Es ist ein Hobby, bei dem die meisten Menschen schon beim Gedanken daran frösteln. Während andere im Winter möglichst schnell in die beheizte Wohnung flüchten, zieht es Brigitte Jordan regelmäßig an den Niedernberger See, knapp 50 Kilometer südöstlich von Frankfurt, den „Honisch Beach“, wie sie hier sagen. Die 62-jährige medizinische Bademeisterin steigt auch bei niedrigen Temperaturen ins Wasser. Kalt duschen dagegen? „Das geht gar nicht“, findet sie.
Dabei könnte gerade der kalte Schauer ein guter Einstieg in eine Gewohnheit sein, die überraschende gesundheitliche Vorteile verspricht. Eine Studie der Universität Basel liefert dafür eine bemerkenswerte Zahl: Menschen, die sich zwölf Wochen lang regelmäßig kalt duschten, waren im Schnitt 31 Prozent weniger krank und fühlten sich körperlich und psychisch zunehmend besser.
Wer plötzlich in einen kalten See steigt oder die Dusche auf eiskalt stellt, löst eine unmittelbare Stressreaktion aus. Der sogenannte Kälteschock versetzt den Organismus in Alarmbereitschaft. Der Körper muss innerhalb von Sekunden auf die ungewohnte Temperatur reagieren.
Der Puls beschleunigt sich, der Blutdruck steigt, die Atmung wird schneller. Stresshormone wie Adrenalin und Noradrenalin werden ausgeschüttet. Man ist hellwach, der Kopf wird frei, der Alltag tritt in den Hintergrund. Sorgen, Stress und schlechte Laune scheinen für einen Moment keine Rolle mehr zu spielen. Wer sich dem Kältereiz aussetzt, muss sich auf das konzentrieren, was gerade geschieht: auf die Atmung, den eigenen Körper und den nächsten Moment.
Auch Brigitte Jordan kennt diesen Effekt gut. Ihre Routine: Nach dem Sport fährt sie an den See, taucht langsam ein, bleibt 15 Sekunden drin, geht zurück ans Ufer, bewegt sich ein wenig oder wärmt sich in der Sonne auf. Anschließend wiederholt sie das Ganze noch ein- oder zweimal. Ihre Erfahrung: Mit jedem weiteren Eintauchen fällt es leichter. Das Wasser fühlt sich zunehmend wärmer an. „Beim dritten Mal ist es keine Überwindung mehr.“
Warum sie sich das antut? Jordan muss nicht lange überlegen: „Ich fühle mich danach wie neugeboren.“ Während sie im Wasser ist, sei sie „wie abgeschaltet“. Sie konzentriert sich nur auf die Atmung und das Eintauchen. Alles andere werde nebensächlich, ihre Sorgen vergesse sie. „Danach habe ich Glücksgefühle, weil Endorphine freigesetzt werden“, sagt sie.
„Echt irre, wie viele im Winter baden gehen“
Auch die Teilnehmer der Basler Dusch-Studie berichteten von solchen unmittelbaren Belohnungseffekten. Sie fühlten sich nach der kalten Dusche wacher und erfrischter. Hinzu kam ein Gefühl des Stolzes: Sie hatten sich überwunden und etwas geschafft, wovor sie zunächst zurückgeschreckt waren.
Die Psychologin Lena Glaser, die die Studie unter 719 Erwachsenen leitete, sieht darin einen wichtigen Faktor. „Solche Erfolgserlebnisse motivieren“, sagt sie. Der persönliche Nutzen einer Verhaltensänderung könne entscheidend dafür sein, dass Menschen sie dauerhaft in ihren Alltag integrieren.
Dass Kälte nicht nur körperlich, sondern auch psychisch einen Effekt haben kann, schreibt auch die finnische Schriftstellerin Katja Pantzar. In ihrem Buch „Saunadampf und Kältekick“ erzählt sie vom ganzjährigen Schwimmen in der Ostsee. Gerade in den dunklen Wintermonaten helfe ihr das kalte Wasser gegen schlechte Stimmung. „Denn um die Laune zu heben, gibt es für meine Begriffe nichts Besseres“, schreibt sie. Ihre Devise lautet: „Die Kälte ist Deine Freundin“.
Hinzu kommt: Für viele Winterbadende spielt auch das Gemeinschaftsgefühl eine entscheidende Rolle. Am Niedernberger See erlebt Brigitte Jordan, wie viele Menschen inzwischen selbst bei winterlichen Temperaturen schwimmen gehen. „Man glaubt es nicht, wie viele Leute da im Winter baden gehen, echt irre.“
Das beobachtet auch Anna Falcoianu, Geschäftsführerin der Initiative Eisbaden.de, die Gleichgesinnte zusammenführt. Dahinter stecke – ganz im Sinne des Longevity-Trends – unter anderem der Wunsch, die eigene Gesundheit zu optimieren und möglichst lange fit zu bleiben. Wer einmal erlebt habe, so Falcoianu, wie sich die Kälte auf Energie, Regeneration und Körpergefühl auswirken könne, wolle diese Erfahrung häufig nicht mehr missen.
So verheißungsvoll diese Effekte klingen – die Basler Untersuchung zeigt auch, wie schwer sich Menschen mit dem Einstieg tun. Schon in den ersten beiden Kaltduschwochen stiegen viele aus. Danach nahm die Zahl der Abbrecher ab. „Es scheint also einen Gewöhnungseffekt zu geben“, schlussfolgert Glaser. Wer die anfängliche Überwindung schafft, gewöhnt sich demnach zumindest teilweise an den Kältereiz.
Wer kalt duscht, der spart auch
Um dahinzukommen, kann man langsam einsteigen. Es muss nicht von Anfang an die maximal mögliche Kälte sein. „Das Wasser muss nicht jeden Tag gleich kalt sein“, sagt Glaser. Schon ein wenig die Temperatur nach unten zu drehen, sich langsam an die eigene Grenze heranzutasten, könne ein Anfang sein, sagt Glaser. Das Ganze sei ja kein „Alles-oder-nichts-Prinzip“. Entscheidend sei, auf den eigenen Körper, das persönliche Wohlbefinden zu hören.
Auch Jordan empfiehlt, sich Zeit zu lassen. Beim Winterbaden ist für sie die Atmung das A und O. Schon vor dem Einstieg atmet sie bewusst tief ein und aus. Dann geht sie langsam ins Wasser, bis zum Bauchnabel. Besonders wichtig sei das Ausatmen: „Nicht die Luft anhalten.“ Beim dritten Ausatmen taucht sie schließlich ganz unter. Wer hektisch werde oder nicht richtig Luft hole, bei dem könne es schmerzhaft werden.
Das Ganze lohnt sich noch aus einem anderen Grund: Wer kalt duscht, duscht kürzer und spart Energie fürs Aufheizen. 15 statt 40 Grad senken den Verbrauch bei 45 Litern um 1,3 Kilowattstunden. Allein in den zwölf Wochen entstehen 15 Kilo weniger CO2, so viel wie bei hundert Kilometern Autofahren.
Brigitte Jordan hat ihre persönliche Methode längst gefunden. Sie geht inzwischen häufig mit einer Freundin zum See. Manchmal, sagt Jordan, hadere sie noch ein wenig, dann müsse sie sie an die Hand nehmen. „Und dann laufen wir zusammen rein.“
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