Schon Friedrich Schiller wusste: „Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.“ So wird die Hauptfigur in seinem Drama „Wallensteins Tod“ (1800) vor verfrühter Freude über seine Situation gewarnt. Sebastian Ofner hätte sich besser an die Referenz erinnert. Dem österreichischen Tennisprofi ist passiert, was nicht passieren sollte. Er hat den Tag vor dem Abend gelobt. Oder um es in Tennis-Sprache zu übersetzen: Er hat sich zu früh über seinen Sieg gefreut.
Passiert ist das Missgeschick in der zweiten Qualifikationsrunde der Australian Open. Ofner, vor zwei Jahren mal auf Platz 37 der Weltrangliste, führte beim Stand von 6:4, 4:6, 6:6 im Match-Tiebreak mit 7:1, als er seinen vermeintlichen Erfolg feierte.
Er ballte seine Fäuste, grinste, schritt zum Netz, um sich die Gratulationen seines Gegners Nishesh Basavareddy abzuholen. Pech nur, dass sowohl der Schiedsrichter als auch Basavareddy die Regeln kannten. Der Match-Tiebreak in Melbourne wird anders als auf der ATP-Tour nicht bis sieben, sondern bis zehn Punkte gespielt.
Das Karma schlägt zurück
Es passierte, was passieren musste. Das Unheil Ofners, nun als Unwissender enttarnt, nahm seinen Lauf. Gerade noch in Siegessicherheit gewogen, schlug das Karma auf heftigste Weise zurück. Ofner brach ein, Basavareddy gewann acht der nächsten neun Punkte und später – nachdem Ofner noch zwei tatsächliche Matchbälle vergeben hatte – auch mit 13:11 das ganze Spiel.
Schillers Drama sah am Ende den Tod der Hauptfigur vor. Für Ofner hingegen sind nur die Hoffnungen auf seine zweite Teilnahme im Hauptfeld der Australian Open (nach 2024) gestorben.
Von seiner Australien-Reise bleibt dennoch eine dumme Niederlage – die neben Regelkunde auch mit einfacher Sprichwörter-Kenntnis hätte verhindert werden können. Denn neben dem Spruch aus Schillers Werk gibt es noch weitere Redewendungen, die ähnliches bedeuten. „Man soll das Fell des Bären nicht verteilen, bevor er erlegt ist“ ist nur ein Beispiel. Oder um es etwas vulgärer auszudrücken: „Am Ende kackt die Ente.“
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