so ein bisschen freischießen konnte von seinen persönlichen Problemen, das hat uns heute wirklich gutgetan. Die Bank funktioniert, das ist gut“, stellte Linksaußen Rune Dahmke fest.

Bundestrainer Gislason hatte schon während der Vorrunde gemeint: „Wir brauchen Marko, seine Zeit wird sicher noch kommen.“ Und auch Nationalmannschafts-Manager Benjamin Chatton hat nach wie vor eine hohe Meinung von Grgic: „Für mich ist klar, dass Marko in den nächsten Jahren ein ganz wesentlicher Faktor für diese Nationalmannschaft sein wird. Er ist ein unglaubliches Talent. Es ist für mich nicht die Frage, ob er noch helfen wird, sondern allein wann.“ Der Hochgelobte selbst hat nun Taten folgen lassen.

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