Über Jahre dominierte Johannes Thingnes Bö den Biathlon. Dann schockte der fünfmalige Olympiasieger die Fans mit seinem Rücktritt vor den Olympischen Spielen 2026. Im März des vergangenen Jahres beendet er seine außergewöhnliche Karriere. Im deutschen Fernsehen ist der 32-Jährige, der 23-mal WM-Gold holte, aktuell als Werbegesicht bei den Biathlon-Übertragungen dauerpräsent.
Frage: Herr Bö, welche deutschen Biathleten bewundern Sie?
Johannes Thingnes Bö: Es gibt so viele. Franziska Preuß ist im Liegendschießen unglaublich, einfach eine perfekte Schützin. Stehend war Laura Dahlmeier herausragend. Sie zeigte so eine mentale Stärke, durch die es so leicht aussah. Alles ging jedes Mal ins Ziel. Dann noch die Ski-Fähigkeiten von Magdalena Neuner. Sie ist einfach die Königin! Die Göttin! Ich habe immer die Kämpfe mit Simon Schempp und Arnd Peiffer geliebt. Die Staffel-Duelle mit den Deutschen waren stets eine Herausforderung.
Frage: Dahlmeier verunglückte im Juli tödlich in den Bergen Pakistans. Wie hat es Sie bewegt?
Bö: Sehr traurig, ganz besonders für ihre Familie, auch für die Biathlon-Familie und die Sportwelt. Sie war für so viele ein Vorbild. Was sie besonders auszeichnete, war, dass sie zwar stark im Sport war, aber auch ein Leben und eine Perspektive außerhalb des Biathlons hatte. Diese Eigenschaft teile ich mit Laura. Wir hatten beide dieselbe Vision vom Leben außerhalb des Sports, kombiniert mit dem Ehrgeiz, so erfolgreich wie möglich im Biathlon zu sein.
Frage: Wie sahen die Gemeinsamkeiten aus?
Bö: Laura trat mit 25 zurück, weil sie mehr erleben wollte und Abenteuer suchte. Ich hörte zwar erst auf, als ich 31 war, aber ich tat es im Grundsatz aus denselben Gründen. Weil ich wusste: Es gibt mehr im Leben als immer nur das nächste Training oder den nächsten Titel. Viele Sportler konzentrieren sich sehr auf das nächste Ziel und erlauben sich nicht, das Leben zu genießen, in Kombination mit dem Leben eines Athleten. Wir waren im gleichen Alter, erzielten für viele Jahre die gleichen Ergebnisse. Wir haben die Schritte des anderen verfolgt. Daher war ich sehr traurig. Laura ist eine Legende und wird es für immer bleiben.
Frage: Dahlmeier wurde beim Weltcup in Hochfilzen geehrt, jetzt stehen die Weltcups in Oberhof und Ruhpolding an, wo ihrer bestimmt auch gedacht wird. Welchen deutschen Weltcup mochten Sie lieber?
Bö: Immer den, wo meine Resultate gerade am besten waren. Es sind beides legendäre Orte – als wenn ich zwischen zwei Sorten von Schokolade wählen müsste. Ich mag sie beide. Ich dachte manchmal, dass mich die deutschen Fans sogar noch mehr anfeuerten als die deutschen Biathleten – und die unterstützen sie schon sehr. Sie sind einfach freundliche Fans, lieben den Sport und ihr Land. Aber sie feiern auch jeden, der Erfolg hat.
Frage: In den Rennen sind Sie nicht mehr zu sehen, dafür hört man Sie in Werbespots Deutsch sprechen. Wie schwer war es?
Bö: Die ein, zwei Sätze sollte jeder hinkriegen, ohne die Sprache zu können. Das ist bereits mein dritter Werbespot für LaVita. Es wird jedes Mal besser. Diesmal hatte ich fast keine Fehler mehr bei den Aufnahmen. „Gut, dass es LaVita gibt“ ist ziemlich leicht auszusprechen. In den nächsten Jahren werde ich sicher noch besser, vielleicht können wir dann noch mehr Dialoge auf Deutsch versuchen.
Frage: Wie oft werden Sie auf die Werbespots angesprochen?
