Christian Eriksen wechselte nach der Transferperiode im September nach Wolfsburg. Dort absolvierte er bisher 15 Pflichtspiele, elf davon in der Startelf. Sein erstes Tor gelang ihm beim 2:1 am Mittwochabend im Bundesliga-Duell gegen den FC St. Pauli (Handelfmeter), er bereitete bisher zudem drei Treffer vor.
Weltweites Aufsehen zog er am 12. Juni 2021 auf sich, als er in der 43. Minute des EM-Spiels seiner Dänen gegen Finnland plötzlich auf dem Platz in Kopenhagen mit einem Herzstillstand zusammenbrach und reanimiert werden musste. Er wurde in ein Krankenhaus gebracht, wo ihm ein Defibrillator für den Fall eines erneuten Aussetzens des Herzens eingesetzt wurde. Als Ursache wurde eine erblich bedingte Verdickung des Herzmuskels festgestellt.
Eriksen sagte später, er sei „fünf Minuten tot gewesen“. Während der Wiederbelebung bildeten seine Mitspieler einen schützenden Kreis um ihren Kapitän, beteten und weinten. Das Spiel wurde fortgesetzt, Finnland gewann 1:0.
Frage: Herr Eriksen, Sie kamen erst nach der Transferperiode als vertragsloser Spieler nach Wolfsburg, wo es immer schlechter lief und eine schwere Krise ausbrach. Wie schwierig war Ihr Start in Deutschland?
Christian Eriksen: Ich wurde im Klub sehr herzlich und gut aufgenommen, aber Sie haben recht: Der Start war hart. Die Ergebnisse waren nicht da, und der Druck auf uns alle stieg. Es war eine Phase, in der ich und wir alle viel gelernt haben.
Frage: Zum Jahresstart gab es beim FC Bayern eine deftige 1:8-Niederlage. Was macht Sie dennoch optimistisch, dass die Rückrunde besser läuft?
Eriksen: Die zweite Halbzeit in München ist nicht die Art und Weise, wie wir auftreten wollen. Das müssen wir in den nächsten Spielen ändern. Im Vergleich zum Saisonbeginn hatten wir in den Spielen vor der Pause wieder mehr das Momentum. Das Selbstvertrauen wurde wieder größer. Aber klar ist: Wir brauchen noch viele Punkte – gerade mit Blick darauf, wo wir jetzt stehen.
Frage: Paul Simonis wurde am 9. November des vergangenen Jahres als Trainer entlassen. Empfinden Sie nach so vielen Jahren im Fußball da noch Mitgefühl?
Eriksen: Ja, natürlich. Er wollte, dass ich nach Wolfsburg komme. Dann tut es mir leid, dass er gehen muss. Aber ich weiß, was Sie meinen: Fußball ist sehr schnelllebig. Es gehört dazu, dass Trainer und Spieler kommen und gehen. Das habe ich sehr früh in meiner Karriere erlebt. Als ich ein junger Spieler bei Ajax war, ging mein erster Profi-Trainer nach wenigen Monaten.
Frage: Sind Sie mit Ihrer eigenen Leistung zufrieden?
Eriksen: Es wurde immer besser, ich fühle mich selbstsicherer und habe die Mannschaft und die Laufwege meiner Mitspieler besser kennengelernt. Aber ich möchte mehr Tore erzielen und vorbereiten.
Frage: Sie mussten im Sommer lange auf einen neuen Klub warten. Wie schwer war es, keinen Vertrag zu haben?
Eriksen: Es war ein toller Urlaub.
Frage: Sie schmunzeln ein bisschen.
Eriksen: Für meine Familie und mich als Vater war es tatsächlich schön. Aber klar: Am Ende der Transferperiode habe ich schon gewartet, was kommt. Du fragst dich: Was wird passieren? Der VfL Wolfsburg hat mir die Chance gegeben. Und bisher war es die richtige Entscheidung.
Frage: Haben Sie das Gefühl, einige Klubs wollten Sie wegen Ihrer Herz-Vergangenheit nicht holen?
Eriksen: Nein!
Frage: Warum wurde es Wolfsburg?
Eriksen: Ich hatte positive Gespräche mit den Verantwortlichen und habe mir gut vorstellen können, in Wolfsburg zu spielen. Mich hat es auch gereizt, noch einmal eine neue Liga kennenzulernen.
Frage: Kam der Wechsel zustande, weil Manager Peter Christiansen auch Däne ist?
