Wer neben Wunderkind Luke Littler noch einen Beweis gebraucht, dass sich Darts zu einem Spiel der Youngster entwickelt hat – hier ist er, bitte schön. Er ist Niederländer, 1,93 Meter groß und hört auf den Namen Pieter Gerard van Veen, genannt Gian. 23 Jahre alt – und nach dem 6:3 im WM-Halbfinale gegen Gary Anderson der große Herausforderer Littlers.
Was sind das für Tage von van Veen im Londoner Alexandra Palace. In den beiden Jahren zuvor hatte er auf der größten Bühne des Darts kein einziges Spiel gewinnen können. Nun hat er nicht nur Michael van Gerwen nach 13 Jahren als niederländische Nummer eins abgelöst. Van Veen steht im Live-Ranking an Weltranglistenposition drei, der jahrelange Platzhirsch van Gerwen ist dort nur noch die Nummer vier. Er wird in diesem Jahr durch diese Platzierung sein Debüt in der Premier League, der Elite-Liga des Darts feiern. Und nun hat er auch noch sein Idol Anderson geschlagen.
„Er war mein Lieblingsspieler, als ich aufwuchs“, hatte van Veen nach dem Viertelfinalsieg über Luke Humphries, die Nummer zwei der Welt, gesagt. „Meine erste WM, die ich gesehen habe, war 2011, als er das Finale gegen Adrian Lewis erreichte. Dass ich nun fünfzehn Jahre später gegen ihn in einem WM-Halbfinale spielen darf, ist wirklich verrückt.“
Nun könnte man annehmen, dass das Treffen mit dem Vorbild für Einschüchterung sorgt – zumal Anderson auch noch zusätzlich 32 Jahre älter als van Veen und eine Legende des Sports ist. Das Gegenteil war der Fall, der Niederländer präsentierte sich über weite Strecken so abgezockt, als hätte er nie etwas anderes gemacht.
Zwei 170er-Finishes in einem der besten Sätze jemals
Anderson holte sich in einem temporeichen und vom Niveau her überragenden Spiel zwar den ersten Satz, musste dann aber zusehen, wie van Veen kaum noch Chancen ausließ. Nur zwei Fehler bei neun Versuchen brachten „The Giant“ eine 3:1-Führung. Und dann war da dieser fünfte Satz, über den Kommentator Stuart Pyke und Ex-Profi Mark Webster im englischen TV sagen würden, dass er „einer der besten sein könnte, den Sie jemals gesehen haben“. Anderson hatte sein Statement mit dem 170er-Highfinish, dem höchsten im Darts schon gesetzt und war mit 2:0 in Führung gegangen, da produzierte van Veen magisches.
Erst checkte er 90 Punkte zum Anschluss, dann angelte er seinerseits den Big Fish. So wird das 170er-Checkout auch genannt. „Das ist unglaublich. Das ist unfassbar. Was zum Teufel ist hier los?“, fragte Pyke. Und als van Veen dann den Satz kurze Zeit später unter Buhrufen der Zuschauer auch noch mit dem letzten Pfeil in der Hand komplett drehte, analysierte das Duo: „Da ist nichts, was van Veen an einem Dartboard nicht könnte.“
Weil aber auch Anderson an diesem Abend ziemlich viel konnte, entwickelte sich eines der besten Spiele der bisherigen WM. Angetrieben von den Fans, die den Schotten nun immer häufiger besangen und van Veen immer häufiger bei Checkout-Versuchen mit Pfiffen bedachten, kämpfte sich Anderson auf 3:4 heran, setzte dabei mit einem 81er-Finish auf dem Bullseye noch mal ein Zeichen. Sohn Tai, der seinen Vater das ganze Turnier über begleitet, wurde jubeln von den TV-Kameras eingefangen.
Das Spiel nahm zum ersten Mal etwas im Niveau ab, erstmals spielten beide einen Satzaverage von unter 95 Punkten – und es war van Veen, der das Pendel wieder auf seine Seite ausschlagen ließ. Den Pfiffen zum Trotz löschte er 59 Punkte im Decider zum 5:3. Anders als sein Finalgegner Littler zeigte er dabei keinerlei negative Reaktion in Richtung des Publikums. Auch später im Interview nicht. „Ich habe mich wohlgefühlt. Natürlich waren die Fans gegen mich. Aber fair play, weil Gary so ein fantastischer Mensch ist. Er ist ein fantastischer Dartspieler“, sagte van Veen auf der Bühne bei Sky Sports.
Zuvor hatte van Veen das Match in einem Decider des neunten Satzes für sich entschieden und damit den Finaleinzug perfekt gemacht. Als Anderson die Bühne verlassen hatte, ließ er seine Emotionen mit zwei lauten Schreien an seinem Tisch raus.
Van Veen litt lange an Dartitis
Dann wurde es auch im Interview emotional. Van Veen wurde auf seine lange Leidenszeit angesprochen. „Vor zehn Jahren oder vor fünf Jahren hatte ich solche Schwierigkeiten, Darts zu spielen. Ich erinnere mich an eine Zeit vor drei, vier Jahren, da war ich im Metrodome in Barnsley und hatte Schwierigkeiten. Ich habe am Tisch geweint. Jetzt schaut mich vier Jahre später an. Das war es alles wert“, sagte er.
Der Niederländer litt vor einigen Jahren an Dartitis, einer psychisch bedingten Abwurfblockade, bei der Spieler den Pfeil nicht mehr loslassen können. Die beschriebenen Tränen vergoss van Veen damals bei einem Turnier der zweitklassigen Challenge Tour, als er während eines Spiels mit Dartitis zu kämpfen hatte und sein Gegner dachte, er würde einfach mit Absicht langsam werfen. „Wie jeder weiß, habe ich für viele Jahre mit Dartitis zu tun gehabt, auch noch vor vier Jahren, kurz bevor ich meine Tourkarte gewonnen habe“, sagte van Veen, der seit 2023 auf der Profitour unterwegs ist.
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Ein besonderes Lob richtete van Veen an seine Eltern: „Sie haben mich, als ich zwölf, 13, 14 Jahre alt war überall in den Niederlanden zu den Turnieren gefahren. Und das war es alles wert. Hier sind wir jetzt.“
Im größten Spiel in van Veens Leben wartet nun kein Geringerer als der amtierende Titelträger Littler. „Jeder hat gesehen, wozu Luke in der Lage ist. Er spielt fantastisch“, sagte van Veen. Verstecken braucht sich der zweifache Jugendweltmeister mit seinem knappen 103er-Average, den er gegen Anderson spielte, aber auch in seinem ersten WM-Finale nicht.
Darts-WM 2026, Ergebnisse Halbfinale
Luke Littler (ENG/1) – Ryan Searle (ENG/20) 6:1
Gian van Veen (NED/10) – Gary Anderson (SCO/14) 6:3
Finale
Luke Littler (ENG/1) – Gian van Veen (NED/10)
Luca Wiecek ist Sportredakteur für WELT. Er berichtete bei dieser Darts-WM vier Tage aus dem Alexandra Palace in London.
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