Als kleiner Junge hatte Tom Kühnhackl (33), später zweimaliger Gewinner des Stanley Cups in der NHL, ein Aha-Erlebnis. Er kramte auf dem Dachboden des Elternhauses in Landshut herum und fand in einer Kiste eine alte Videokassette. Er legte sie in den Rekorder und war verblüfft. „Dort sah ich alte Spielszenen von meinem Vater“, erzählt Kühnhackl junior. „Er hat sich hinter dem eigenen Tor den Puck geholt, ist nach vorne marschiert, hat dabei vier Gegenspieler umkurvt und dann den Puck ins Tor geknallt. Er war einfach unglaublich.“
Was für ein großartiger Eishockeyspieler er früher war, hatte Erich Kühnhackl (75) seinem Sohn immer verheimlicht. „Er wollte mich nicht unter Druck setzen. Ich sollte meinen eigenen Weg gehen“, erklärt der Sohn. „Aber seit ich diese Videos sah, wollte ich so gut werden wie mein Papa. Das ist mir nie gelungen, das war auch gar nicht möglich. Er hat zwar nie in der NHL gespielt, aber ich bin mir sicher: Auch dort hätte er für Furore gesorgt.“
724 Tore in 774 Bundesliga-Spielen, achtmal Bundesliga-Topscorer, 134 Tore in 211 Länderspielen, erster und einziger deutscher Topscorer bei einer WM (1978) – Erich Kühnhackl hat Rekorde für die Ewigkeit aufgestellt. Auch deshalb wurde er vom Deutschen Eishockey-Bund (DEB) zum „Eishockeyspieler des Jahrhunderts“ gekürt.
Seine Mitspieler nannten Kühnhackl nur „Langer“
Allein schon wegen seiner Größe von 1,96 Metern war er auf dem Eis eine imposante Erscheinung. Sein Spitzname: „Kleiderschrank auf Kufen“. Seine Mitspieler nannten ihn nur „Langer“. Wenn er elegant über das Eis glitt, wehten seine langen Haare unter dem Helm. Frisurentechnisch war er der Günter Netzer des Eishockeys. Gemessen an der Bedeutung für seine Sportart war er sogar noch größer.
Geboren wurde Erich Kühnhackl als Sohn deutscher Eltern am 17. Oktober 1950 im 800-Einwohner-Dorf Citice (Zieditz) in der Tschechoslowakei nahe der deutschen Grenze. Sein Vater war Baggerführer im Kohlebergbau, seine Mutter Handschuhnäherin. Zunächst spielte der kleine Erich Fußball. „Ich war Libero – aber nicht so elegant wie der Franz später“, sagt Kühnhackl lächelnd.
Als er acht Jahre alt war, nahm ihn sein Sportlehrer mit zum Eishockey auf einen zugefrorenen Weiher. „Meine Eltern hatten kein Geld für neue Schlittschuhe. Also habe ich in alten, ausrangierten Tretern gespielt, die zehn Nummern zu groß waren“, sagt Kühnhackl. „Aber trotzdem hatte ich auf Anhieb Riesenspaß am Eishockey.“ Auch einen alten Schläger und alte Handschuhe besorgte der Lehrer ihm.
Schon mit 17 spielte Kühnhackl in der ersten Mannschaft des tschechischen Zweitligisten Banik Sokolov. Dann kam der Prager Frühling, und die Familie durfte nach Deutschland übersiedeln. Erichs Großeltern und seine Schwester Inge lebten dort.
Die Familie wählte Landshut als Wohnort aus, weil dort der ehemalige CSSR-Nationaltrainer Karel Gut (†86) den EV trainierte. „Herrn Gut habe ich eine Menge zu verdanken. Er hat sich sehr um die jungen Spieler gekümmert und immer an mich geglaubt“, sagt Kühnhackl. „Auch bei der Ausrüstung hat er mir geholfen. Meine erste Saison in Landshut habe ich mit gebrauchten Schuhen gespielt.“
Gleich in seiner zweiten Bundesliga-Saison 1969/70 wurde Kühnhackl mit dem EV Landshut Deutscher Meister – der erste Titel für die Niederbayern. Mit 21 Toren und 14 Vorlagen in 35 Spielen hatte der erst 19-jährige Kühnhackl großen Anteil daran. Die Statistiken wurden von Jahr zu Jahr besser, 1972 spielte Kühnhackl das erste Mal für die Nationalmannschaft. Bei den Olympischen Spielen 1976 in Innsbruck schaffte das Team von Bundestrainer Xaver Unsinn (†82) die Sensation und gewann Bronze.