Eriksen: Nein, aber die Gespräche waren einfacher. (lacht) Ich kannte ihn vorher nur aus der dänischen Presse. Wir haben hier zum ersten Mal gesprochen.
Frage: Hat die WM eine Rolle beim Wechsel gespielt?
Eriksen: Das war definitiv auch ein Grund. Ich möchte zur WM. Wir müssen uns noch gegen Nordmazedonien qualifizieren. Es werden harte Spiele, aber ich bin optimistisch. Ich mag solche entscheidenden Spiele – wenn man sie gewinnt. (lacht) Aber ich muss ehrlich sagen: Als ich im Sommer ohne Verein war, hatte ich schon das Gefühl, dass meine WM-Chancen immer kleiner werden.
Frage: Im September wurden Sie erstmals nicht für die Nationalmannschaft nominiert …
Eriksen: Ich fühle mich als Teil der Nationalmannschaft. Man will immer dabei sein. Aber der Trainer hat die Entscheidung getroffen, Spieler zu nominieren, die in ihren Klubs spielen oder überhaupt einen haben. Das musste ich respektieren. Aber es war sehr hart, zuschauen zu müssen.
Frage: Gibt es eine große Diskussion in Dänemark, ob Sie die WM spielen sollen?
Eriksen: Da müssen Sie mal in Dänemark nachfragen. (lacht) Im Ernst: Ich denke, es hat auch etwas Gutes. Denn der Fokus liegt auf mir als Fußballspieler. Wenn ich im Mittelpunkt stehen will, dann wegen Toren und Vorlagen. Ich kann nur sagen: Ich fühle mich bereit und kann dem Team sehr helfen.
Frage: Mit welchen dänischen Spielern haben Sie vor dem Wechsel über Wolfsburg gesprochen?
Eriksen: Mit Simon Kjær und Thomas Kahlenberg. Sie haben mir Gutes berichtet. Diese Einblicke haben geholfen.
Frage: Mit Nicklas Bendtner haben Sie nicht gesprochen?
Eriksen: Nein. Aber ich weiß, dass ich in Wolfsburg nie Mercedes fahren werde. (Anmerkung der Redaktion: Bendtner posierte 2016 provokant mit einem Mercedes in der VW-Stadt und produzierte damit einen Skandal)
Frage: Sie hatten bei der EM 2021 einen Herzstillstand auf dem Platz. Sehen Sie es als großes Geschenk an, dass Sie heute Fußball spielen?
Eriksen: Ja, ich bin sehr froh darüber, dass ich in der Lage bin, Fußball spielen zu können. Das war ich schon vor dem, was im Parken-Stadion passiert ist. Aber danach umso mehr. Nach diesem Tag hatte ich immer das Ziel zurückzukommen, wieder ein Fußballspieler zu sein. Das ist meine Identität.
Frage: Was hat sich seit dem Tag verändert?
Eriksen: Als Fußballer hat sich nichts verändert, als Mensch fast alles. Ich betrachte mein Leben anders, achte darauf, wie ich meinen Tag verbringe, mit meiner Familie umgehe, wie ich anderen Menschen begegne. Ich meine, ich war davor kein schlechter Familienvater. Aber ich konzentriere mich noch mehr darauf, ob die Familie und ich glücklich sind. Es hat mir geholfen, das Leben positiver zu sehen.
Frage: Haben Sie sich seitdem die Szenen aus dem Stadion angeschaut?
Eriksen: Ja.
Frage: Fühlt es sich an, als wäre es dort jemand anderes?
Eriksen: Nein, ich weiß, dass ich das bin. Das ist mir alles sehr bewusst. Es ist ein Teil von mir. Ich suche nicht nach den Bildern, aber ich entziehe mich ihnen nicht. Ich habe kein Problem, darüber zu sprechen, aber ich glaube, so langsam ist es auch beendet. Ich bin jetzt einfach Fußballer.
Frage: Und doch fühlen viele Menschen weltweit eine Verbindung zu Ihnen, weil sie die Szenen gesehen haben und nicht, weil sie ein bestimmtes Tor vor Augen haben.
Eriksen: Ja, das war seltsam für mich. Ich bin danach auf der Straße von Menschen angesprochen worden, dass sie durch mich in ihrem Leben oder im Umgang mit ihren Familien etwas verändert haben. Viele Leute hatten in gewisser Weise etwas mit mir gemeinsam. Das ist schön. Es war eine heftige Sache. Aber ich habe in dieser Zeit auch von harten Schicksalsschlägen anderer Menschen erfahren. Ich bin auf der glücklichen Seite des Lebens.
