Was das Medikament aus ihm machte, störte den Teenager. Nahm er es, habe er sich nicht mehr gefühlt wie er selbst, sagt der junge Mann im Nachhinein. Er setzte es ab, seine ADHS-Symptome aber blieben: Stimmungsschwankungen, Reizüberflutungen, innere Unruhe, depressive Gedanken. Irgendwann habe er gemerkt, dass Alkohol und Cannabis diese Symptome verschwinden ließen.

Fälle wie diese erlebt Daniel Elsässer von der Suchtberatung der Aschaffenburger Caritas häufiger. Mindestens zehn bis 15 Prozent seiner Klienten, schätzt der Suchtberater, haben eine diagnostizierte Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS, oder leiden unerkannt darunter. In der erwachsenen Gesamtbevölkerung seien es rund vier Prozent.

ADHS ist eine neurologische Störung, die fatale Folgen haben kann, etwa Sucht. Denn abhängig davon, mit welchen Symptomen sie fertig werden müssen, setzen Menschen mit ADHS die Effekte bestimmter Drogen zur Selbstmedikation ein.

Auch der Frankfurter Psychiater und Suchtmediziner Mathias Luderer verweist auf die Überschneidung. „Obwohl etwa jeder vierte bis fünfte Patient in Suchtbehandlung ein ADHS hat, wird die Diagnose häufig noch übersehen“, sagt er.

Das erhöhte Suchtrisiko bei ADHS wird in der Behandlung zu selten thematisiert. Auch das „Jahrbuch Sucht“ empfiehlt wegen der hohen Häufigkeit von ADHS bei Menschen mit substanzbezogenen Störungen wie Alkohol, Tabak und illegalen Drogen ein Screening auf ADHS.

Die doppelte Diagnose verkompliziert manches. „Der Genesungsprozess verläuft meist nicht linear, durch akute Symptome kommt es häufiger zu Rückfällen“, erklärt Suchtberater Elsässer. Er begleitet die Betroffenen, bis sie einen stationären Reha-Platz haben. Danach ist er für sie in der Nachsorge da.

In der Beratung wird nach Alternativen gesucht. Gegen innere Unruhe, sagt Elsässer, können Entspannungstechniken oder Bewegung helfen: „Für manche Klienten ist Krafttraining gut.“

Suchtmediziner Luderer sieht noch ein weiteres Problem: Viele Behandler scheuten sich, bei Suchterkrankungen etwa Stimulanzien wie Ritalin zu verordnen. So würden in Reha-Kliniken – aus Unwissenheit und durch fehlendes Vertrauen in neue wissenschaftliche Erkenntnisse – wichtige ADHS-Medikamente abgesetzt. Luderer fordert deshalb mehr Aus- und Weiterbildung von Ärzten und Psychotherapeuten.

Er spricht sich daher für eine medikamentöse ADHS‑Behandlung aus. Diese verbessere die Chancen, von der eigentlichen Suchttherapie zu profitieren. „Bei Psychopharmaka haben wir mehr Bedenken als bei Cannabis und Alkohol“, wundert er sich.

Letztere würden „gesellschaftlich akzeptiert – dabei sind das beides Stoffe mit klar belegten gesundheitlichen Risiken, während ADHS-Medikamente das Sterblichkeitsrisiko nachweislich verringern“, sagt der Leiter der Suchtmedizin am Universitätsklinikum Frankfurt. Entscheidend sind für ihn bei ADHS eine sorgfältige Diagnostik und Begleitung durch erfahrene Fachärztinnen und Fachärzte.

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