Es gab zwar doch noch ein Happy End für den BVB, aber so richtig freuen konnte sich Niko Kovac trotzdem nicht. Es stimme zwar, sagte der Trainer von Borussia Dortmund: Dieses energiegeladene, und spannende 3:3 (1:1) habe „so ziemlich alles gehabt, was sich Fans wünschen.“ Doch so turbulent das erste Bundesligaspiel in 2026 auch war und wie spektakulär es endete – aus seiner Sicht war das Resultat enttäuschend. „Wir hätten das Spiel schon vorher gewinnen müssen. Die Qualität dazu haben wir. Aber wenn du eine Top-Mannschaft bist und ganz nach oben willst, dann musst du es auch tun“, sagte Kovac.
Der Last-Minute-Ausgleich war für ihn deshalb eher ein schwacher Trost am Ende seiner Rückkehr an die alte Wirkungsstätte. Vor fast genau zehn Jahren war Kovac Trainer in Frankfurt geworden. An die Eintracht habe er sein „Herz verloren“, hatte er vor dem Anpfiff verraten. Trotzdem hätte er an diesem nasskalten Freitagabend gern mehr als nur den einen Punkt nach Dortmund mitgenommen.
Immerhin habe er „viele gute Sachen“ gesehen, erklärte Kovac. Es sei erkennbar gewesen, dass sich beim BVB die Abläufe im Offensivspiel, gemeinhin nicht die größte Dortmunder Qualität in einer insgesamt erfolgreichen Saison, verbessert hätten. Daran hatte Kovac im Trainingslager in Marbella arbeiten lassen. „Und damit bin ich zufrieden, mit den drei Gegentoren nicht“, so der 54-Jährige.
Die Vorstellung des BVB entkräftet zunächst den Vorwurf an Kovac
Dafür allerdings konnte nach diesem Abend niemand mehr sagen, der BVB könne nicht auch Spektakel bieten. Das war der einzige Vorwurf, der Kovac in den vergangenen Monaten immer mal wieder gemacht worden war: Die Borussia würde unter ihm zu vorsichtig spielen.
Doch in Frankfurt war der Tabellenzweite nicht nur zweimal in Führung gegangen, sondern hatte sich eine Reihe weiterer Möglichkeiten erspielt. „Grundsätzlich haben wir ein gutes Spiel gemacht, wir waren eigentlich besser. Doch drei Gegentore sind zu viel, um auswärts zu gewinnen“, sagte Nico Schlotterbeck, der mit einem Kopfball auch eine große Chance hatte. Der Ball klatschte in der 90. Minute an die Latte.
So blieb es spannend. Das lag an den eher ungewohnten defensiven Dortmunder Aussetzern wie dem fahrlässig verursachten Foulelfmeter durch den erneut schwachen Serhou Guirassy oder einem missglückten Klärungsversuch durch Julian Ryerson – vor allem aber auch am Gegner, der seine Lehren aus den schwachen Leistungen der vergangenen Monate gezogen hatte. Das Team von Dino Toppmöller spielte endlich wieder so, wie die Eintracht spielen sollte: nicht immer filigran, aber extrem intensiv.
„Was war das für ein Spiel?! Beide Teams haben auf Sieg gespielt, knackige Zweikämpfe, schöne Tore“, sagte der Frankfurter Trainer. Toppmöller hatte nach eher leblosen Auftritten der Mannschaft, allerlei Gegrummel im Verein und der klaren Ansage von Klubchef Axel Hellmann („Raus aus der Wohlfühloase“) Druck verspürt. Und in der Schlussphase wurde er emotional regelrecht durchgeschüttelt: Erst machte Mahmoud Dahoud in der zweiten Minute der Nachspielzeit das 3:2 für die Eintracht – dann traf Dortmunds Carney Chukwuemeka (90.+6) doch noch zum 3:3 für den BVB. „Es tut weh, wenn hier erst das Dach wegfliegt und wir dann noch so ein krummes Ding bekommen“, konstatierte Toppmöller: „Aber wenn man die Emotionen weglässt, ist es ein faires Ergebnis.“ Das kam der Wahrheit ziemlich nahe.