Frage: Worauf müssen Sie in Sachen Gesundheit achten?
Eriksen: Es ist alles gut. Ich habe regelmäßige Untersuchungen und Kontakt zu meinem Arzt, falls etwas sein sollte. Aber im Moment liegt der Fokus komplett auf dem Fußball.
Frage: In Italien dürfen Spieler wie Sie, die einen Defibrillator eingesetzt haben, nicht spielen. Ist das fair?
Eriksen: Nein, ist es nicht. Ich denke, in Italien gibt es diesbezüglich eine veraltete Sichtweise. Mittlerweile ist die Technologie mit all den Kontrolluntersuchungen und der Nachsorge tatsächlich sehr weit. Ich kenne die Regeln der Ärzte in Italien, aber verglichen mit dem Rest Europas sind sie sehr streng.
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Frage: Sind sportliche Themen wie Abstiegskampf für Sie völlig egal, wenn man erlebt hat, wie schnell das Leben vorbei sein kann?
Eriksen: Nein, das würde ich so nicht sagen. Ich wollte unbedingt wieder spielen. Also ist der Fußball ein sehr wichtiges Thema für mich. Ich will immer gewinnen. Daran hat sich nichts geändert. Fußball ist mir wichtig, macht Spaß. Aber meine Familie steht darüber.
Frage: Sie haben in England und Italien für Topklubs gespielt. Wie gefällt Ihnen die Bundesliga?
Eriksen: Es ist eine spannende Liga, für Spieler und für Fans. In der Bundesliga kann immer alles passieren. Da kann ein Team auch kurz vor Schluss 3:0 führen und verliert doch 3:4. Es gibt oft sehr viele Torchancen. Das Tempo ist hoch. Mir macht es Spaß. Ich mag es, wenn es schnell hin und her geht.
Frage: Kasper Hjulmand war Ihr Nationaltrainer. Wie sehen Sie seine Arbeit in Leverkusen?
Eriksen: Ich schaue natürlich auf seine Arbeit. Zum Ende war es keine leichte Zeit für ihn bei der Nationalmannschaft. Umso schöner ist es für ihn, dass er jetzt wieder zeigen kann, dass er ein großartiger Trainer ist.
Frage: Sie sind ein Weltstar, aber Sie wirken sehr zurückhaltend. Stehen Sie nicht gern im Mittelpunkt?
Eriksen: Auf dem Platz möchte ich im Fokus stehen. Privat bin ich eher ruhig und verbringe die Zeit mit meiner Familie.
Frage: Wie ist es in der Kabine?
Eriksen: Da unterhalte ich nicht die ganze Gruppe. Ich mache das, was alle anderen auch machen. (lacht)
Frage: Können Sie mir Ihrer Erfahrung jungen Spielern helfen?
Eriksen: Ich versuche es. Ich habe früher auch zu älteren Spielern aufgeschaut, insbesondere zu Jan Vertonghen. Mich kann jeder immer alles fragen, aber ich glaube, es ist wichtiger, dass junge Leute beobachten und sich etwas abschauen.
Frage: Es heißt, Sie lieben es, mit Lego zu spielen …
Eriksen: Natürlich! Ich bin Däne. Da ist es Pflicht, Lego zu lieben. Für uns ist das wirklich ein großes Ding. Ich mag meinen zusammengebauten Porsche. Aber sonst erfinden meine Kinder und ich immer neue Dinge mit den Steinen. Immer, wenn sie damit spielen, bin ich sofort dabei.
Frage: Sie sind sehr lange im Fußball – welche Entwicklung empfinden Sie als seltsam?
Eriksen: Social Media. Als ich ein junger Spieler war, waren wir beschützter. Heute bist du nach einer schlechten Leistung der mieseste Spieler der Welt. Nach einem guten Spiel bist du der Superstar. Dazwischen ist nichts. Es geht nur noch um Überschriften, nicht mehr um die Personen.
Frage: Und es werden immer mehr Spiele …
Eriksen: Was soll ich als Fußballer dazu sagen? Du bist Teil und folgst dem Programm. Aber die Gefahr ist, wenn es zu viele Spiele sind, bleibt der Spielfluss auf der Strecke. Die Spiele verlieren an Intensität. Es ist klar, dass die Spieler häufiger verletzt sind. Ich denke, wir haben jetzt genügend Spiele.
Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Bild“ veröffentlicht.
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