Die Sätze, die Harry Kane nach dem 5:1 des FC Bayern bei RB Leipzig sagte, waren für ihn eine Beschreibung der Qualität des FC Bayern. Für die 17 Gegner in der Bundesliga sind seine Worte eine Vernichtung. Was der Top-Torjäger der Liga (21 Treffer in 18 Liga-Spielen) ausspricht, ist eine Machtdemonstration, wie es sie im deutschen Fußball noch nie gegeben hat.

Auf Nachfrage begann der Kapitän der englischen Nationalmannschaft mit einem Rückblick. „Ich erinnere mich an mein erstes Gespräch mit dem Trainer, als er den Job bei Bayern übernahm (im Juli 2024; d. Red.). Schon da sagte er mir, dass wir gnadenlos mit allen Gegnern sein würden.“

Dann erzählte Kane, wie Vincent Kompany den deutschen Fußball-Rekordmeister auf ein neues Level der Gier hob: „Das ist die Mentalität, die der Coach hierhergebracht hat. Er hat vom ersten Moment an gesagt: Wenn wir ein Tor vorn sind, gehen wir aufs zweite. Und wenn wir drei vorn sind, gehen wir aufs vierte. Das ist unser Mindset. Das zeigt sich schon in der Art, wie wir trainieren. Da gibt es einen richtigen Wettbewerb – und das bringen wir auch in den Spielen auf den Platz.“

Und das mit eindrucksvoller Konstanz. Nach der Meisterschaft 2025 spielte Kompanys Mannschaft diese Saison die beste Hinrunde der Bundesliga-Geschichte. Nach 18 Spielen haben die Münchner 50 von 54 möglichen Punkten geholt und 71 Treffer erzielt. Kommentatoren-Legende und BILD-Experte Marcel Reif sagte: „Das begräbt den Rest der Liga unter sich. Ich mache mir da wirklich Sorgen.“

Es geht auch um die 50+1-Regel

Wie übermächtig diese Mannschaft ist, belegte das 5:1 in Leipzig in der wahrscheinlich brutalsten Form während der aktuellen Spielzeit. RB war vor der Halbzeit die bessere Mannschaft, spielte ohne Furcht, konsequent in Aufbau und Zweikämpfen, führte zur Pause 1:0 – und wurde trotzdem am Ende gnadenlos überrollt.

Es stellt sich die Frage: Schadet diese Dominanz der Bundesliga?

Selbst Bayern-Patron Uli Hoeneß hatte die Konkurrenzlosigkeit zuletzt als Gefahr für die Liga und seinen Verein ausgemacht. Seine Idee ist die Abschaffung der 50+1-Regel, die den Vereinen die absolute Mehrheit der Klubanteile garantiert. Ein Wegfall wäre gleichbedeutend mit einer Öffnung für Investoren. Das würde den Vereinen neue Möglichkeiten geben, ihre Mannschaften aufzurüsten. Diese Redaktion hat in der Liga und bei der Deutschen Fußball Liga (DFL) nachgefragt, wie die Bayern-Dominanz zu brechen ist.

„Die Lösungen liegen auf der Hand: Eine Gehalts-Obergrenze und eine gerechtere Verteilung der Fernsehgelder, die wirklich helfen würde. Nur die Umsetzung ist das Schwierige“, sagt Werder-Boss Klaus Filbry.

Andere Kollegen halten weniger vom sozialistischen Gedanken der Umverteilung der TV-Gelder innerhalb der Bundesliga von oben nach unten, weil es die deutschen Vereine – besonders den FC Bayern – international schwächen würde. Wie wird also die Bundesliga wieder richtig spannend, was für eine bessere internationale Vermarktung die Grundlage wäre, ohne Bayern per Anordnung zu schröpfen?

Diese Frage wird innerhalb der Liga schon sehr konkret hinter verschlossenen Türen besprochen. Das zeigt die Stellungnahme der DFL. Ein Ansatz dort ist eine internationale Gehalts- bzw. Kaderkosten-Obergrenze, die die deutschen Vertreter anschieben. Außer der Premier League könnte sie alle Top-Ligen spannender und die Vereine gesünder machen.

Die englischen Klubs würden sich beim Limit wahrscheinlich nicht zu weit drücken lassen. Wenn die Grenze für den Kader bei 400 oder 500 Millionen Euro liegt, hilft das dem FC Bayern auf dem höchsten europäischen Niveau. Es würde in der Bundesliga aber kurz- und mittelfristig nichts ändern.