Vor allem aber war das Spiel ein Beleg der Qualitäten, die die Bundesliga auch dank Vereinen hat, die nicht Bayern München heißen – und die trotz ihres wirtschaftlichen Rückstandes auf den Rekordmeister manchmal einfallsreich handeln. Denn hätten die Frankfurter in der kurzen Winterpause nicht zwei neue Stürmer verpflichtet – die Partie wäre um ihr besonderes Highlight gebracht worden.
Arnaud Kalimuendo und Younes Ebnoutalib verzückten bei ihren Debüts nicht nur die Frankfurter Fans. Der von Nottingham Forest ausgeliehene Franzose Kalimuendo schickte neun Minuten nach seiner Einwechselung Ebnoutalib, der vom Zweitligisten Elversberg gekommen war, mit einem perfekten Pass auf die Reise – und der geborene Frankfurter, der bis zum vergangenen Sommer noch beim Regionallisten FC Gießen gekickt hatte, erzielte in seinem ersten Spiel für seinen Lieblingsverein sein erstes Tor. Ebnoutalib beantworte anschließend die abgedroschenste Reporterfrage überhaupt: „Wie fühlt sich das an?“ Seine Antwort: „Krass, das ist ein unbeschreibliches Gefühl.“ Dabei strahlte der 22-Jährige übers ganze Gesicht.
Ebnoutalib soll den Ausfall von Top-Stürmer Jonathan Burkardt kompensieren, der noch bis Februar fehlt. Der für acht Millionen Euro Ablöse verpflichtete 1,91-Meter-Mann traf nicht nur zum zwischenzeitlichen 2:2, sondern behauptete sich gegen Dortmunds Abwehr mit Waldemar Anton, Niklas Süle und Nico Schlotterbeck bemerkenswert gut. „Younes hat sich direkt freigeschwommen. Es ist nicht einfach gegen die drei Hünen beim BVB. Er ist dahin gegangen, wo es weh tut - und hat sich mit einem tollen Tor belohnt. Wir sind sehr zufrieden“, sagte Toppmöller.
Ebnoutalib sei ein Spieler gewesen, „den wir unbedingt verpflichten wollten. Er hat in den ersten Trainingseinheiten einen hervorragenden Eindruck gemacht. Von daher haben wir ihn einfach ins kalte Wasser geschmissen. Younes hat ein gutes Gespür für die Positionierung im Rücken des Gegners, hat einen guten Tiefgang. Dass er den mit der Sohle noch so mitnimmt und ihn reinschießt, das ist für ihn ein ganz besonderer Tag, hier vor unserer Fankurve das Tor zu schießen“.
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Ebnoutalib selbst sagte, er sei „einfach nur dankbar, dass der Trainer mir die Chance gegeben hat, direkt von Anfang an zu spielen“. Er habe „immer viel gearbeitet, ich war ein richtiges Arbeitstier. Ich habe immer versucht, Dinge anzunehmen und meinen Trainern immer zuzuhören, damit ich mich verbessern kann. Ich habe einfach nie aufgegeben, bin immer drangeblieben. Ich bin Elversberg sehr dankbar, dass sie mir damals die Chance gegeben haben. Die haben mich sehr weit gebracht, ich habe mich dort gut entwickelt“.
Ebnoutalib und sein Jubel vor der Fankurve war alles in allem eine fast schon anrührende Heldengeschichte. Der Sohn marokkanischer Einwanderer zeigte dabei mit den Fingern die Ziffern 4, 3 und 9. Sie entstammen der Postleitzahl der Frankfurter Nordweststadt (60439), einer Großsiedlung mit trostlosen Hochhäusern, ein sozialer Brennpunkt. Hier war Ebnoutalib aufgewachsen – und hatte davon geträumt, eines Tages für die Eintracht zu spielen. „Mein Tor war für die Nordweststadt“, sagte er stolz: „Ich grüße meine Familie und meine Freunde.“
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