John McDonald ist eine Institution der Professional Darts Corporation (PDC). Als Master of Ceremonies holte er am Hallenmikrofon die Spieler auf die Bühne. Markenzeichen, neben seiner Stimme: Anzug, Einstecktuch und Professionalität. Fehler oder gar Versprecher finden sich in seiner langen Laufbahn kaum. Mit dem Finale der Darts-WM am 3. Januar endet eine Ära. Der 66-Jährige wird dann ein letztes Mal auf der großen Bühne stehen.
WELT: Welche Gefühle haben Sie, wenn Sie hier abends in den Alexandra Palace kommen?
John McDonald: Ich habe jeden Tag immer nur an den aktuellen Tag gedacht, niemals an ein Morgen oder etwa das Finale. Ich denke immer nur an meine nächste Aufgabe.
WELT: Wirklich?
McDonald: So war es immer. In allen Sportarten, die ich begleitet habe. Ich komme früh zur Arbeit und denke nur über das nach, was als nächstes kommt. Wenn du über andere Dinge nachdenkst, bist du nicht scharf genug im Kopf.
WELT: Aber diesmal ist es eine spezielle Situation.
McDonald: Sogar eine einmalige. Ich habe ja noch nie meine Karriere beendet. Ich werde meine Familie hier dabeihaben.
WELT: Beim Finale?
McDonald: Ja. Meine vier Söhne und meine Frau. Das gab es noch nie. Meine Frau war ohnehin noch nie dabei. Einer meiner Söhne kommt extra aus Spanien. Das wird seltsam, sie alle beisammen zu haben. Es schließt sich aber auch ein Kreis. Mein ältester Sohn erinnerte mich gerade daran, dass er bei meinem ersten im TV übertragenen Boxkampf live dabei war.
WELT: Wie alt war er damals?
McDonald: Vielleicht 14, 13? Ich holte ihn von der Schule ab und nahm ihn einfach mit. Jetzt kommt er zu meinem letzten Einsatz, ist 46 Jahre alt und selbst Vater.
WELT: Die Spieler haben über die Jahre immer mehr Geld verdient. Sie auch?
McDonald: Natürlich. Ich bin beliebt.
WELT: Wie viel bekommen Sie für Ihre Einsätze bei der WM?
McDonald: 20.000 Pfund für das Turnier.
WELT: Stimmt es, dass Sie vor Ihrem Job als Ansager bei Sportveranstaltungen im britischen Fallschirmjäger-Regiment gedient hatten?
McDonald: Das ist korrekt, ja. Wussten Sie eigentlich, dass wir Briten nur wegen Deutschland Fallschirmjäger haben?
WELT: Nein.
McDonald: Bei der Eroberung von Kreta durch deutsche Fallschirmjäger wurden von einem britischen Schiff aus Filmaufnahmen gemacht. Als Premierminister Winston Churchill sie sah, sagte er: Davon brauchen wir auch 5000. Morgen. So war das Fallschirmjäger-Regiment geboren.
WELT: Ihre Zeit im Militär dürfte dann zur Zeit des Kalten Krieges gewesen sein.
McDonald: Ja. Mehr Berührungspunkte hatte ich aber mit den Falklandinseln. Mein Boss war sich schon früh sicher, dass sich da etwas anbahnte. Also begannen wir für den Ernstfall zu üben. Und er sollte Recht behalten. Allerdings war ich dann ab 1979 nicht mehr involviert.
WELT: Es heißt, Sie hatten einen schlimmen Unfall.
McDonald: Ja. Ich hatte einen langen Absturz. Beim Aufprall wurde ich bewusstlos. Und als ich im Krankenhaus aufwachte, hatte mein neues Leben begonnen.
WELT: Was wissen Sie noch von dem Unglück?
McDonald: Es geschah im Rahmen einer militärischen Übung. Ich sprang aus dem Flugzeug, fiel, dann begann sich der Schirm zu öffnen. Aber die Schnüre hatten sich verheddert.
WELT: Ein Horror.
McDonald: Ach, das war eigentlich kein Problem. Das ist durchaus üblich. Sie waren zwar etwas knifflig verdreht und es war Nacht, aber eigentlich machbar. Als ich nach oben schaute und dabei war, meine Schnüre zu entwirren, tauchte einer meiner Kameraden direkt unter mir auf. Es waren eine Menge Jungs in der Luft. Mein Schirm fiel dann komplett in sich zusammen, ich verlor die Kontrolle, raste an ihm vorbei und hing aufgrund meines Gepäcks kopfüber in den Seilen. Dann schlug ich auf. Es müssen etwa 20 Meter im freien Fall gewesen sein.
WELT: Und dann brachte man Sie ins Krankenhaus?
McDonald: Erst am nächsten Morgen. Sie konnten mich in der Nacht nicht finden.
WELT: Wie schwer waren Sie verletzt?
McDonald: Ich hatte mir die Wirbel C5 und C6 der Wirbelsäule gebrochen. Ich war lange gelähmt, saß im Rollstuhl. Meine Reha dauerte zwei Jahre.
WELT: Wie sehr hat Sie diese Zeit und das Erlebnis geprägt? Wie stark hat es Sie verändert?
McDonald: Vor allem hat es dazu geführt, dass ich nicht mehr Soldat sein konnte. Sie fragten mich, was ich gern machen wolle. Ich hatte aber keine Ahnung, denn alles, was ich wollte, war im Militär zu dienen. Es gab nichts anderes für mich. Sie sagten mir dann klar, dass das nicht mehr ginge. Also überlegte ich: Okay, ich liebe Sport, vor allem Boxen und Fußball. Sie fragten mich dann: Willst du vielleicht Journalist werden?
WELT: Und?
McDonald: Ich bin nicht besonders clever. Ich lese nicht, ich kann nicht gut schreiben. Sie fragten dann, wie es mit Fotografieren wäre. Darüber hatte ich nie nachgedacht. Ich überlegte und sie schlugen mir vor, einen Kurs zu besuchen. Und das habe ich dann gemacht.
WELT: Das Militär organisierte das für Sie?
McDonald: Ja. Es war eine Abendschule. Tagsüber arbeitete ich in der Post, im Supermarkt, fuhr LKW und Leichen für die Forensik, und in meiner Freizeit fotografierte ich. Ich übte und übte, wurde innerhalb weniger Wochen zum Fotografen und bekam einen fantastischen Job bei der BBC. Als Fernseh-Fotograf.
WELT: Was macht ein Fernseh-Fotograf?
McDonald: Ich suchte die Fotos heraus oder machte Standbilder aus Filmmaterial. Für die Nachrichten, für Quizsendungen, Serien, alles. Wenn also die Nachrichten kamen und der Sprecher sagte: Margret Thatcher, dann musste dort ein Foto der Premierministerin erscheinen. Oder: Der Papst – Klick – sagte zu Boris Becker – Klick –: Haben Sie die Königin – Klick – gesehen? Ja, sie ist dort mit John Cleese – Klick.
WELT: John Cleese ist fantastisch.
McDonald: Absolut. Ich liebe ihn, habe ihn mehrfach getroffen. Er ist der schlaueste Mensch, dem ich in meinem Leben begegnet bin. Ein wahres Genie.
WELT: Eines Samstags ging ich zu einer Leichtathletik-Veranstaltung (spricht undeutlich in seine hohle Hand, um den Stadionsprecher nachzuahmen). Ich fragte meine Sitznachbarn, was er sagte. Doch niemand konnte ihn verstehen. Am Abend war ich bei einem Boxkampf (imitiert mit gelangweilter, sonorer Stimme den Ansager): „In der blauen Ecke: Smith. In der roten Ecke: Johnson. Sechs Runden Boxen. Ringrichter soundso.“ Ich war für das Boxing Magazine kurz zuvor in Amerika gewesen und führte meinem Kumpel vor, wie das dort gemacht wurde (McDonald macht eine etwa 30-sekündige, stimmgewaltige Vorstellung eines Kämpfers). Er sagte: „Wow, weshalb machst du das nicht? Los. Auf geht‘s.“
WELT: Und dann bekamen Sie denn Job?
McDonald: Erst mal wusste ich gar nicht, wie man so einen Job bekommt. Ich fragte ihn, und er erzählte mir etwas von einem Vorsprechen. Und da bin ich dann hin. Montagmorgen, 10 Uhr vor dem Generalsekretär des Profibox-Verbands. Ich präsentierte ihm dann einen fiktiven Kampf und erhielt die Lizenz. Als Erstes rief ich einen Bekannten an. Er lebte in Wales mitten im Nirgendwo, dort wo Jonny Clayton und Gerwyn Price leben. Ich fragte: „Erinnerst du dich an mich? Ich war der Boxen-Fotograf. Ich bin jetzt ein Ansager. Und wenn du eine Veranstaltung hast, würde ich die gern machen.“
WELT: Und dann ging es los?
McDonald: Er sagte, er könne kein Geld dafür bezahlen, aber gab mir die Chance. Ich begann: „Ladies and gentlemen, welcome to Martha Tidwell here in beautiful South Wales for tonights championship fight ...“ Es war ein Typ vom Fernsehen da. Ein Regisseur. Der rief in London an und erzählte, was er erlebt hatte und schwärmte von mir. Sie sagten: „Nein, John McDonald ist der Box-Fotograf. Er hat uns schon mal Bilder geschickt.“ Sie riefen mich dann an und fragten, ob ich wirklich der Ansager gewesen sei und seit wann ich das mache. Ich sagte: „Seit 25 Minuten.“ Und dann hatte ich zwei Wochen später meine ersten Kämpfe in London. Sie fragten mich dann noch, wie viel ich dafür berechnen würde.
WELT: Und?
McDonald: Ich hatte keine Ahnung, erinnere auch heute den Preis nicht mehr genau. Er fragte mich, was ich verdiene. Und ich dachte, er meinte meinen Lohn für eine Woche. Sie sagten zu und zu meiner Überraschung war es dann mein Honorar für jeden Abend. Und da war klar: Wenn ich hier an einem Abend verdienen kann, was ich sonst in einer Woche bekomme, muss ich das machen. Zumal das Internet immer mehr zum Thema wurde und die Digitalisierung voranschritt. Mein Arbeitsplatz war nicht mehr sicher.
WELT: In neuer Rolle machten Sie sich dann schnell einen Namen.
McDonald: Ja. Es war toll. Durch Barry Hearn kam ich dann zu anderen Sportarten. Ich hatte für ihn einige Boxkämpfe gemacht, die er veranstaltete. Er erkundigte sich nach mir, und ich bekam viel Lob bei Matchroom Sport. Sharon, die Frau, mit der er Matchroom gegründet hatte, war wichtig für meine Laufbahn. Ich mochte es ohnehin sehr, unter Frauen zu arbeiten.
WELT: Weshalb?
McDonald: Ich hatte in vielen. meiner Jobs, sogar im Verteidigungsministerium, gute Erfahrungen mit Frauen gemacht. Sie sind immer sehr gewissenhaft, sehr genau. Das gefällt mir. Sharon jedenfalls unterstützte mich, half mir und machte sich für mich stark. Barry wollte dann, dass ich all seine anderen Sportarten, die er vermarktete, auch mache: Boxen, Billard, Bowling.
WELT: Auch Angeln, Snooker, die Ping-Pong-WM?
McDonald: Alles.
WELT: Ihr Weg verlief also im Schatten von Barry Hearn.
McDonald: Das kann man so sagen, ja. Er kam dann zu mir und sagte, er habe eine tolle Aufgabe für mich. Ein groß beworbenes Show-Event zwischen Weltmeister Phil Taylor und Andy Fordham aus der Circus Tavern als Pay-per-View bei Sky.
WELT: Hatten Sie bis dahin Bezugspunkte zum Darts?
McDonald: Null. Aber Barry sagte, das sei von der Moderation und Ansage genauso wie beim Boxen. Sie kennen die Geschichte von dem Abend?
WELT: War es das Match im Jahr 2004, bei dem Andy Fordham auf der Bühne zusammenbrach?
McDonald: Genau. Er hatte gerade mal sieben Legs durchgehalten. Ich sah auf den Bildschirm und sagte zu unserem jungen Medienchef Dave Allen: „Dave, was ist hier los? Was passiert hier? Es ist nichts los auf der Bühne. Die Leute sind verärgert. Soll ich mal schauen, wie es ihm geht?“ Ich ging dann einmal um die Halle zur Rückseite der Arena. Andy war draußen und sah fürchterlich aus. Er lehnte an der Wand. Ich fragte dann in die Runde: „Hallo, hat irgendjemand hier eine Ahnung, was mit ihm ist?“
WELT: Gab es keinen Arzt?
McDonald: Gar nichts gab es. Die Leute sagten: „Alles wie immer. Er hatte nur einen Drink zu viel.“ Ich sagte der Security, sie sollten alle Leute wegschicken. Dann holte ich einen Stuhl, wies Andy an, er solle sich auf den Boden setzen und die Beine über den Stuhl legen. Dann nahm ich seinen Puls und direkt danach mein Telefon und wählte erstmals in meinem Leben den Notruf: 999. „Ich bin hier bei der Circus Tavern und habe einen Mann, 45 Jahre, mit akuten Herzproblemen. Wir brauchen dringend einen Notarzt.“ Der Mann am Telefon stellte dann ein paar Fragen, auch nach dem Gewicht der Person.
WELT: Fordham dürfte damals mehr als 200 Kilogramm gewogen haben.
McDonald: Ich sagte: „40 Stone (etwa 255 Kilogramm, die Redaktion).“ Daraufhin kam zunächst nichts zurück. Dann: „Entschuldigen Sie, die Verbindung ist schlecht. Ich dachte erst, Sie hätten 40 Stone gesagt.“ Ich bestätigte und erinnerte daran, dass er dringend Adrenalin benötige. Er erwiderte, er habe noch nie jemandem mit 40 Stone eine Dosis verabreicht. Der Schwerste habe 20 Stone gewogen. Ich sagte: „Komm hier jetzt hin mit einem Defibrilator und einer Exra-Portion Adrenalin.“
WELT: Die Elefanten-Spritze.
McDonald: Exakt. Er kam dann kurz daraufhin mit Blaulicht angerast und wurde von uns in den Notarzt-Wagen geschleppt. Und dann kam Barry Hearn raus. Er hatte ein bisschen viel getrunken und fragte, ob Andy noch spielen könne. Ich erklärte ihm, dass er gleich ins Krankenhaus gebracht würde. Dann müsse ich jetzt da rein und die Veranstaltung beenden. Was nicht leicht war.
WELT: Weshalb?
McDonald: Die Leute waren sauer, es flogen Getränke und Essen. Ich erklärte dann den Abbruch und leitete direkt zur Pokalübergabe über. Dann ging ich direkt zu meinem Auto und fuhr nach Hause. Als ich zu Hause war, sagte ich zu meiner Frau: „Ich werde nie wieder zum Darts gehen. Es war ein Alptraum. Ich musste da ganz schnell wieder weg. Das Schlimmste, was ich je in meinem Leben gemacht habe.“
WELT: Hatten Sie Andy Fordham zuvor gekannt?
McDonald: Niemals. War ihm nie begegnet. Er schrieb dann später in seiner Autobiografie von dem Abend. Dort steht: Zu meinem großen Glück kam John McDonald zu mir, und glücklicherweise war seine Frau eine Krankenschwester.
WELT: Er hatte Sie nicht vergessen.
McDonald: Na ja. Was aber bitte hatte das mit meiner Frau zu tun. Sie war gar nicht da. Egal.
WELT: Sie blieben dann aber augenscheinlich trotzdem beim Darts.
McDonald: Barry Hearn ist schuld. Er kam zu mir, erzählte von einer großartigen Idee, die er umsetzen werde: die Premier League of Darts. Und dass ich das richtig gut beim Darts gemacht habe. Ich sagte ihm, er brauche gar nicht weiterzureden und solle mich nicht verarschen. Er aber beharrte darauf, dass ich dabeisein solle und meinte, ich könne dort das doppelte verdienen, was ich beim Boxen erhielt.
WELT: Und das überzeugte Sie?
McDonald: Ich fragte: „Das Doppelte? Wann soll es losgehen?“
WELT: Sie haben seitdem den Aufstieg dieses Sports mit geprägt, sind Gesicht und Stimme des Darts. Wissen Sie, wie viele Walk-ons Sie angesagt haben?
McDonald: Ich habe sie nicht gezählt, nein. Aber es waren sicher eine ganze Menge.
WELT: Welcher war der skurrilste?
McDonald: Es gab einige, die wirklich außerordentlich waren. Aber wenn ich einen nennen müsste, dann den von Steve Hine. Allein schon wegen seiner Blödheit. Kennen Sie Steve Hine?
WELT: Nein.
McDonald: Er nannte sich den „Muffin Man“, hatte eine Bäckermütze auf und ein Tablett mit Muffins, die er dann unter den Zuschauern verteilte. Wobei verteilen eigentlich nicht korrekt ist. Er warf sie einfach ins Publikum. Wenig verwunderlich, dass einige sie dann zurückwarfen. Einer flog ihm direkt gegen den Kopf. Als er oben auf der Bühne bei mir ankam, entschuldigte er sich bei mir, dass er für mich keinen mehr hatte. Schräger Vogel.
WELT: Was sagen Sie eigentlich zu den Spielern, wenn sie Ihnen die Hand geben? Man sieht Sie immer mit ihnen sprechen, oft auch lachen. Worum geht es da?
McDonald: Ganz unterschiedlich. Meistens so etwas wie: „Mach dir keine Gedanken. Sie lieben dich.“ Oder: „Hab eine gute Zeit hier oben.“ Oder einfach nur: „Viel Glück heute.“ Zu Gerwyn Price sage ich aber immer dasselbe: „Gezzy, mach dir keine Sorgen. Sie buhen mich aus, nicht dich.“ Collin Loyd, der mit dem Song „Monster“ auflief, habe ich jedes Mal gesagt, dass er gar kein Monster sei. Auch mit Luke Littler habe ich ein festes Ritual. Sie kennen ja seinen Walk-on. Da gibt es im Refrain dieses „Oh-ey-oh-ey-oh-ey-oh-ey ... Oh! Oh! Oh!“ Wir versuchen immer, auf die drei „Oh!“s unsere Hände im Rhythmus zu schütteln.
WELT: Darauf werde ich im Finale noch mal achten.
McDonald: Wir versuchen es jedes Mal. Wenn es nicht klappt, sagt er: „Oh, mein Timing ist weg.“ Und ich sage: „Ja, meins auch.“
WELT: Es dürfte auch Spieler gegeben haben, die Sie nicht ausstehen konnten.
McDonald: Es gab keinen einzigen, den ich nicht gemocht habe.
WELT: Aber zumindest einige Namen dürften Sie in den Wahnsinn getrieben haben. Waren die chinesischen die kniffligsten?
McDonald: Ja. Und die waren auch oft für kuriose Momente gut. Erinnern Sie sich an den Chinesen während der Corona-WM, als wir einen langen Laufsteg gebaut hatten? Ich kündigte ihn an: „Hier ist er, der chinesische Qualifier: Chong Pau fin Pan Pong Lau Dang“, oder so ähnlich. Und dann kommt er mit „You raise me up“, der wahrscheinlich größten Ballade der Welt, auf die Bühne und winkt ins Publikum. Das war verrückt. Es war ja niemand da. Oder der Chinese bei der WM 2016, der komplett über das Oche fiel und auf seinem Gesicht landete. Junge, Junge.
WELT: Mit deutschen Namen hatten Sie keine Probleme?
McDonald: Nein. Die Deutschen sind sowieso großartig. Und das meine ich ganz ehrlich. Die Menge der deutschen Fans im Publikum ist unglaublich. Und Ihr habt auf den Turnieren immer einen wunderbaren VIP-Bereich. Ich fragte Russ Bray mal, weshalb er immer nach Deutschland komme. Er sagte, er gehe immer in den VIP-Bereich zu Werner.
WELT: Werner von Moltke, dem PDC Europe Chef?
McDonald: Genau. Russ fuhr zu den Turnieren und sprach dort im VIP-Bereich mit den Leuten. Er schwärmte davon. Da habe ich irgendwann gesagt, dass ich mitkomme und ihn begleite. So entstand auch eine Freundschaft mit Werner. Und es ist mir jedes Mal peinlich, dass ihr Deutschen alle fantastisches Englisch sprecht, ich aber kein Deutsch. Auch hier in London. Ich war vor Weihnachten in der Oxford Street, um etwas für meine Frau zu besorgen. Da sprechen mich deutsche Fans an, wollen Fotos. Alle sprechen Englisch, alle sehr höflich. Und es sind so viele.
WELT: Zurück zu Ihnen. Was waren Ihre schlimmsten Fehler, an die Sie sich erinnern?
McDonald: Ich habe zweimal einen Fehler bei einer Vorstellung gemacht.
WELT: Nur zwei?
McDonald: Zwei. In 20 Jahren. Und bei beiden war ich nicht schuld. Richtig unangenehm war es mir bei dem Match zwischen meinem Lieblingsspieler Keegan Brown und Boris Krcmar. Sie hatten mir gesagt, dass Keegan der höher gerankte Spieler sei. War er aber nicht. Krcmar war eine Position besser.
WELT: Und Sie sagten dann fälschlicherweise Krcmar als ersten Spieler an, obwohl Brown unten bereitstand?
McDonald: Bedenken Sie, dass ich mit dem Rücken zur Halle stehe und nicht sehe, wer dort bereitsteht. Ich hatte Keegan aber aus den Augenwinkeln eigentlich schon erspäht. Krcmar kam erst nach ihm rein. Ich verließ mich dann jedoch gegen mein Gefühl darauf, dass alles richtig sei, wie es mir aufgeschrieben worden war. Eine peinliche Panne. Der Verantwortliche kam dann zu mir, entschuldigte sich. Ich sagte ihm: „Mein Fehler. Ich hätte dir einfach nicht zuhören und glauben sollen.“ Ich glaube diesen dämlichen Kaufleuten einfach nichts mehr.
WELT: Weshalb hören Sie eigentlich auf?
McDonald: Weil ich 66 Jahre alt bin und Zeit mit meiner Familie verbringen will. Mit meinen Kindern und Enkeln. Ich vermisse meine Enkelin. „Kannst du zu meinem Auftritt kommen? Ich singe.“ Aber ich konnte nicht. Mein Enkel fragte mich, ob ich bei einem seiner Fußballspiele zuschauen komme, und ich konnte nicht. Das hat mich zerstört. Dazu kommt, dass ich in den vergangenen zwei Jahren auf vielen Beerdigungen von Freunden war. Ich habe viel verpasst. Genug ist genug.
WELT: Was werden Sie vermissen?
McDonald: Die freundschaftlichen Verbindungen. Nicht so sehr das Publikum. Nicht so sehr die Spiele oder die Bühne. Aber die Menschen, die ich getroffen habe, mit denen ich Freundschaften geschlossen habe.
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WELT: Ihre Ziele für die Zukunft: Jugendspiele im Fußball und Gesangswettbewerbe?
McDonald: Ja. Und meine Organisation Future Pathway, mit der ich Veteranen und ehemalige Sportlerinnen und Sportler unterstütze. Gehen Sie gern mal auf die Website. Ansonsten werden meine Frau und ich noch öfter mit unserem Wohnmobil durch Europa reisen.
WELT: Caller Russ Bray erklärte vor zwei Jahren seinen Rücktritt. Er ist seitdem trotzdem bei nahezu jedem großen Turnier weiter hinter den Kulissen dabei. Werden Sie auch mal vorbeischauen?
McDonald: Ganz sicher nicht. Nein. Niemals.
WELT: Haben Sie einen Rat für Ihren Nachfolger.
McDonald: Arbeite hart. Harte Arbeit zahlt sich aus. Übe, übe und übe. Bereite dich penibel vor.
WELT: Wie?
McDonald: Früh in der Halle sein, gut aussehen und alles durchgehen. Immer wieder. Denke nicht an morgen, denke nur an heute.
WELT: Was halten Sie von Lewis Jones, Ihrem designierten Nachfolger.
McDonald: Ich weiß nicht, ob er mein Nachfolger wird. Aber er hat Glück, denn er ist mutig. Tapferkeit macht das meiste aus, um da überhaupt auf die Bühne zu gehen und es durchzuziehen. Es ist sehr schwierig, glauben Sie mir. Das hat er drauf. Doch Tapferkeit ist nicht alles. Er muss jetzt an seiner Technik arbeiten, um es ein bisschen besonders zu machen.
WELT: Denken Sie, dass es die Position des Masters of Ceremonies in fünf Jahren überhaupt noch geben wird?
McDonald: Vielleicht nicht mehr, nein. Vielleicht machen Sie einfach die Musik an und die Spieler kommen von selbst auf die Bühne.
WELT: In Zeiten Künstlicher Intelligenz zumindest kein krisenfester Job, oder?
McDonald: Wahrscheinlich haben Sie recht. Wir werden es sehen. Ich würde jedenfalls nicht sagen, dass man diesen Job unbedingt braucht. Ich fand damals, als ich im Boxen anfing, einfach nur, dass es sehr schlecht gemacht wurde. Das war mein Antrieb: Es besser zu machen als es vorher war.
Wenn Lutz Wöckener nicht gerade irgendeinen Sport im Selbstversuch ausprobiert, schreibt er über Darts und Sportpolitik, manchmal aber auch Abseitiges wie Fußball.
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