FC Bayern hat Personalkosten von 429,5 Millionen Euro

Das wird beim Blick auf den Wirtschaftsreport der DFL deutlich: Der FC Bayern hatte im Geschäftsjahr 2024 Personalkosten für den gesamten Verein in Höhe von 429,5 Millionen Euro, Dortmund (268,5 Mio.) und Leipzig (202,1 Mio.) dahinter sind schon außer Reichweite. Das Bundesliga-Mittelfeld mit Vereinen wie dem 1. FC Union Berlin (85 Mio.), Bremen (71,6 Mio.) und dem 1. FSV Mainz 05 (66,6 Mio.) ist Lichtjahre vom FC Bayern entfernt. Eine Annäherung erscheint unmöglich.

Frankfurt-Boss Axel Hellmann hat sich damit anscheinend abgefunden. „Die Dominanz, sportlich wie wirtschaftlich, hat sich Bayern München über Jahrzehnte erarbeitet. Die ist nicht entstanden, weil im Hintergrund Investoren permanent Geld in den Klub pumpen“, erklärt der in der Liga einflussreiche Eintracht-Chef. „Deshalb halte ich überhaupt nichts von regulatorischen Maßnahmen oder Eingriffen. Beispiel Gehalts-Obergrenze. Die könnte man aktuell sowieso nur national einführen. Das heißt: Bayern bräuchte dann faktisch zwei Kader – national und international. Absurd.“

Seine Schlussfolgerung gleicht einer Kapitulation: „Dass diese Dominanz nicht gut ist für die Bundesliga und die Wahrnehmung der Bundesliga, weil die Spannung an der Spitze fehlt, ist allerdings unbestritten. Und sie wird in Zukunft noch größer, es wird noch öfter ein 6:0 oder 8:1 geben.“

Dazu muss man wissen: Hellmann gilt als jemand, für den es in der Leistungsgesellschaft keine Grenzen gibt. Er hat Eintracht Frankfurt vom Fahrstuhl-Klub zum Champions-League-Verein und Europapokal-Sieger angetrieben. Wenn er unüberwindbare Hürden erkennt, ist das womöglich das schlimmste Alarmzeichen.

Dortmunds Präsident Hans-Joachim Watzke ist in seiner Analyse noch nicht so weit. „In dieser Saison ist die Dominanz extrem, das stimmt. Aber schauen wir einmal zurück: 2023 hatten wir bis zum letzten Spieltag einen Meisterschaftskampf, in dem wir am Ende die Schale noch aus der Hand gegeben haben. 2024 wurde Leverkusen Meister. Insofern ist es nicht so, als wäre es in der jüngeren Vergangenheit immer eine glasklare Angelegenheit für die Bayern gewesen“, sagt Watzke.

Aber auch er verschließt die Augen nicht vor Fakten: „Klar ist doch: Wenn ein Klub deutlich mehr Gehälter als alle anderen Vereine zahlen kann und dieses Geld dann auch noch sehr gut einsetzt, ist es schwierig, diese Stärke zu brechen. Für mich hat Bayern München derzeit die beste Mannschaft Europas, das schlägt sich dann natürlich auch in der Bundesliga nieder.“

Rudi Völler, Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), sieht es ähnlich: „Vor zwei Jahren hat Bayer Leverkusen noch alles an die Wand gespielt. Jetzt ist es halt der FC Bayern. Da muss man den Hut ziehen, wie sie das machen. Nicht nur die Art und Weise, wie sie spielen, sondern auch den einen oder anderen, der ausfällt, ersetzen – das ist schon außergewöhnlich.“

Die Selbstaufgabe der Konkurrenz ist für ihn ausgeschlossen: „Aber da darf man nicht rumjammern! Das ist halt jetzt so in diesem Jahr, dass die Meisterschaft sicherlich schon relativ früh entschieden sein wird. Bayern wird zwar über zehn Jahre gesehen oft Meister werden, aber es ist nicht so, dass es immer so sein muss. Andere Vereine werden sicherlich auch wieder näher rankommen.“

Zu diesem Ziel bekennt sich in der Bundesliga nur Bayer Leverkusen, der Double-Sieger von 2024. Trotz der aktuell schwierigen Situation (Platz sechs) formuliert der Werksklub den erneuten Angriff auf die Münchner für die Saison 2025/26 als offizielles Ziel. Sportchef Simon Rolfes sagt: „Wir müssen uns verbessern. Wenn uns das gelingt, kommen wir näher. Das ist unser Ziel.“ Bedeutet: Nicht aufgeben, sondern ändern, was man beeinflussen kann.

An der Stelle befindet sich die Liga gerade in einem Dilemma wie zu Zeiten von Startrainer Pep Guardiola (2013 bis 2016) bei Bayern. Damals schonten Gegner gegen den übermächtigen Abo-Meister schon mal ihre Top-Stars, weil eh nichts zu holen war. Vorreiter war damals Frankfurt-Trainer Armin Veh, der es sogar öffentlich angekündigt hatte.