„Nach dem 4:1 im letzten Gruppenspiel gegen die USA sind wir enttäuscht in die Kabine gegangen, weil wir dachten, es hat nur zu Platz 4 gereicht“, erzählt Kühnhackl. „Erst später erfuhren wir, dass es Bronze ist.“ Denn wie sich herausstellte, entschied nicht die Tordifferenz zwischen den punktgleichen Nationen Finnland, Deutschland und USA, sondern der Torquotient (erzielte Tore geteilt durch Gegentore) – und da lag Deutschland mit 1,167 vor Finnland mit 1,125. Das „Wunder von Innsbruck“, der bisher größte Erfolg im deutschen Eishockey, war perfekt. Mit sechs Toren in sechs Spielen war Kühnhackl der deutsche Topstürmer.
Astronomische Summe für den Transfer
1976 wechselte der Eishockey-Star zum Kölner EC – des Geldes wegen. Klub-Boss Jochem Erlemann (†70), ein zwielichtiger Finanzunternehmer mit dem Spitznamen „Der Doktor“, war von Kühnhackls Auftritten bei Olympia so begeistert, dass er ihn mit aller Macht nach Köln holen wollte – koste es, was es wolle. Er traf sich mit Kühnhackl im Münchner Café Luitpold und lockte ihn mit einem Jahresgehalt von 250.000 Mark nach Köln. Um den EV Landshut zu überzeugen, schickte er einen Gesandten mit einem Geldkoffer nach Niederbayern. Nach zähen Verhandlungen betrug die Ablöse 650.000 Mark – eine astronomische Summe für die damalige Zeit, noch dazu in der Sportart Eishockey.
„An die genauen Summen kann ich mich nicht mehr erinnern“, sagt Kühnhackl mit einem verschmitzten Lächeln. „Nur so viel: Die Geschichte mit dem Geldkoffer stimmt.“ Vier Jahre später wurde Erlemann wegen illegaler Geschäfte auf offener Straße verhaftet und kurz danach zu acht Jahren Haft verurteilt.
1977 und 1979 führte Kühnhackl Köln zu zwei Meistertiteln. Insgesamt erzielte er für den KEC in 138 Spielen 158 Tore. 1979 kehrte er nach Landshut zurück – „der Familie wegen“, wie er sagt. „Meine Frau kommt aus Landshut, unsere ganzen Freunde leben dort. Außerdem mochte ich die vertraute Atmosphäre. Nach jedem Spiel kam der Oberbürgermeister Josef Deimer zu uns in die Kabine und setzte sich zwischen uns Spieler.“ Im Tausch für Kühnhackl wechselte Gerd Truntschka (67) von Landshut nach Köln. In der ersten Saison nach seiner Rückkehr trumpfte Kühnhackl auf, wie nie – in 48 Spielen schoss er 83 Tore und gab 72 Vorlagen. 1983 führte er den EV Landshut zum zweiten Meistertitel.
„Wenn Erich vor dir auftauchte, war das ein Furcht einflößendes Bild“, sagt der heutige Bundestrainer Harold Kreis (66), damals Verteidiger beim Mannheimer ERC. „Er hat die Scheibe gern einhändig geführt, ist außen an dir vorbeigelaufen. Dabei hat er den anderen Arm ausgestreckt, was ja erlaubt ist. Man hatte keine Chance, an die Scheibe heranzukommen. Man hat einfach versucht, die Innenbahn zu halten, in der Hoffnung, dass er abdreht. Das tat er leider meistens nicht. Die unglaublich vielen Tore sagen alles aus.“ Und Kreis ergänzt: „Erich war ein unglaublich fairer Sportsmann.“
„Als Eishockeyspieler brauchst du einen guten Zahnarzt“
Seine Größe war für Kühnhackl nicht immer positiv. „Du hast einen Vorteil, weil du stärker im Zweikampf bist“, sagt er. „Aber auf der anderen Seite geben dir die Schiedsrichter schneller zwei Minuten Strafe. Daran habe ich mich in meiner Karriere aber gewöhnt.“ Genauso wie an den Verlust der kompletten oberen Zahnreihe. „Als Eishockeyspieler brauchst du einen guten Zahnarzt“, sagt er lapidar.