Bö: Unglaublich oft, und was kurios ist, sogar in Norwegen, wo die Spots gar nicht laufen. Meine Schwiegereltern haben mir den Werbeslogan auch schon in Telefonaten gesagt. Es ist überall! Als ich noch aktiv war, riefen mir die Fans „Gut, dass es La Bö gibt“ zu.
Frage: Wie fühlen Sie sich als Schauspieler?
Bö: Die Filmdrehs machen fast zu viel Spaß. Mir gefällt, dass sie mit Humor gemacht sind und es sich um Familie dreht. Mein Bruder Tarjei und ich scherzen sowieso viel herum, jetzt können wir es vor der Kamera machen.
Frage: Ihr Rücktritt überraschte viele. Was genau gab den Ausschlag, so kurz vor Olympia, wenn die meisten anderen noch dieses Jahr dran gehängt hätten?
Bö: Lange Zeit hatte ich mir auch ausgemalt, dass ich es auch so machen würde. Aber ich habe eine Sache festgestellt: Wenn du Spitzensportler bist, fällt es schwer, nicht an Biathlon zu denken. Hätte ich noch die olympische Saison gemacht, wäre ich darauf ein Jahr komplett fokussiert gewesen. Ich wollte aber, dass mein Fokus voll auf meiner Familie liegt. Also musste ich das mit mir selbst aushandeln: Ich tauschte Olympia und ein Jahr Sport gegen ein zusätzliches Jahr mit meinen zwei Kindern (Gustav, 5 und Sofia, 2, die Redaktion) ein. Wer selbst Kinder hat, weiß, wie viel sich innerhalb eines Jahres verändert und wie sie sich entwickeln. Ich wollte nicht noch mehr verpassen, ich habe schon so viel verpasst. Jetzt war es Zeit, den Sport auf Platz zwei zu schieben.
Frage: Ihre Frau Hedda erzählte einmal, dass Sie Biathlon emotional mit nach Hause genommen haben, auch dort nicht richtig loslassen konnten. Wie sah das aus?
Bö: Wenn ich daheim war, konnte ich schlecht schlafen oder machte plötzlich einen Doppelstockschub im Schlaf. Ich war ein Schlaf-Skifahrer. So bekam meine Frau meine Hände in den Rücken und wachte davon auf. Seit ich aufgehört habe, kommt das nicht mehr vor. Mein Geist ist jetzt wohl entspannter. Zu aktiven Zeit war es so: Daheim war ich in Gedanken im Weltcup – und bei Wettkämpfen mit dem Kopf auch bei der Familie zu Hause. So war ich nie zu hundert Prozent an einem Ort, weil ich eigentlich jeweils am anderen Ort sein sollte. Jetzt bin ich endlich immer am richtigen Ort. Ein schönes Gefühl für die ganze Familie.
Frage: Haben Sie früher Ihre schlechte Stimmung nach erfolglosen Weltcup-Wochenende mit nach Hause genommen?
Bö: Ich hatte zum Glück nicht so viele schlechte Wochenenden! Meine Erinnerungen sind fast alle positiv. Man muss eines bedenken: Es ist sehr einfach, ein Weltcup-Athlet zu sein, wenn man es damit vergleicht, der Elternteil daheim zu sein. Meine Frau hat so viel Verantwortung und Aufgaben übernommen, während ich unterwegs war. Sie hatte unfassbar viel Druck. Ich kann mir nur immer wieder bei ihr bedanken. Alle sehen nur den Athleten und nicht den Menschen, der ihm im Hintergrund den Rücken freihält. Jetzt möchte ich unbedingt, dass die Leute wissen, wie wichtig sie ist.
Frage: Wie sehr vermissen Sie Biathlon bereits?
Bö: Wenn ich es im Fernsehen verfolge, vermisse ich es zu hundert Prozent. Das zeigt nur, wie sehr ich den Sport liebe – mit tollen Freunden, Rivalitäten und Wettbewerben. Es ist etwas ganz Besonderes, immer unberechenbar. Ich kam jedes Jahr an dieselben Orte, kannte schon die Fans, die Jahr für Jahr an denselben Stellen standen. Ich habe viele tolle Erinnerungen.
Frage: Gibt es eine kleine Chance auf ein Comeback?
