Die persönliche Auszeichnung des Erfolges trug Renars Uscins mit einem Lächeln im Gesicht vom Feld. Er hatte acht Tore bei zehn Versuchen erzielt, wurde zum Spieler des Spiels gewählt und bekam dafür ein Banner mit der Aufschrift „Man oft the Match“ überreicht. Das war passend, denn es lag zuvorderst am Halbrechten aus Hannover, dass die deutschen Handballer den GAU bei der Europameisterschaft verhindern konnten.
Statt die Heimfahrt anzutreten, darf die Auswahl von Bundestrainer Alfred Gislason weiter mittun beim kontinentalen Kräftemessen in Dänemark, Norwegen und Schweden: Durch den 34:32 (17:15)-Sieg im abschließenden Gruppenspiel am Montagabend gegen Spanien zog die deutsche Auswahl gar mit der Maximal-Punktzahl von 2:0 in die Hauptrunde ein.
„Von uns fällt eine Riesenlast ab. Die letzten zwei Tage waren nicht so schön mit den ganzen Szenarien, die man in den Kopf durchgelassen hat“, gestand Uscins später in der Mixed Zone der Jyske Bank Boxen von Herning ein. Er meinte damit jene schwierige Konstellation, in die sich die deutsche Mannschaft durch die vorherige Niederlage gegen Serbien (27:30) gebracht hatte. Eine weitere Pleite hätte ein historisches Aus bedeutet, denn noch nie war eine deutsche Nationalmannschaft in der Vorrunde einer EM gescheitert. Dank der Nervenstärke und vor allem der kämpferisch ansprechenden Leistung im „Alles-oder-Nichts-Spiel“ gegen Spanien konnte dieses Szenario abgewendet werden.
Uscins hatte als bester Werfer seiner Mannschaft daran entscheidenden Anteil. „Das Spiel war sehr wertvoll für diese junge Mannschaft. Wir sind froh, dass wir uns selbst gezeigt haben, dass wir richtig gut spielen können“, erklärte er. „Das ist eine richtig geile Mannschaft. Wir können nicht nur erleichtert in die Hauptrunde gehen, sondern mit einem Lächeln. Wir haben richtig Bock auf die Spiele. Dafür trainiert jeder, dafür spielt jeder in der Nationalmannschaft: Weil er sich mit den Besten der Welt messen will. Das werden Riesenspiele. Das wird auch, egal, wie die Spiele ausgehen, eine riesige Entwicklung für die Mannschaft sein.“
Uscins ist zwar erst 23 Jahre alt, aber er hat schon eine Menge auf und neben dem Feld erlebt. Der introvertierte Typ gilt nicht als Lautsprecher seiner Branche, sondern als reflektiert – und deswegen hatte er zwischenzeitlich große Probleme damit, als Hoffnungsträger einer ganzen Nation zu gelten.
Jene Rolle hatte er durch seinen mehr als famosen Auftritt bei den Olympischen Spielen 2024 inne. Der Rückraumspieler traf nicht nur unmittelbar vor dem Ende des Viertelfinales gegen Gastgeber Frankreich zum 29:29. Er besorgte in diesem als „Sechs-Sekunden-Wunder von Lille“ in die Szene eingegangenen Partie auch den letzten Treffer zum 35.34 nach Verlängerung. Es war sein 14. Tor in der Begegnung – und Uscins hatte auf einmal nicht mehr die Rolle eines Riesentalents inne, sondern die eines auch öffentlich umworbenen Stars seiner Sportart.
„Erst dann bin ich fähig, Höchstleistungen zu bringen“
Als er vier Tage nach dem Duell mit dem Titelverteidiger aus Frankreich, einem folgenden Sieg gegen Spanien im Halbfinale und einer Niederlage im Endspiel gegen Dänemark die olympische Silbermedaille überreicht bekam, war er gerade einmal 22 Jahre alt. Mitten im schwierigen Entwicklungsprozess zwischen vielversprechendem Talent und gestandenem Handballprofi. „Am Anfang war es natürlich schon cool, dass man so eine Bilderbuchgeschichte schreiben konnte. Aber je öfter man das erzählt hat, umso müder wurde man davon einfach. Da ist das Coole ganz schnell vorbeigegangen, weil das gibt mir nichts“, berichtete Uscins in der sehenswerten ARD-Dokumentation „Goldene Generation“ rückblickend über diese Zeit.
Jene Phase seiner noch jungen Karriere zehrte an seinen Nerven – so sehr, dass er sich danach erst einmal ein bisschen zurückziehen und rausnehmen musste. Über diese vor allem mental fordernde Zeit sprach er nun erstmals bei der EM ausführlicher am Montagabend in Herning. Nicht einmal sechs Wochen Pause hätten im vergangenen Sommer ausgereicht, „um so ein Jahr gut zu verkraften“, meinte er. In der Hinrunde habe er sich dann auch noch eine Handverletzung zugezogen, die ihn zu einer mehrwöchigen Zwangspause gezwungen habe, in der er aber immerhin viel Kraft- und Athletiktraining habe absolvieren können. „Dann kam noch mal die kleine Pause zwischen Weihnachten und Silvester, wo ich mich tatsächlich immer besser gefühlt habe. Ich hoffe, dass ich da dranbleibe. Das wird auch wichtig für mich sein: Dass ich Energie in meinem Körper habe und eine Batterie, die gut geladen ist. Erst dann bin ich fähig, Höchstleistungen zu bringen.“
Vorfreude auf Dänemark
Er merke, dass all das gerade zunehmend mehr zurückkomme in den Partien für seinen Verein TSV Hannover-Burgdorf und auch in den Länderspielen. „Irgendwann bekommt man auch immer mehr ein Gefühl für das Spiel. Wenn man das kombiniert bekommt, habe ich, glaube ich, schon viele Hochs und Tiefs durchgemacht.“
Zwei Tage haben der Linkshänder und seine Kollegen nun Zeit, um ein bisschen durchzuschnaufen. Dann steht der Auftakt der Hauptrunde an, wo zum Start am Donnerstagabend vermutlich die Überflieger aus Dänemark auf Deutschland warten werden. Gegen das Team um Welthandballer Mathias Gidsel hatte es zuletzt zwei klare Klatschen gesetzt: 26:39 im olympischen Finale 2024, 30:40 bei der WM vor einem Jahr. Damit es nicht eine erneute Lehrstunde gibt für Uscins und Co., muss eine ähnliche Leistung wie gegen Spanien her.
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Deutschlands Halbrechter freute sich schon sehr auf das vermeintlich ungleiche Duell. „Jeder ist schlagbar“, erklärte Uscins. „Da muss schon sehr viel zusammenkommen, da müssen wir uns nichts vormachen. Da muss jeder wirklich an seinem Peak spielen. Wir freuen uns riesig, wir wollen uns mit den Besten der Welt messen. Und Dänemark – das sind gerade die Besten der Welt.“
Dass es nicht nur gegen Gidsel und andere Ausnahmespieler gehen wird, sondern auch gegen einen Großteil der dann ausverkauften Jyske Bank Boxen, machte Uscins nichts aus. Im Gegenteil: Er liebt solch eine Atmosphäre. „13.000 Fans gegen einen – da habe ich schon in Frankreich ein geiles Spiel gehabt. Wir werden uns mit einer breiten Brust den gegenüberstellen und ihnen alles abverlangen“, versprach er.
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