Wolfsburgs Stürmer Dzenan Pejcinovic stellte eine ähnliche Kapitulation während des 1:8 zum Jahresauftakt gegen den FC Bayern auf dem Spielfeld fest: „Wir haben uns in der zweiten Halbzeit leider etwas ergeben, da hat Bayern seine Qualitäten ausgenutzt – das ist für uns extrem bitter.“

Köln-Trainer Lukas Kwasniok erkannte nach dem tapferen 1:3 seiner FC-Mannschaft gegen Bayern: „Sie sind fußballerisch so überlegen, dass du einen zwölften Mann brauchst, der läuft und läuft und läuft.“

Leipzig-Kapitän David Raum sagte nach dem 1:5 am vergangenen Samstagabend: „Wir bekommen eine Klatsche und sind angefressen. Ich dachte, wir sind schon reifer. Wir haben nach den Gegentoren den Kopf verloren. Aber am Ende hat Bayern auch die Qualität, uns fünf Dinger einzuschenken.“ Weil Kompany innerhalb des Spiels personell immer wieder nachlegt. Raum: „Bayern kann unheimlich Qualität einwechseln: Da kommen dann Kimmich, Olise und Davies.“

Die Dominanz macht Angst. Sogar den Bayern. Sie gehen national ungeprüft in die heiße Phase der Champions League. Und die Top-Stars verlieren womöglich die Lust an der Selbstverständlichkeit der Siege. Rekordnationalspieler und Sky-Experte Lothar Matthäus warnt am Beispiel von Michael Olise. „Der FC Bayern ist für Michael Olise eine Wohlfühloase, in der er große Anerkennung erfährt, die Mannschaft funktioniert, seine Scorer-Werte sind herausragend. Bei Bayern weiß man, was man hat. Das heißt aber nicht, dass er seine ganze Karriere bleibt“, erklärt Matthäus.

Die Premier League könnte schnell sein Ziel werden. Nicht wegen des Geldes, sondern: „Eventuell kann die Dominanz des FC Bayern in der Liga auch zur Gefahr werden: Der Reiz eines offenen Titelkampfs kann verlockend sein. Die Herausforderung in der Liga ist eine andere als in Deutschland, da es drei, vier Teams gibt, die in einem offenen Wettkampf um den Titel spielen.“

Die Fernsehsender wünschen sich den auch für die Bundesliga. Das Zuschauerinteresse ist aktuell trotzdem erfreulich. Vor allem die Spiele der Bayern sind der Renner. Von Sky heißt es: „Der bisherige Reichweitenanstieg der Bundesliga-Übertragungen auf Sky Sport im zweistelligen Prozentbereich gegenüber der Vorsaison zeigt zudem, dass das Interesse der Fans an der Liga beziehungsweise ihrem Verein ungebrochen ist.“

Fraglich ist, wie lange das anhält.

DFL kämpft für ein Salary Cap

Auf Anfrage nimmt die DFL ausführlich Stellung zur Bayern-Dominanz: „Der FC Bayern hat eine herausragende Bundesliga-Hinrunde gespielt, ist zudem erneut auch international sehr erfolgreich und leistet damit einmal mehr einen enormen Beitrag zur positiven Wahrnehmung der Qualität des deutschen Fußballs. In Bezug auf die Auslandsvermarktung der Liga wissen wir von unseren internationalen Partnern: Ein spannender Meisterschaftskampf, Top-Stars mit globaler Strahlkraft, starke Klub-Marken und internationale Erfolge von Klubs und Nationalelf sind die zentralen Erfolgsfaktoren.“

Weiter heißt es in dem Statement: „In den vergangenen drei Saisons gab es in der Bundesliga zwei unterschiedliche Deutsche Meister, eine Entscheidung um den Titel in der Schlussviertelstunde des letzten Spieltags und in der Regel bis Saisonende Spannung unter anderem im Kampf um die Europapokal-Plätze und um den Klassenerhalt. In der Bundesliga wie im gesamten europäischen Fußballsystem bleibt die Wettbewerbsbalance dennoch eines der wesentlichen Themen – auf das zahlreiche Faktoren, auch Erlöse aus internationalen Wettbewerben, Einfluss haben. Auch vor diesem Hintergrund haben sich in den vergangenen Monaten die DFL und deutsche Klubs klar für ein absolutes Salary Cap (Gehalts- bzw. Kaderkosten-Obergrenze inkl. Ablösen und Berater-Honorare; d. Red.) ausgesprochen, das die Wettbewerbsbalance des gesamten europäischen Fußballs fördern würde.“

Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in „Sport Bild“ veröffentlicht.

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