Als er seine große Mission anging, erstellte Max Eberl für sich und sein Team eine Art Kompass. In sein Büro in der Zentrale des FC Bayern hängte der Sportvorstand ein Flipchart, auf dem er drei Leitmotive schrieb – Evolution, Gemeinsam und Lust auf Neues.

Seit bald zwei Jahren ist Eberl beim deutschen Fußball-Rekordmeister in verantwortlicher Position. Nach anfänglichen Rückschlägen und Kritik hat sich der 52-Jährige ein sehr gutes Standing im Klub erarbeitet. Aktuell zeigt sich erneut, wie gut die Verpflichtungen von Michael Olise und Luis Diaz waren. Und wie passend der Kader der Bayern zusammengestellt ist.

Die Bundesliga führen sie trotz verletzt fehlender Stars wie Jamal Musiala mit großem Abstand an, stellten in dieser Woche mit dem 3:1 beim 1. FC Köln einen Rekord auf: Sie spielten die beste Hinrunde der Liga-Geschichte, übertrafen mit 47 Punkten und 66:13 Toren ihren Rekord aus der Saison 2013/14. In der Champions League sind die Münchner vor ihrem letzten Heimspiel der Liga-Phase am Mittwoch (21 Uhr, DAZN) gegen Royale Union Saint-Gilloise aus Belgien Tabellenzweiter.

Doch Zeit zum Genießen bleibt nicht. Eberl und Sportdirektor Christoph Freund stehen in diesen Wochen vor großen Herausforderungen. Sie müssen den Kader der Zukunft planen. Ehrenpräsident und Aufsichtsrat Uli Hoeneß hat sich gewünscht, dass die Personalentscheidungen vor der kommenden Saison früher feststehen als vor der vergangenen Spielzeit. Die Bayern wollen möglichst früh Klarheit haben. Es geht um Zu- und Abgänge. Um viel Geld. Und auf einer Position sogar um das mögliche Ende einer Ära. Fünf Personalien stehen im Fokus. Und sind mitunter äußerst heikel.

Manuel Neuer

Am 27. März wird der Torhüter 40 Jahre. 2011 wechselte er vom FC Schalke 04 zu den Bayern und entwickelte sich zum besten Torwart der Welt, stellte zahlreiche Rekorde auf. Am 30. Juni endet sein Vertrag. Endet dann auch die Ära Neuer? „Manu soll erst mal in dieses neue Alter einsteigen“, sagte Eberl kürzlich. „Es ist ein unfassbares Alter, über das wir uns unterhalten. Wir reden über Champions League. Wir reden über Top-Level in Europa und in der Welt.“

Im Frühjahr dürften die Bayern-Bosse mit Neuer über dessen Zukunft entscheiden. „Bild“ berichtet, dass für die Länderspiel-Pause Ende März Gespräche geplant sind. „Die Zeit ist da. Und die Zeit muss man sich auch geben“, so Eberl. „Weil in so einem Alter kann man nicht mehr perspektivisch mit solchen Spielern reden, sondern schaut kürzer.“ Die Fragen an Neuer würden im März lauten: „Wie fühlst du dich nach so einer Saison? Hast du überhaupt noch diese Energie und alles?“

Neuers Stellvertreter ist Jonas Urbig. Dem 22-Jährigen trauen sie bei den Bayern generell zu, als Nummer eins ein sicherer Rückhalt zu sein. Trainer Vincent Kompany wich der Frage, ob er dem vor einem Jahr vom 1. FC Köln verpflichteten Urbig schon in diesem Sommer die Rolle als Neuer-Nachfolger zutrauen würde, aus. „Diese Frage ist jetzt im Moment zu weit weg. Dass wir aber Vertrauen haben in Jonas, haben wir schon gezeigt“, so der Trainer. Viele in München rechnen damit, dass Neuer noch weiterspielen möchte. Und einen neuen Vertrag über ein Jahr unterschreiben wird. „Manu ist ein herausragender Kapitän und eine große Stütze für unsere Mannschaft“, so Eberl. „Er hat in den vergangenen Monaten maßgeblich zu unserer Entwicklung und unserem aktuellen Leistungsstand beigetragen.“

Der einstige Nationaltrainer Jürgen Klinsmann sagte diese Woche bei Transfermarkt.de: „Du kannst heute, wenn du ein absoluter Top-Profi bist, bis in deine vierziger Jahre spielen. Manuel ist nach wie vor Deutschlands bester Torwart, und ich sage: mit Abstand. Gianluigi Buffon hat bis 45 in Italien gespielt – das kann Manuel ohne Probleme auch.“ Neuer selbst sagte am vergangenen Mittwochabend: „Es macht sehr viel Spaß, in der Mannschaft zu spielen.“

Dayot Upamecano

Der Vertragspoker mit dem französischen Innenverteidiger zieht sich seit Monaten. Der 2021 für 42,5 Millionen Euro von RB Leipzig verpflichtete Profi wird von internationalen Topklubs wie Paris Saint-Germain oder Real Madrid umworben und könnte die Bayern am Saisonende ablösefrei verlassen. Dass die Münchner zügig zu einer Vertragsverlängerung kommen wollen, ist daher verständlich. Sie verbesserten ihr einstiges Angebot für eine Vertragsverlängerung kürzlich.