Bö: Ich habe ja Startplätze für die WM 2027 sicher, weil ich Titelverteidiger im Sprint und in der Verfolgung bin. Also denke ich, dass alle abwarten müssen, und wir werden sehen … (lacht)
Frage: Wie oft laufen Sie noch Ski?
Bö: Seit meinem Rücktritt habe ich kaum Schnee gesehen. Es hat viel geregnet in Norwegen. Kürzlich bin ich das erste Mal in diesem Winter gelaufen. Über Weihnachten ging es in unsere Hütte zum Skilaufen, und ich freue mich darauf, 2026 wieder öfter auf den Brettern zu stehen.
Frage: Sie gewannen im Herbst in Dresden ein Legenden-Rennen auf Rollski. Ist das jetzt häufiger geplant?
Bö: Ich hoffe, dass ich an noch mehreren teilnehmen kann. Ich bin nie gegen Sportler wie Raphaël Poirée, Sven Fischer oder Magdalena Neuner angetreten. Daher muss ich die Zeit nutzen, um mich mit ihnen zu messen, bevor sie zu alt werden.
Frage: Wen würden Sie in Ihrer Traum-Staffel aufstellen?
Bö: Das ist schwer! (denkt eine Minute nach) Da ich keinen rauslassen kann, stelle ich mich nur als Trainer auf. Startläufer ist mein Bruder Tarjei, dann kommen Ole Einar Björndalen und Martin Fourcade. Schlussläufer ist Emil Hegle Svendsen.
Frage: Wie wird in Norwegen darüber diskutiert, wer der Größte aller Zeiten ist – Sie oder Björndalen?
Bö: Es wurde viel darüber geredet, als ich seinen Rekord von 95 Einzelsiegen gejagt habe (Bö kam auf 91, die Redaktion). Aber er hat einfach so viel für unseren Sport getan und ihn ins Rampenlicht gebracht. Wir müssen ihm unendlich dankbar sein. So eine Nummer 1 ist stets wichtig für den Sport. Wir hatten sie mit Ole Einar und Magdalena Neuner, Martin Fourcade, später mit mir. Der GOAT (Größte aller Zeiten, die Reaktion) ist für mich vielleicht jemand anders als für Sie.
Frage: Wer ist Ihrer?
Bö: Wenn man auf die Gesamtresultate schaut, ist vielleicht Fourcade der Beste, weil er die meisten Kristallkugeln für Weltcup-Gesamtsiege hat (sieben, die Redaktion). Ole Einar war aber auch so gut und hat den Sport praktisch erfunden. Für mich war es immer extrem motivierend, Fourcade zu jagen. Er war der Mann, den ich einholen wollte, dann holte ich ihn plötzlich ein und besiegte ihn. Für junge Sportler ist es wichtig, ein Vorbild zu haben, das sie einholen wollen. Jetzt wird es interessant, wer die Nummer eins für die nächste Generation sein wird.
Frage: Wer sind Ihre Lieblingssportler abseits des Biathlons?
Bö: Rafael Nadal! Dann haben wir als Norweger Erling Haaland, den besten Stürmer der Welt. Wir sind bei der Fußball-WM dabei. Ich hoffe, dass ich mal Biathlon mit Thomas Müller und Mats Hummels machen kann. Ich habe gehört, dass sie Biathlon-Fans sind.
Frage: Wer ist in Norwegen eigentlich die größere Berühmtheit – Sie oder Haaland?
Bö: Ich bin auf der Erde, er ist irgendwo im Universum. Wir könnten die größte Überraschung der WM werden. Niemand erwartet, dass sie gewinnen. Aber alle wissen, dass sie gewinnen können.
Frage: Sie spielen auch Fußball, beim Sechstligisten Vinger FK. Wie gut sind Sie?
Bö: Die Ablöse für mich betrug 80 Euro, als ich von Stryn kam. Ich hatte mir leider in einem Spiel den Arm gebrochen. Jetzt fange ich gerade wieder mit dem Training an. Es ist einmal pro Woche. So bleibe ich in Form. Die Spiele fangen wohl erst im Mai an. Meine Position ist dort, wo mich der Trainer hinstellt. Zuletzt im Mittelfeld. Mein Marktwert ist eher gesunken, nachdem sie mich haben spielen sehen. Ich glaube, sie kriegen ihr Geld nicht mehr wieder.
Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.
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