Der Pazifik ist ein riesiges Mosaik aus Farben: Grüne Bänder ziehen sich durch Tiefblau, an anderen Stellen schimmert er fast schwarz, manchmal taucht er in ein helles, milchiges Türkis.
Doch in welcher Schattierung sich das Meer zeigt, ist mehr als ein Naturschauspiel. Es verrät viel darüber, was sich unter seiner Oberfläche abspielt. Und da scheinen sich die Verhältnisse im Ozean aktuell grundlegend zu verschieben: Satellitenaufnahmen der US-Raumfahrtbehörde Nasa zeigen, wie sich große Flächen von Grün in tiefes Blau färben – und womöglich das Ökosystem als Ganzes tiefgreifend verändern.
Grund dafür ist das Klimaphänomen El Niño, das dieses Jahr besonders heftig ausfallen könnte. Im tropischen Pazifik steigen dabei die Temperaturen nahe der Oberfläche ungewöhnlich stark, vor allem entlang des Äquators. Gleichzeitig schwächen sich die Passatwinde ab, die normalerweise warmes Wasser nach Westen treiben. Werden die Fluten wärmer, wandelt sich auch das Leben darin.
Bläulichere Töne im Pazifik weisen auf weniger Phytoplankton hin, grünliche und gelbliche auf mehrIm Zentrum des Geschehens steht dabei das sogenannte Phytoplankton – mikroskopisch kleine Organismen, die in den oberen Wasserschichten treiben. Wie Pflanzen an Land nutzen sie Sonnenlicht, um durch Fotosynthese Energie zu gewinnen. Das Chlorophyll, mit dem die Winzlinge Licht aufnehmen, verleiht dem Wasser seinen grünlichen Schimmer. Wo weniger Phytoplankton wächst, erscheint die Meeresoberfläche blauer. Die Beobachtungen aus dem All – sie könnten damit ein Hinweis darauf sein, dass im Pazifik das Leben zurückgeht.
Um herauszufinden, wie sehr sich dort etwas verschiebt, verglich die US-Raumfahrtbehörde Nasa Aufnahmen aus diesem Juni mit denen vom Juni zuvor. Satelliten hatten dafür das vom Wasser reflektierte Licht gemessen und daraus abgeleitet, wie viel Chlorophyll sich unter ihnen befindet.
Wo sich im vergangenen Jahr auf den Bildern noch ein breites grünes Band mit jeder Menge Chlorophyll um den Äquator legte, war in diesem Sommer nur ein schmaler Streifen zu sehen. In weiten Teilen des Gebiets hatten die Instrumente weniger Chlorophyll gemessen – und damit weniger der pflanzlichen Einzeller.
Normalerweise, in Jahren ohne El Niño, treiben die Passatwinde warmes Oberflächenwasser nach Westen gen Indonesien und Australien. Im Osten des Ozeans, vor den Küsten Perus und Ecuadors, kann dadurch kaltes, nährstoffreiches Wasser aus tieferen Schichten aufsteigen – und das Phytoplankton mit den Stoffen versorgen, die es zum Wachsen benötigt.
Während eines El-Niño-Ereignisses schwächen sich die Passatwinde hingegen ab. Warmes Wasser kann sich dann weiter nach Osten ausbreiten, der Ozean verändert seine Schichten, der Auftrieb bremst ab und mit ihm der Nährstoffnachschub. Das Fatale dabei: Nicht nur das Phytoplankton geht zurück, sondern auch die Lebensgrundlage für zahlreiche Meerestiere. Denn die Mikroorganismen stehen am Beginn der Nahrungskette. Ist weniger Plankton vorhanden, finden auch Fische schlechter Nahrung. Sinken die Fischbestände wiederum, gibt es auch für Seevögel, Robben und andere Meeressäuger kaum noch etwas zu fressen.
Eigentlich ist El Niño nichts Ungewöhnliches. Etwa alle zwei bis sieben Jahre kommt es zu dieser natürlichen Klimaschwankung. Und auch dass sich das Leben im Ozean während dieser Phasen verändert, ist nichts grundsätzlich Problematisches. Dramatisch wird das Ganze dann, wenn die Schwankungen weit über das typische Maß hinausgehen.
Welche Folgen das haben kann, zeigte sich etwa während des El Niño von 1982/83 rund um die Galápagosinseln. Als sich der Pazifik ungewöhnlich stark erwärmte, blieb der Nachschub aus der Tiefe vielerorts aus. Das Plankton wurde knapp, das gesamte Nahrungsnetz geriet ins Wanken. Blaufußtölpel und andere Seevögel fanden kaum noch Fische für sich und ihren Nachwuchs. Viele Tiere brüteten gar nicht erst, andere konnten ihre Küken nicht aufziehen. Auch die Seelöwen litten, ungewöhnlich viele Jungtiere überlebten nicht. Eine Studie dokumentierte später, bei manchen Tierbeständen dauerten die Auswirkungen noch Jahre an. Die Bestände der Galápagospinguine sanken um 77 Prozent, die der flugunfähigen Kormorane um 49 Prozent.
Wie heftig es dieses Mal wird, hängt davon ab, wie sich El Niño in den kommenden Monaten entwickelt. Die US-Klimabehörde NOAA rechnet damit, dass das Phänomen bis Ende des Jahres noch zulegen könnte. Die Chlorophyllgehalte, so auch die Prognose der Nasa, könnten im zentralen Pazifik noch stärker schrumpfen – und mit ihnen das Leben im Ozean. Wie schnell sich das im Ernstfall wieder erholen würde, lässt sich kaum abschätzen.
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