Bislang war der psychoaktive Pilzwirkstoff Psilocybin allgemein als Droge, später auch als mögliche Therapie etwa gegen Depressionen, Angststörungen und Suchtprobleme bekannt.

Nun zeigt eine Studie völlig überraschend einen weiteren möglichen Nutzen der Substanz: Wie ein US-Forschungsteam im Fachjournal „Science“ berichtet, könnte der Wirkstoff womöglich schwere Nervenschäden verhindern, die als häufige Nebenwirkungen bei Chemotherapien auftreten und gegen die es bisher keine präventive Behandlung gibt.

Zwar hat das Team um Mario Heles vom MD Anderson Cancer Center der University of Texas in Houston den Schutzeffekt bisher nur an Zellkulturen, menschlichem Gewebe und an Mäusen untersucht – klinische Tests an Patienten gab es noch nicht. Die Ergebnisse seien aber so eindeutig, dass sie „eine dringende klinische Prüfung“ von Psilocybin zum Schutz vor derartigen Nervenschäden stützten, schreibt die Gruppe.

In einem „Science“-Kommentar schreibt die Pharmakologin Maria Maiarú von der englischen University of Reading von überzeugenden Resultaten, zumal das Forschungsteam auch den Mechanismus für die Wirkung erklärt.

Auch der deutsche Experte Dirk Jäger zeigt sich beeindruckt von den Daten. „Wenn sich das Ergebnis beim Menschen bestätigt, wäre das ein Riesengewinn für die Onkologie“, sagt der geschäftsführende und ärztliche Direktor des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg, der selbst nicht an der Studie beteiligt war.

Doch worum geht es genau? Bei der Behandlung von Krebs spielen Chemotherapien eine wichtige Rolle. Die Wirkstoffe sollen Tumorzellen abtöten, aber sie schädigen oft auch andere Körperzellen, darunter Nervenzellen, etwa an den Händen und Füßen.

Folgen können unter anderem Taubheitsgefühle, Schmerzen und eine erhöhte Empfindsamkeit sein. Da die Nervenschäden irreversibel sind, können die Probleme nach Ende der Behandlung anhalten und die Lebensqualität beträchtlich einschränken.

Fachleute sprechen dabei von einer chemotherapieinduzierten peripheren Neuropathie, kurz CIPN. Ausgelöst werden kann sie durch verschiedene Chemotherapie-Medikamente, etwa Cisplatin, Paclitaxel oder Docetaxel. „Diese Nebenwirkung ist sehr häufig“, sagt der Heidelberger Experte Jäger.

Betroffen seien vor allem Behandlungen sogenannter solider Tumore, etwa von Dickdarm, Prostata, Lunge, Eierstöcken oder Bauchspeicheldrüse. Oft müsse aufgrund der Folgen die Therapie umgestellt oder die Behandlung abgebrochen werden. Trotz der bedeutenden klinischen Last und jahrzehntelanger Forschung existiere bisher keine Präventionsstrategie, schreibt die Gruppe um Heles.

Möglicher Schutz vor Nervenschäden

„Es gibt einen dringenden Bedarf für Behandlungen, die Nervenschäden verhindern, ohne die lebensrettende Chemotherapie zu behindern“, sagt Studienleiter Moran Amit. „Diese Resultate liefern wichtige Einblicke, wie Psilocybin Nerven schützen kann, bevor Schäden auftreten.“ Das sei wesentlich besser, als später dauerhafte Symptome behandeln zu müssen.

Bisher wurde der psychoaktive Wirkstoff Psilocybin, der in etlichen Pilzarten vorkommt, eher für die Behandlung psychischer Erkrankungen erforscht, etwa von Depressionen und Angsterkrankungen. Die jetzigen Resultate zeigen einen bislang völlig unbekannten möglichen Nutzen.

Demnach bewahrten vor einem Chemotherapie-Zyklus zwei prophylaktische Dosen des Wirkstoffs Mäuse zuverlässig vor Nervenschäden, und das für die Dauer von bis zu acht Monaten. Die Tiere wurden in der Studie bis zu sechs Behandlungszyklen unterzogen und erhielten vor jedem davon Psilocybin. Den Tumor selbst und dessen Bekämpfung durch das Immunsystem beeinflusste der Wirkstoff nicht.

Das Forschungsteam untersuchte auch, wie die Schutzwirkung zustande kommt. Demnach wirkt Psilocybin über einen bestimmten Serotonin-Rezeptor in Nervenzellen, die durch eine Chemotherapie besonders gefährdet sind.

Chemotherapeutika wie Cisplatin können dort die Energieversorgung der Nervenenden stören. Psilocybin scheint diesen Effekt abzumildern und dafür zu sorgen, dass die Zellen weiterhin ausreichend mit Energie versorgt werden.

Dass dieser Rezeptor für die Schutzwirkung entscheidend ist, zeigte ein weiterer Versuch: Blockierten die Forschenden ihn, blieb der Effekt aus. Einen ähnlichen Schutz beobachteten sie bei einem nicht berauschenden Wirkstoff, der ebenfalls an diesem Rezeptor ansetzt. Dass sich Nervenzellen auf diesem Weg schützen lassen, war bislang unbekannt.

Der Effekt muss nun an Menschen bestätigt werden. Auch die Dosis für Menschen müsse noch ermittelt werden, heißt es. Das Forschungsteam verweist auf eine gute Sicherheit von Psilocybin. Jäger äußert sich vorsichtig: Die Daten an Mäusen seien „sehr, sehr glaubhaft“. „Aber man muss jetzt abwarten, was Studien an Menschen ergeben werden.“

Tatsächlich soll eine Studie an rund 80 Patienten mit unter anderem Brust- und Darmkrebs am M.D. Anderson Cancer Center im November starten. Erste Resultate werden Anfang 2029 erwartet. Man müsse zudem prüfen, ob es ähnliche Schutzeffekte auch bei anderen durch Chemotherapien verursachten Nervenschäden gebe, schreibt Maiarú.

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