In der nordamerikanischen NHL lief Kühnhackl nie auf. 1975 spielte er bei den New York Rangers vor, entschied sich aber gegen einen Wechsel. „Die Zeiten damals waren andere, man hat in Deutschland besser verdient“, sagt Kühnhackl. „Außerdem war ich sehr heimatverbunden, so haben mich meine Eltern erzogen.“
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Hätte er es in der NHL gepackt? „Wahrscheinlich schon“, sagt er nach einem Zögern. Die Zurückhaltung ehrt ihn. Denn ein Spieler seiner Klasse würde heutzutage in der NHL einen 100-Millionen-Dollar-Vertrag bekommen. „Ich trauere dem Geld nicht hinterher“, sagt Kühnhackl. „Ich hatte auch so eine schöne Zeit als Spieler. Außerdem hat mir mein Vater beigebracht: Geld ist wichtig – aber nicht das Wichtigste im Leben.“
Das erfuhr Kühnhackl auf schmerzhafte Art im September 2020. Seine Frau Sylvia, die er 1973 in Landshut geheiratet hatte, starb unerwartet im Alter von 70 Jahren. Ein harter Schlag für den Familienmenschen. „Seitdem gehe ich jeden Tag zu ihr und besuche sie auf dem Friedhof“, sagt Kühnhackl. Meistens geht er die knapp sechs Kilometer von zu Hause zum Grab zu Fuß, knapp anderthalb Stunden braucht er pro Strecke. Oder aber seine Kinder oder Enkel bringen ihn mit dem Auto.
„Ich bin unheimlich stolz auf Tom“
Kühnhackl hat drei Kinder. Alle drei spielten oder spielen Eishockey. Kirstin (51) lief für die Landshuter Frauenmannschaft auf, Kevin (46) für die unterklassigen bayerischen Klubs Dingolfing, München und Deggendorf. Der jüngste Sohn Tom gewann in der NHL mit den Pittsburgh Penguins 2016 und 2017 den Stanley Cup. Nun spielt er für die Adler Mannheim in der DEL.
Regelmäßig fährt Kühnhackl mit seinen Enkelkindern die 390 Kilometer von Landshut nach Mannheim, um Tom spielen zu sehen. Bei Mannheims Auswärtsspielen in Bayern ist er ohnehin fast immer in der Halle. Auch bei Toms beiden Stanley-Cup-Siegen war der Vater vor Ort in Nordamerika. „Das habe ich mir nicht entgehen lassen“, sagt er. „Ich bin unheimlich stolz auf Tom.“ Umso schöner war es, als Tom die gewaltige Trophäe mit nach Landshut brachte und sich im Rathaus ins goldene Buch der Stadt eintrug.
Das aktuelle Eishockey-Geschehen verfolgt Kühnhackl mit Begeisterung: „Die jungen deutschen Spieler nehmen eine große Rolle in den Klubs ein und sind nicht schlechter als die ausländischen. Die Nachwuchsarbeit in Deutschland ist viel besser geworden. Deshalb waren auch so große Erfolge wie der Silber-Gewinn bei Olympia 2018 und der WM 2023 möglich“, sagt er.
Die Nachwuchsarbeit lag Kühnhackl seit seinem Karriereende 1989 – zu seinem Abschiedsspiel in Landshut kamen Weltstars wie Vladislav Tretiak, Sergei Makarov und Vladimir Krutov – immer am Herzen. Daher arbeitete er als Junioren-Nationaltrainer und rief 2000 das Projekt der Erding Jets ins Leben, eines Zweitliga-Teams mit ausschließlich deutschen Jugendspielern. Von 2008 bis 2014 war er Vizepräsident des Deutschen Eishockey-Bundes. Zur Förderung des Eishockey-Nachwuchses gründete er zudem die Erich-Kühnhackl-Stiftung.
Noch immer ist Kühnhackl sportlich aktiv. Er spielt Golf, macht Radtouren und lange Spaziergänge. Bei Terminen für seine Stiftung, wenn er mit Jugendlichen aufs Eis geht, zieht er noch ab und zu die Schlittschuhe an. Diesmal sind es – anders als zu Beginn seiner Karriere – seine eigenen.
Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.
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