Deutschlands Handball-Nationaltorhüter Andreas Wolff hat die Stimmung vor dem EM-Auftakt gegen Österreich mit seiner gnadenlosen Kritik zusätzlich angeheizt. Einen Tag vor dem Aufeinandertreffen an diesem Donnerstag (20.30 Uhr, Dyn und ARD) in Herning reagierten die Profis aus dem Nachbarland mit Unverständnis auf die Aussagen des deutschen Keepers.
„Ich hoffe, er weiß selber, dass die Wortwahl nicht die richtige war. Wenn jetzt noch der letzte Spieler Motivation gebraucht hat, soll er sich noch mal das Video anschauen, dann sind die letzten Prozentpunkte da, um hundert Prozent zu geben“, konterte ÖHB-Keeper Constantin Möstl bei Sport1.
Selbst Deutschlands Spielmacher Juri Knorr hatte Wolffs Aussagen als „ziemlich offensiv“ empfunden. Auch Miro Schluroff erklärte: „Ich würde ihm nicht völlig widersprechen, hätte es aber anders gesagt“. Brisant: Beide Teams teilen sich ein Hotel und laufen sich schon vor Anpfiff über den Weg.
„Das möchte eigentlich keiner sehen“, befand Wolff beim Blick auf Österreichs Spielstil
Wolff hatte den Spielstil der Österreicher als „unattraktiv“ und als „Anti-Handball“ beschrieben und von einer „Hässlichkeit“ im Angriffsspiel gesprochen. Das ÖHB-Team spielt oft Sieben-gegen-Sechs – dabei ersetzt ein Team seinen Torwart durch einen siebten Feldspieler. „Das möchte auch eigentlich keiner sehen. Das ist sehr unattraktiv“, befand Wolff, der wie Rune Dahmke und Jannik Kohlbacher schon beim EM-Titel 2016 dabei war.
Auch die österreichischen Medien reagierten gereizt. So schrieb der „Kurier“, dass Wolff „seit kurzem alles, nur kein Sympathieträger“ sei. „Heute.at“ titelte in Anlehnung an die Niederlage der deutschen Fußballer gegen Österreich bei der WM 1978, die als Schmach von Cordoba in die Geschichtsbücher einging: „Deutscher Tormann poltert vor Handball-Cordoba“.
Das ohnehin schon spannungsgeladenen Nachbarschaftsduell erhält also noch mehr Brisanz. Um die schwierige EM-Mission nicht frühzeitig zu gefährden, ist ein Patzer gegen Österreich verboten. „Unser Ziel ist hochgesteckt, das heißt Halbfinale. Aber das ist die beste deutsche Nationalmannschaft, die ich trainiert habe“, sagte Bundestrainer Alfred Gislason.
Nils Lichtlein fällt aufgrund einer Fußverletzung aus. Entwarnung gibt es dagegen bei Renars Uscins, der sich im Test gegen Kroatien leicht verletzt hatte. Er sei noch nicht bei 100 Prozent, aber einsatzfähig, berichtete DHB-Manager Benjamin Chatton.
Kein Platz für Fehler – EM-Auslosung für Deutschland „ein Albtraum“
Trotz der gestiegenen Zuversicht nach zwei Testsiegen gegen den Vize-Weltmeister ist das deutsche Team bemüht, die Erwartungshaltung zu dämpfen. Wolff nannte die Auslosung einen „Albtraum“. Spielmacher Knorr bezeichnete das Turnier als das härteste seiner Karriere. Und Kapitän Johannes Golla mahnte, dass das Halbfinale keine Selbstverständlichkeit sei.
Auch wenn die Vorrunde mit Österreich, Serbien und Spanien ihre Tücken hat, gilt sie für Deutschland als Pflichtaufgabe. Die eigentliche Bewährungsprobe wäre die Hauptrunde, wenn Duelle mit Olympiasieger Dänemark, Frankreich sowie dem WM-Vierten Portugal und Norwegen drohen. „Man kann eine Niederlage vielleicht verkraften, aber keine zweite“, erklärte Gislason.
Da die dänischen Überflieger quasi als unbesiegbar gelten, würde ein Patzer gegen Österreich den Traum von einer Medaille früh zunichtemachen. Und das mit Bundesliga-Spielern gespickte ÖHB-Team von Trainer Iker Romero weiß, wie man Deutschland ärgert. Zwei der drei letzten Duelle endeten unentschieden.
Während das Selbstvertrauen beim DHB-Team kaum größer sein könnte, herrscht in Österreich nach drei Niederlagen in der EM-Vorbereitung Tristesse. „Es ist lange her, dass wir ein Spiel gewonnen haben“, sagte Kreisläufer Lukas Herburger von den Füchsen Berlin. Aber im Handball ist es wie im Fußball: Gegen den großen Nachbarn ist man besonders motiviert. „Wir wollen es endlich schaffen, nicht nur ein gutes Spiel zu machen oder unentschieden zu spielen, sondern einmal Deutschland zu schlagen“, betonte ÖHB-profi Mykola Bilyk.
Golla und Knorr als „Lebensversicherung“ von der Bank?
Deutschland ist klarer Favorit. Die Euphorie im Team ist nicht vergleichbar mit der Katerstimmung bei der WM vor einem Jahr. „Die Voraussetzungen sind anders. Kohlbacher war verletzt, Golla war fit, aber musste immer spielen. Julian Köster kam krank an und konnte nicht trainieren. Renars war völlig am Ende nach Olympia“, erinnerte sich Gislason, der sich diesmal über einen breiten Kader freut.
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Dank Neulingen wie Schluroff, Tom Kiesler oder Matthes Langhoff lässt sich die Belastung besser verteilen. „Wenn Golla, Köster oder Knorr von der Bank kommen können, kann die Bank unsere Lebensversicherung werden. Wenn wir das einbringen, könnten wir einen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Mannschaften entwickeln“, befand DHB-Manager Chatton.
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