Manuel Baum hat klare Vorstellungen, wie ein Trainer zu sein hat. „Der Trainer der Zukunft ist weniger Spezialist, mehr Generalist. Er ist Manager eines Teams aus Spezialisten“, erklärte der 46-Jährige einmal. Was er damit meinen könnte? Vielleicht, dass die Zeit der Ego-Shooter vorbei ist. Oder dass es wichtig ist, dass ein Trainer die Spieler, die ihm anvertraut sind, richtig einschätzen kann. Und vielleicht auch, dass es am allerwichtigsten ist zu wissen, welche Art des Auftretens zu einem Verein und dessen Philosophie passt.
Das ist, zugegeben, eine sehr freie Interpretation. Unstrittig jedoch ist: Es gibt derzeit nicht viele passendere Trainer für den FC Augsburg als eben Manuel Baum. „Ich habe mein Herz an den Verein verloren – egal, in welcher Funktion ich auch für ihn tätig bin“, sagte der ausgebildete Lehrer für Wirtschaft und Sport, der seit Anfang Dezember wieder Cheftrainer des FCA ist.
Erst sollte er das ja nur bis zur Winterpause machen. Kurz vor Weihnachten wurde dann aber bekannt gegeben: Er macht es jetzt doch bis Saisonende.
Der ursprüngliche Plan: Baum sollte Sandro Wagner beim FC Augsburg beraten
2014 war Baum das erste Mal nach Augsburg gekommen. Zunächst als Nachwuchstrainer. Im Dezember 2016 hatte er dann die Bundesligamannschaft übernommen. Auch damals hatte es zunächst geheißen: vorübergehend. Dann blieb er doch zweieinhalb Jahre. Und wäre Baum nicht im April 2019 freigestellt worden: Von sich aus wäre er möglicherweise nie gegangen. Denn so richtig lange hat er es woanders nie ausgehalten. Nur 14 Monate war er Nachwuchstrainer beim DFB. Ganze elf Spiele durfte er als Chefcoach bei Schalke 04 wirken. Er zwar zwei Jahre Leiter der Nachwuchsabteilung von RB Leipzig, doch dann ging er aus privaten Gründen.
Baum musste jedenfalls nicht lange überlegen, als sich im vergangenen Sommer die Chance zu einer Rückkehr bot – zumal ihm eine Position angeboten wurde, die wie für ihn geschaffen schien. Unter dem sperrigen Titel „Direktor Entwicklung und Fußballinnovation“ sollte er sich um die Förderung von Talenten kümmern. Außerdem, so der Plan, sollte er dem neuen Cheftrainer Sandro Wagner als Ansprechpartner in den Bereichen Taktik und Strategie zur Verfügung stehen.
Die Augsburger Revolution, deren Gesicht Wagner werden sollte, war ein umfassendes Konzept. Der FCA wollte neue Wege gehen, aus der grauen Maus sollte ein moderner, angriffslustiger Verein werden. In Benjamin Weber kam auch ein neuer Sportdirektor.
Der ambitionierte Plan scheiterte. Nach dem 0:3 gegen Hoffenheim am 29. November wurde Wagner gefeuert. Die sportliche Bilanz war extrem ernüchternd: zwölf Bundesligaspiele, acht Niederlagen. Wagner hatte den schwächsten Punkteschnitt aller FCA-Trainer seit dem Bundesligaaufstieg 2011. Vor allem jedoch hatte die Mannschaft den Glauben verloren, den offensiven Stil, den Wagner propagiert hatte, umsetzen zu können. Und dessen nassforsche Art war auch nicht hilfreich. Wagner hatte, selbst wenn die Talfahrt nicht nur mit ihm zu tun hatte, den FCA der Lächerlichkeit preisgegeben – wie beispielsweise mit seiner Aussage, die Augsburger hätten „keinesfalls weniger Qualität als die Bayern“.
Wer so eine Bruchlandung hinlegt, benötigt einen Stabilisator. Jemanden wie Baum. In den drei Spielen unter seiner Führung holten die Augsburger vier Punkte – mit einem Fußball, der an alte Zeiten erinnert.
Bereits bei Baums Comeback wurde der Kulturwandel deutlich: Die Mannschaft verteidigte tief, verstrickte sich nicht mehr im eigenen Ballbesitz und konterte schnell. „Keep it simple“, erklärte Baum im Anschluss an das 2:0 gegen Leverkusen sein Konzept: Fußball spielen zu lassen, von dem die Profis wissen, dass sie ihn auch spielen können.
Das ist eine Parallele zu dem Ansatz, den Eugen Polanski oft wählt. Der Cheftrainer von Borussia Mönchengladbach, der mit seinem Team am Sonntag Baums Augsburger empfängt (15.30 Uhr,im Sport-Ticker der WELT), setzt auf strukturierte Abläufe und klare Organisation. Das ist jedoch nicht die einzige Gemeinsamkeit: Auch Polanski übernahm die Mannschaft während der laufenden Saison – auch er hat eine besondere Bindung zu seinem Verein, den er aus vier Jahren als Spieler und über fünf Jahren als Trainer im Nachwuchs und der U23 kennt.
Das hat dem 39-Jährigen geholfen, eine verunsicherte Mannschaft wieder in die Spur zu bringen. Polanski wusste, wie er die Spieler anzupacken hatte, nachdem er Mitte September auf Gerardo Seoane gefolgt war. Auch er sollte zunächst nur übergangsweise Cheftrainer sein, erst zwei Monate später bekam er einen bis 2028 laufenden Vertrag. „Als Eugen noch Interimstrainer war, ist ihm das komplette Team schon komplett gefolgt“, sagte Gladbach-Manager Rouven Schröder. Es sei „seine ganze Art“, die ihn überzeugt habe. „Er lebt Borussia, ist einfach ein Gesicht dieses Vereins“, so Schröder.
Polanski ist schon weiter als Baum: Er hatte das Team auf dem 16. Tabellenplatz übernommen und es trotz eines 0:2 in Dortmund kurz vor Weihnachten mit 16 Punkten in die Winterpause und ins Mittelfeld geführt. „Grundsätzlich können wir zufrieden sein mit der Entwicklung. Aber wir wissen, dass wir noch extrem viel Arbeit vor uns haben“, sagte er.
Baum und Polanski befinden sich in guter Gesellschaft. Im zweiten Sonntagsspiel tritt der VfL Wolfsburg beim FC Bayern an. An der Seitenlinie: Daniel Bauer. Der 43-Jährige ist seit neuneinhalb Jahren bei den Niedersachsen, arbeitete meist als Nachwuchstrainer. Seit November führt er die Bundesligamannschaft – zunächst interimsweise, bis er vor dem letzten Spiel gegen Freiburg (3:4) offiziell zum Chefcoach befördert wurde. Seither hat sich die Stimmung rund um den Werksverein merklich aufgehellt.
Es hilft, den Verein zu kennen. Es ist nicht zwingend nötig, ein charismatischer Trainerguru zu sein.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke