Die Glocke ertönt. Die zweite Runde ist vorbei. Agit Kabayel geht zurück in seine Ecke, setzt sich auf den blauen Hocker und schnauft einmal kräftig durch. Sein Trainer Sükrü Aksu klettert durch die Ringseile und stellt sich vor seinen Boxer. „Haut der hart?“, fragt Aksu. Die Antwort von Kabayel: „Nein. Es ist okay“. „Dann mach mal ein bisschen Druck“, fordert der Trainer von seinem Athleten und sagt: „Der Junge ist stehend k.o. Der hat keine Kraft. Der weiß nicht, was er machen soll.“
Die nächsten zwei Runden sind für Kabayel lebensverändernd. Er landet einen Aufwärtshaken, bringt einen rechten Schwinger ins Ziel und streut immer wieder diese zermürbenden Körpertreffer ein. Als sein Gegner, Arslanbek Makhmudov, schließlich zum dritten Mal in nur wenigen Minuten zu Boden geht, bricht der Ringrichter den Kampf ab. Kabayel feiert seinen 24. Profi-Erfolg und sagt beim Sieger-Interview: „Ich habe die Welt geschockt, oder?“
Hat er. Denn der Bochumer schaffte an diesem 23. Dezember 2023 etwas, was vor ihm noch nie jemand geschafft hatte. Er hat Makhmudov, diesen angsteinflößenden russischen Riesen, der immer grimmig schaut, geschlagen und besiegt. Als erster Boxer. Dabei war Kabayel vor dem Kampf als klarer Außenseiter tituliert worden. „Von zehn Experten haben neun Experten gegen mich getippt“, erzählt er.
Danach wird der 33-Jährige in der Box-Welt ganz anders wahrgenommen, steigt im Schwergewicht in die Weltelite auf. Nach dem Sieg über Makhmudov in Riad (Saudi-Arabien) gratulieren Fußball-Superstar Cristiano Ronaldo und MMA-Kämpfer Conor McGregor am Ring. Die drei machen ein gemeinsames Foto. Die größte Anerkennung bekommt Kabayel auf sein Konto überwiesen. Es ist die siebenstellige Kampfbörse. Für den Sohn kurdischer Einwanderer, aufgewachsen in Bochum-Wattenscheid, ist es der Lohn jahrelanger, harter Arbeit.
„Die Leute wussten nicht, dass ich finanziell am Ende war“
„Da konnte ich mein Glück kaum fassen“, erzählt Kabayel. Mit seinen ersten zehn Profikämpfen hatte er keinen einzigen Cent verdient. „Ich habe von der Hand in den Mund gelebt. Ich bin als Profiboxer durch die Gegend gelaufen, aber die Leute wussten nicht, dass ich finanziell am Ende war“, erinnert sich der Schwergewichtler. Und obwohl er 2017 Europameister wird, bleiben die Sorgen. Weil er nicht die erhofften großen Kämpfe bekommt und auch weil die Box-Welt 2020 von der Corona-Krise lahmgelegt wird. Kabayel bestreitet in drei Jahren nur zwei Kämpfe. „Diese Existenzängste waren die Hölle“, sagt er heute.
Erst mit dem Erfolg über Makhmudov verschwinden die Sorgen. Plötzlich ist Kabayel Millionär. Viel Geld für einen Jungen, der als Kind für zwei Jahre mit seinen Geschwistern und Eltern im Hinterzimmer des Familien-Imbisses schlief. Jahrelange wollte der Box-Star darüber öffentlich kein Wort verlieren und erklärt ehrlich: „Früher habe ich mich geschämt. Heute bin ich unfassbar stolz darauf, wie sehr sich meine Eltern für uns den Hintern aufgerissen haben. Sie haben immer versucht, uns alles zu ermöglichen.“ Das versucht mittlerweile auch Kabayel selbst. Das Mehrfamilienhaus in Bochum, in dem seine Eltern und weitere Familienmitglieder leben, hat der Vater einer Tochter gekauft und aufwendig sanieren lassen.
Neben der Familie hat Kabayel noch eine zweite Herzensangelegenheit. Er will den Boxsport in Deutschland in eine neue Ära führen. Die 90er-Jahre, in denen das Boxen zu den populärsten Sportarten in diesem Land zählte und Sportler wie Axel Schulz oder Henry Maske vergöttert wurden, sind längst vorbei. Spätestens mit dem Karriereende der Klitschko-Brüder Vitali und Wladimir war der Box-Boom Mitte der 2010er-Jahre vorbei. Nun möchte Kabayel den Sport auf deutschem Boden wieder glänzen lassen – und zeigt, dass es funktioniert.
Nach zwei weiteren Siegen in Saudi-Arabien gegen den bis dato ungeschlagenen Frank Sanchez aus Kuba und den Chinesen Zhilei Zhang, den bis dahin noch niemand vorzeitig besiegt hatte, wird Kabayel nach knapp dreijähriger Abstinenz am kommenden Samstag wieder in Deutschland in den Ring steigen (18.45 Uhr, DAZN). Die Arena in Oberhausen war innerhalb von fünf Tagen ausverkauft. 13.000 Zuschauer werden erwartet. „Das erfüllt mich mit Stolz“, freut sich Kabayel – und verspürt eine innere Genugtuung, „weil ich gezeigt habe, dass man in Deutschland als Boxer mit Migrationshintergrund nicht mehr seinen Namen ändern muss, um eine große Arena auszuverkaufen“.
„Ich fühle mich als Top-Sportler in Deutschland nicht akzeptiert“
Namensänderungen waren im deutschen Boxsport jahrelang omnipräsent. Felix Sturm, der eigentlich Adnan Catic heißt, Marco Huck, der als Muamer Hukic geboren wurde oder Awetik Grigori Abrahamjan, den alle nur als Arthur Abraham kennen, sind nur einige Beispiele. Sogar die Klitschko-Brüder sollten 1996 auf Wunsch des Hamburger Boxstalls Universum eigentlich die Namen Walter und Willi Klitschmann bekommen.
Für Kabayel kam das nie in Frage. „Warum auch?“, fragt er in einem „Sport-Bild“-Interview und erklärt: „Ich bin in Leverkusen geboren, bin hier zur Schule gegangen und habe meine Ausbildung gemacht. Die deutsche Flagge steht neben meinem Namen, wenn ich in den Ring steige. Ich bin diszipliniert und strebe nach Perfektionismus. Ich bin Deutscher. Aber ich bin auch Kurde und stolz auf die Einwanderungsgeschichte meiner Eltern. Ich bin doch kein besserer Deutscher, wenn ich diese Wurzeln mit einer Namensänderung kaschiere.“
In Deutschland spüre Kabayel zwar die Unterstützung der früheren Box-Elite wie Henry Maske, Axel Schulz und Regina Halmich, hadert allerdings mit seinem Status als Athlet. „Ich fühle mich als Top-Sportler in Deutschland nicht akzeptiert“, sagt er und führt aus: „Wie kann es sein, dass ich in Riad auf der größten Box-Bühne der Welt für Deutschland kämpfe, mich unter den fünf besten Schwergewichtsboxern der Welt etabliere, Interims-Weltmeister werde und kein einziges deutsches Medium außer der „Bild“-Zeitung vor Ort ist? Wenn Leichtathleten, Schwimmer oder Biathleten Weltmeister werden, werden sie als Sportler des Jahres ausgezeichnet und sitzen auf Einladung der Öffentlich-Rechtlichen in gefühlt jeder Sendung. Ich nicht. Ich behaupte, dass ein Boxer mit meinem Erfolg, dafür aber mit einem deutschen Namen, bereits etliche Male in solche Sendungen eingeladen worden wäre. Vielleicht ist der Name Agit Kabayel nicht deutsch genug.“
Er hält es für möglich, dass sich das ändert, sobald er Weltmeister ist. Henry Maske traut dem Ruhrpott-Jungen diesen großen Coup zu, sagt: „Wenn es darum geht, einen Nachfolger für Max Schmeling zu finden, traue ich Agit definitiv zu, dieser Rolle gerecht zu werden.“ Der legendäre Schmeling war der erste und letzte in Deutschland geborene Schwergewichtsweltmeister. Er hielt diesen Titel von 1930 bis 1932. Selbst Box-Liebling Schulz konnte das Schmeling-Erbe nicht erfolgreich antreten, verlor zwischen April 1995 und Juni 1996 jeden seiner drei WM-Kämpfe.
Macht- und Moneten-Spielchen
Auf eben diesen WM-Kampf, diese eine große Chance, wartet Kabayel sehnsüchtig. Und er muss Geduld haben. Als Interims-Weltmeister des großen Weltverbandes WBC ist er eigentlich der nächste legitime Herausforderer von Champion Oleksandr Usyk. Der Ukrainer hatte sich zuletzt wegen einer angeblichen Rückverletzung vorerst zurückgezogen und will nun lieber gegen den in die Jahre gekommenen Deontay Wilder boxen.
Der US-Amerikaner hat vier seiner letzte sechs Kämpfe verloren, gehört längst nicht mehr zu den Top 10 der Welt. Die Antwort, warum der Weltverband WBC keinen Druck auf Usyk ausübt und ihn zum Duell mit Kabayel auffordert, kann nur mit den im Boxen üblichen Macht- und Moneten-Spielchen beantwortet werden. Dabei wäre ein Kampf zwischen Kabayel und Usyk in einem deutschen Stadion, zu dem auch etliche Ukrainer kommen würden, durchaus eine lukrative Sache.
Weil Kabayel nicht allzu lange untätig bleiben will, boxt er an diesem Wochenende stattdessen gegen den ungeschlagenen Polen Damian Knyba. Ein Riese, der 2,01 Meter misst und damit neun Zentimeter größer ist als Kabayel. Mit großen Jungs kennt er sich aber bestens aus. Bisher hat er sie alle geschlagen. Mit einem Sieg will Kabayel weitere Argumente sammeln für einen WM-Kampf. Und außerdem hat er ja noch diese eine Mission. Kabayel sagt: „Der Box-Sport ist endgültig zurück in Deutschland.“ Und er verspricht: „Das ist erst der Anfang.“
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