Sein Torjubel drückte so viel aus. Er zeigte, wie viel Selbstvertrauen und Mut Lennart Karl hat. Das derzeit wohl vielversprechendste Talent im deutschen Fußball stellte sich nach einem Treffer zum 1:1 des FC Bayern beim FC Arsenal in der 32. Spielminute mit Blick in die Linse der Fernsehkamera vor die Tribüne voller Londoner Fans und breitete die Arme aus. Fußball-Welt, sieh‘ her – hier bin ich! „Wonderkid“ nannten ihn auch an diesem Abend wieder einige in England und waren beeindruckt.

In der Top-Partie der Champions League (1:3) brachte der 17-Jährige die Bayern nach dem 0:1 zwischenzeitlich zurück ins Spiel. Sein Trainer Vincent Kompany zeigte erneut, wie sehr er Karl vertraut, indem er den U-21-Nationalspieler von Beginn an spielen ließ. Offensivstar Luis Díaz fehlte gesperrt.

Karl konnte die Niederlage der Münchner zwar nicht verhindern, das enorm clevere und effektive Arsenal nutzte die temporären Defensivschwächen der Münchner. Doch er bewies erneut seine Qualität. Und Kompany ist sicher, dass es diese Spiele sind, die Karl weiter reifen lassen werden.

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In der Anfangsphase der Partie waren von dem Jungprofi offensiv wenig auffällige Szenen zu sehen. Er arbeitete defensiv gut mit. Und war im entscheidenden Moment da: Joshua Kimmich spielte mit einem Weltklasse-Pass über große Distanz Serge Gnabry frei, der volley auf Karl ablegte – der wiederum halbvolley traf. Eine Topkombination der Münchner. Es war Fußball auf sehr hohem Niveau.

Lennart Karl stellt Bestmarke auf

Für Karl war es bereits der sechste Startelf-Einsatz der Saison. Und nach seiner starken Leistung beim 6:2 gegen den SC Freiburg in der Bundesliga war er auch in London offensichtlich frei von großer Nervosität. Dieser Junge mit der Trikotnummer 42 ist eine Bereicherung für die Bayern, für den deutschen Fußball.

Mit seinem Treffer zum 1:1 wurde er im Alter von 17 Jahren und 277 Tagen der jüngste Spieler, der in seinen ersten beiden Startelf-Einsätzen in der Champions League getroffen hat. Anfang der zweiten Halbzeit hätte Karl sogar erneut treffen können, scheiterte jedoch mit seinem Schuss aus dem Strafraum heraus frei stehend an Arsenals Torwart David Raya.

In den sozialen Medien schrieb jemand, er selbst habe mit 17 die Schule geschwänzt und Unsinn im Kopf gehabt – Karl hingegen bringt mal eben die Arsenal-Fans zum Schweigen. Und imponiert in diesen Wochen Fans weltweit.

Beraten wird Karl von Michael Ballack, dem ehemaligen Kapitän der Nationalmannschaft. Mittwochabend in London kam es zu einer Besonderheit – denn Ballack ist auch Experte und Kommentator bei DAZN. Ein Spielerberater kommentiert live die Leistung seines Klienten – das kommt selten bis gar nicht vor. Ballack war schon für DAZN tätig, bevor Karl bei den Profis durchstartete. „Kompany hat ihm das Verteidigen beigebracht“, sagte Ballack über Karl. „Sonst würde er in dieser Mannschaft nicht spielen.“

Karls Warten auf die Nationalmannschaft

Viele Experten und Fans hoffen, dass Bundestrainer Julian Nagelsmann Bayerns Supertalent bald für die A-Nationalelf nominiert und mit zur WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko nimmt. „Es ist überraschend, wie er in diesem jungen Alter performt und diese Physis so schnell als 17-Jähriger adaptiert. Das ist nicht normal, das ist nicht selbstverständlich“, sagte Ballack bei DAZN. Karl hatte nach dem Rückstand der Bayern die Chance, den Ausgleich einzuleiten, doch sein Pass auf Michael Olise war zu ungenau und wurde abgefangen. In der Endphase wechselte Kompany dann Raphaël Guerreiro für ihn ein.

Beim FC Bayern sind die Bosse positiv überrascht von Karls Entwicklung. „Wir sind einfach froh, dass Lenny bei uns ist. Wir haben einige Gespräche im Sommer geführt und diese Entwicklung zwar gesehen, aber dass es so schnell geht, konnte wirklich keiner erwarten“, hatte Bayerns Sportvorstand Max Eberl vor der Partie gesagt. „Wir sind extrem froh, dass es so gekommen ist.“ Nach dem Abpfiff lobte er die Unbekümmertheit Karls und betonte, die gesamte Mannschaft müsse aus dem Spiel lernen.

Auch Lothar Matthäus findet, dass Karl mit zur WM sollte. „Wir haben immer Angst, junge Spieler zu fördern – und das ist das Problem in Deutschland. Lasst sie doch los, lasst sie“, forderte der Rekordnationalspieler bei Sky mit Blick auf die kritischen Stimmen bezüglich einer möglichen Karl-Nominierung von Nagelsmann.

Dass diese womöglich zu früh in der Karriere des Ausnahmetalents komme, sieht Matthäus nicht so: „Es gibt nie zu früh aufsteigen und es gibt nie zu früh Nationalmannschaft.“ Karl sei seiner Meinung nach „ein ganz großer Kandidat, weil solche Spieler, die was Besonderes haben, sind gerade bei so einem Turnier gefragt. Diese Straßenfußballer, die sich nicht nur in ein System reinzwingen lassen, sondern auch das machen, was sie in dem Moment riechen und fühlen.“

An diesem besonderen Mittwochabend im Londoner Emirates-Stadion hat Karl wieder mal Argumente für weitere Startelf-Einsätze bei den Bayern gesammelt. Wenngleich es für seine Mannschaft ein enttäuschendes Ergebnis war.

Julien Wolff ist Fußball-Redakteur. Er berichtet seit 2011 aus München über den FC Bayern, zudem über die Bundesliga und die Nationalmannschaft. Lennart Karls Auftritt und dessen zweiten Champions-League-Treffer erlebte er in London im Stadion.

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