Zuletzt hieß es nun, es gehe um letzte Details. Bei den spekulierten offenen Punkten wie einem Handgeld und einer Ausstiegsklausel sollen sich beide Seiten einig geworden sein. Der 27-Jährige wird voraussichtlich einen langfristigen Vertrag mit einer Ausstiegsklausel unterschreiben und deutlich mehr verdienen als bislang. Klubchef Jan-Christian Dreesen nennt das Angebot seines Klubs „außerordentlich gut“ und bezeichnet Upamecano als einen der besten Innenverteidiger der Welt.

Sollte Upamecano wie erwartet in München verlängern, dürfte sich ein möglicher Zugang bei den Bayern erledigt haben: Nico Schlotterbeck. Mit dem Nationalverteidiger von Borussia Dortmund haben sich die Bayern dem Vernehmen nach intensiv beschäftigt. Er wäre aber wohl nur eine Option, sollte Minjae Kim die Bayern im Sommer verlassen. Mit Upamecano, Kim, Jonathan Tah, Hiroki Ito und Josip Stanisic haben die Bayern fünf Profis, die in der Innenverteidigung spielen können.

Als möglicher Zugang der Münchner für die Defensive gilt der 19-jährige Givairo Read von Feyenoord Rotterdam. Der Niederländer kann links und rechts als Außenverteidiger spielen. Eberl und Freund erstellen mithilfe von Datenbanken und dem Scouting-Team immer wieder Listen mit potenziellen Zugängen.

Leon Goretzka

Der Mittelfeldprofi wird am 6. Februar 31 Jahre, auch sein Vertrag endet am 30. Juni. Er soll bis zu 17 Millionen Euro im Jahr verdienen. Rund um den FC Bayern gehen die meisten davon aus, dass Goretzka keinen neuen Vertrag erhalten wird. Der Klub will seine Gehaltsstruktur optimieren und auf möglichst vielen Positionen auf junge Spieler setzen. Der Personalaufwand des FC Bayern ist enorm, er betrug in der Saison 2024/2025 beachtliche 408,3 Millionen Euro (alle Angestellten des Klubs eingerechnet).

Aus Italien heißt es, der AC Mailand sei an Goretzka interessiert. Der Profi spielt seit 2018 für die Münchner. Auch SSC Neapel soll an Goretzka interessiert sein.

Trainer Kompany setzte im ersten Bundesligaspiel des Jahres, beim 8:1 gegen den VfL Wolfsburg, im zentralen Mittelfeld auf Aleksandar Pavlović und Tom Bischof. Goretzka musste zunächst auf die Ersatzbank, Joshua Kimmich fehlte verletzt. In den großen Spielen der vergangenen Monate setzte Kompany mehrfach nicht auf Goretzka, beim 3:1 gegen den 1. FC Köln durfte der Routinier von Beginn an spielen. Im Mittelfeld der Bayern könnte sich in den kommenden Monaten ein Generationswechsel vollziehen.

Serge Gnabry

Ebenfalls im kommenden Sommer endet der Vertrag des Nationalspielers, der seit 2017 für die Münchner spielt. Gnabry galt in den vergangenen Jahren immer wieder als Verkaufskandidat, blieb aber und spielte im vergangenen Jahr mitunter groß auf. Beim 3:1 in Köln erzielte er ein Traumtor. Gnabry soll aktuell bis zu 18 Millionen Euro pro Saison erhalten und gehört damit zu den Topverdienern im Aufgebot des Deutschen Meisters.

Sollte der 30-Jährige einen neuen Vertrag erhalten, könnte dieser leistungsbezogener ausfallen. Im Gespräch ist offenbar ein Arbeitspapier über zwei weitere Jahre. „Wenn wir final sind, verkünden wir es“, sagte Eberl Mitte dieser Woche.

Lennart Karl

Der 17-Jährige ist bislang einer der Spieler der Saison, wird sogar als WM-Kandidat gehandelt. Sein Vertrag beinhaltet dem Vernehmen nach eine Klausel, mit der sich der Kontrakt an Karls 18. Geburtstag automatisch bis 2029 verlängert. Karls Geburtstag ist am 22. Februar. Der FC Bayern will aber frühzeitig handeln, das Gehalt des Jungstars anpassen und ihn noch länger an sich binden. Aktuell verdient Karl geschätzt zwischen einer Million und zwei Millionen Euro im Jahr, der neue Vertrag soll das Gehalt angeblich auf bis zu sieben Millionen erhöhen. Die Klubbosse erhoffen sich eine Verlängerung Karls bis 2031.

Generell gilt bei den Bayern: Transfers und Vertragsabschlüsse oberhalb von 50 Millionen Euro müssen vom Aufsichtsrat genehmigt werden. Für Eberl und Freund geht es im ersten Halbjahr 2026 auch um Zugänge. Für die Offensive beobachten sie unter anderem die 19-jährigen Yan Diomande von RB Leipzig (Vertrag bis 2030) und Shootingstar Saïd El Mala (ebenfalls Vertrag bis 2030)vom 1. FC Köln. „Diomande ist grundsätzlich ein sehr guter Spieler, das sieht jeder“, sagte Bayerns Sportdirektor Freund am Freitagvormittag.

Julien Wolff ist Sportredakteur im Sportkompetenzcenter. Er berichtet für WELT seit vielen Jahren aus München über den FC Bayern und die Nationalmannschaft sowie über Fitness-Themen.

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