Juri Knorr ist Starspieler im DHB-Team – und Auswanderer. Seinen Wechsel zum dänischen Klub Aalborg Håndbold werten manche als Flucht. Der stern hat nachgefragt, wie er das sieht.

Ein kalter Januartag, weniger als 24 Stunden vor der Abreise zur Handball-EM. Das DHB-Team versammelt sich im großen Saal des Sheraton Pelikan Hotels in Hannover zum Mannschaftsfoto. Alle sind schon bereit für die Kameras, als Torhüter Andreas Wolff von einem individuellen Pressetermin kommt. Er sei nur verspätet, weil Juri Knorr zuvor bei seinem Interview überzogen habe, stellt Wolff klar. "Oh Juriii", sagen die Teamkollegen im Chor. Knorr, in der ersten Reihe sitzend, lächelt verlegen. Der ruhige Spielmacher steht bei großen Turnieren besonders im Fokus der Presse. Nach dem Teamfoto und mehreren Einzelbildern kommt Knorr zum Pressegespräch auf das Podium am Ende des Raums, um weiteren Medien, darunter der stern, Rede und Antwort zu stehen.

Herr Knorr, im Sommer 2025 wechselten Sie von den Rhein-Neckar Löwen zum dänischen Erstligisten Aalborg Håndbold. Wie gut ist Ihr Dänisch mittlerweile?
Am Anfang saß ich in der Kabine und habe kein Wort verstanden. Wenn jemand einen Witz macht und die ganze Kabine lacht, du aber der Einzige bist, der es nicht versteht, bist du automatisch ein Außenseiter. Du kannst nicht wirklich zeigen, wer du bist. Ich habe mich gefühlt wie der 18-Jährige damals in Barcelona (Knorr spielte in der Saison 2018/19 für den FC Barcelona, Anm. d. Red.).

Wenn man sich dann aber durchkämpft, ist es ein gutes Gefühl. Jetzt ist mein Dänisch zwar weit weg von perfekt oder sehr gut. Aber gut genug, dass es für das eine oder andere Interview reicht.

Wie wurden Sie von den Dänen aufgenommen?
Sehr herzlich und angenehm. Auf der Straße sind die Leute sehr zurückhaltend. Eigentlich macht niemand ein Foto. Es ist eher so, dass die Leute mich ansprechen, man sich vielleicht kurz unterhält, das war's dann aber auch.

Und im Team?
Einige waren überrascht, dass ich gekommen bin, und haben sich darüber gefreut, dass sie mal einen Deutschen in ihrer Mannschaft haben. Das kam bisher kaum vor. Der Trainer hat mich scherzhaft ein bisschen aufgezogen: "Da kommt der große Star aus Deutschland!" Aber diese Mannschaft zeichnet aus, dass es keine großen Egos gibt. Niemand nimmt sich selbst für zu wichtig, obwohl manche es eigentlich könnten. Natürlich weiß jeder, wie gut er ist, und hat Selbstvertrauen. Aber jeder weiß auch, dass alle Spieler in der Mannschaft wichtig sind. Und egal, wer gerade auf der Bank sitzt oder spielt, es ist immer Support da. Das habe ich die ganze Zeit gespürt. Dementsprechend wurde es mir leichtgemacht, mich da zurechtzufinden.

Manche Experten haben Ihren Wechsel ins Ausland als Flucht aus dem Rampenlicht bezeichnet. Was sagen Sie dazu?
Für mich war es das nie. Im Endeffekt ist das Rampenlicht im Handball immer im Januar da (bei der Europa- oder Weltmeisterschaft, Anm. d. Red.). In der Bundesliga ist es nur ein Bruchteil davon. Wenn man die Zuschauerzahlen vergleicht, ist das ein riesiger Unterschied. Es war für mich einfach die Möglichkeit, zu einem Topklub zu wechseln und das gleichzeitig mit einer Auslandserfahrung zu verbinden. Ich empfinde mehr Druck dort, weil ich in einem Verein spiele, der das Ziel hat, jeden Titel zu gewinnen. Dementsprechend musst du auch immer performen. Wenn das nicht der Fall ist, spürt man das direkt. Bei den Löwen waren die Ansprüche natürlich auch hoch, aber nicht so hoch.

Von 2021 bis 2025 spielte Juri Knorr (r.) bei den Rhein-Neckar Löwen mit seinem DHB-Teamkollegen David Späth (l.). Die beiden wurden enge Freunde © Marius Becker / DPA

Apropos Bundesliga – der Coach der Füchse Berlin, Nicolej Krickau, sprach kürzlich vom besten Juri Knorr, den er je gesehen hat. Würden Sie dem zustimmen?
Hat er? Okay, schönes Kompliment. Das habe ich noch nicht gehört. Natürlich ist man manchmal besser in Form oder bekommt in der einen oder anderen Konstellation mehr Vertrauen vom Trainer. Das ist, glaube ich, immer das Entscheidende. Aber im Endeffekt wird auch jeder Spieler mit jeder Erfahrung besser, solange man nicht körperlich abbaut. Und so gilt es für mich auch, dass ich mittlerweile mit bestimmten Situationen einfach besser umgehen kann. Aber trotzdem wird es immer Schwankungen geben.

Er hat seine Aussage auf Ihren Wechsel nach Dänemark bezogen. Dass der ihnen guttut. Krickau ist Däne, er weiß wohl, wovon er spricht.
Absolut. Sicherlich hat mir das auch geholfen, mich noch mal in einem neuen Umfeld zurechtzufinden, mich anzupassen und auch dazuzulernen, weil es schon ein anderer Handball ist, der dort gespielt wird. Ich weiß jetzt nicht, ob ich besser oder schlechter spiele als vorher. Aber ich lerne dazu und das hilft.

Inwiefern anders?
Ich musste mein Spiel etwas anpassen. Bei den Löwen habe ich häufig die Aktion gestartet und hatte den Ball am Anfang in der Hand. In Aalborg gibt es viele andere Spieler, die das mindestens genauso gut können. Dementsprechend muss ich abseits des Balles mehr agieren. Ich muss immer noch dazulernen, weil das vorher nicht meine Rolle war.

Juri Knorr im Trikot seines neuen Klubs Aalborg Håndbold © Henning Bagger / Imago Images

Für die Vorbereitung auf die EM sind Sie zurück nach Deutschland gekommen. Was vermissen Sie an Ihrem Heimatland?
Ich vermisse Heidelberg manchmal schon, weil wir dort jetzt vier Jahre gewohnt haben und ein vertrautes Umfeld mit Freunden hatten. Das ist das, was am meisten fehlt. So etwas muss sich erst entwickeln. Natürlich habe ich in Aalborg mein soziales Umfeld über die Mannschaft, aber da hat auch jeder seine Familie und seine Leute. Alle sind supernett, aber um einen Schritt weiterzukommen, musst du ziemlich perfekt in der Sprache sein, und das braucht einfach Zeit.

Wie häufig stehen Sie in Kontakt mit Ihrem engen Freund und früheren Löwen-Kollegen David Späth?
Das funktioniert ziemlich gut. Es kann ja schon passieren, dass der Kontakt abreißt, das habe ich häufiger erlebt. Bei uns ist es so, dass wir eigentlich wöchentlich telefoniert haben. Mal mehr, mal weniger, aber wir sind sehr viel im Austausch.

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