Angesichts der derzeitigen Hitzewellen befürchten die meisten von uns vor allem mögliche Hitzschläge und Dehydrierung. Doch auch unsere Lungen sind von den hohen Temperaturen direkt betroffen.

Die Auswirkungen der Hitze auf die Gesundheit unserer Atemwege können noch mehrere Tage nach der Rückkehr zu niedrigeren Temperaturen anhalten, vor allem bei Personen, die unter Asthma oder einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD) leiden.

Eine umfangreiche französische Studie aus dem Jahr 2025 prüfte an mehr als 660.000 Patienten, wie Hitze, Luftverschmutzung und die besonderen Merkmale unserer Umwelt zusammenwirken. Die Studie wurde im Fachmagazin „BMJ Open Respiratory Research“ veröffentlicht.

Eine Folge sind Atemwegserkrankungen sowie die Verschlimmerung von Lungenerkrankungen, warnt Professor Colas Tcherakian, Pneumologe und Koordinator der Universitätsklinik für Bronchologie am Hospital Foch (Suresnes).

Frage: Hitzewellen begünstigen bekanntlich Hitzschläge, Dehydrierung und Herz-Kreislauf-Komplikationen. Über ihre Auswirkungen auf unsere Lungen ist dagegen weniger bekannt. Welche Mechanismen der Hitzewellen fördern denn Atemwegsinfektionen?

Colas Tcherakian: Lungenfachärzte erforschen derzeit die Einflussfaktoren der Hitze auf Lungeninfektionen. Man wusste bereits, dass während Hitzeperioden mehr Patienten mit chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) in die Notaufnahmen kommen. Jetzt hat man festgestellt, dass anhaltend starke Hitze auch für Komplikationen der Atemwege verantwortlich sein kann.

Frage: Was sind Symptome?

Tcherakian: Am deutlichsten zeigt es sich bei Infektionskrankheiten und bei Menschen, die bereits unter Erkrankungen der Atemwege wie Asthma leiden oder auch COPD haben. In Frankreich sind es also acht Millionen Menschen, die einem höheren Risiko einer Infektion ausgesetzt sind.

Laut der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie leiden in Deutschland etwa fünf Millionen Menschen an Asthma und 6,8 Millionen Menschen an COPD.

Frage: Was genau passiert im Körper?

Tcherakian: Wird es zu heiß, kommt es zu Funktionsstörungen der Bronchien und des Immunsystems. Die Bronchien produzieren Schleim, der dann zusammen mit den kleinen Zilien an ihrer Oberfläche den Schleim-Zilien-Teppich bildet – eine Art natürliches Reinigungssystem, das Staub und Schadstoffe abfängt. Diese Zilien befördern den Schleim in den Rachen, wo er verschluckt und ausgeschieden wird, ohne dass man sich dessen bewusst ist. Bei sehr starker Hitze kommt das System aus dem Gleichgewicht: Der Schleim wird dickflüssiger, Bakterien können sich leichter darin ansammeln, was das Risiko einer Infektion erhöht. Gleichzeitig wird das Immunsystem in den Bronchien praktisch lahmgelegt. Auf diese Weise steigt das Infektionsrisiko, vor allem bei Personen mit Asthma oder COPD, aber auch bei gesunden Menschen. Das gilt insbesondere für ältere Personen, Kinder unter 15 Jahren und Frauen.

Frage: Was sind langfristige Folgen?

Tcherakian: Es wird in unserer täglichen Praxis offensichtlich: Wir konnten eine ganze Reihe von viralen Lungenentzündungen feststellen, die beispielsweise durch Rhinoviren oder auch Pneumokokken verursacht wurden, auch bei jungen Patienten.

Frage: Starke Hitze ist schon an sich ein Risikofaktor, verursacht aber auch noch andere, indirekte Risikofaktoren wie die Luftverschmutzung oder auch giftige Rauchgase durch die Brände. Welche Situationen oder Orte stellen das größte Risiko dar?

Tcherakian: In dem Artikel, den wir zum Risiko eines Krankenhausaufenthalts für Personen, die bereits an Asthma oder COPD erkrankt sind, veröffentlicht haben, wird Hitze als Risikofaktor genannt. Und zwar vor allem deswegen, weil sie auch mit einem Anstieg des Ozonwerts verbunden ist. Schadstoffe aus den Autoabgasen können unter der Sonneneinstrahlung zu Ozon werden, und damit zu einem Gas, das die Atemwege stark reizt. Damit stellt gerade das Leben in einer Stadt einen Risikofaktor für mögliche Krankenhausaufenthalte dar, und zwar aufgrund des Treibhauseffekts inklusive Wärmespeicherung. Das wird als Cocktail-Effekt bezeichnet.

Frage: Was bedeutet das für unseren Alltag?

Tcherakian: Normalerweise muss man nicht ins Krankenhaus, wenn man nur einem dieser Faktoren ausgesetzt war, sondern erst bei mehreren. Bei starker Hitze kommt oft auch noch ein Virus oder Pollenflug hinzu. Das Leben in einer Stadt mit vergleichsweise niedrigem sozioökonomischen Niveau – also wenig Grünflächen und in der Nähe von verkehrsreichen Hauptstraßen – stellt ein zusätzliches Infektionsrisiko dar. Ebenso gibt es Zunahmen in Gemeinden mit eher prekären Verhältnissen, weil es dort vermehrt schlecht isolierte Wohnungen gibt, die wiederum der sommerlichen Hitze und im Winter der Feuchtigkeit ausgesetzt sind. Eine Folge ist Schimmelbefall, der sehr eng mit dem Risiko von Atemwegserkrankungen verbunden ist.

Frage: Und das Leben auf dem Land ist nicht zwangsläufig gesünder als in der Stadt?

Tcherakian: Das Leben auf dem Land schützt uns nicht unbedingt, wenn man beispielsweise in der Nähe von gedüngten Feldern, Tierhaltungsbetrieben oder auch Weinbergen wohnt, die mit Pflanzenschutzmitteln behandelt werden: Auch dort existiert immer noch eine erhebliche Umweltbelastung. Den geringsten Risikofaktor tragen wahrscheinlich eher grüne Städte, vor allem die mit Wasserflächen und einer guten medizinischen Versorgung.

Frage: Derzeit beschäftigt viele Menschen die gesundheitliche Gefahr bei Waldbränden.

Tcherakian: Die Rauchschwaden der Brände dürften zu einem ernsthaften und chronischen Problem werden. Bei einem Brand werden giftige Gase und Feinstaubpartikel in die Luft freigesetzt, vor allem aber Feinstaubpartikel, die winzig genug sind, um tief in die Lungen einzudringen, dann ins Blut zu gelangen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu verursachen. Die vielen Brände werden zu einem Anstieg von Atemwegserkrankungen führen, und das nicht nur bei bereits erkrankten Personen, sondern auch bei gesunden Menschen.

Frage: Was droht noch?

Tcherakian: Es kann sogar zu einer verstärkten Ausprägung von Atemwegserkrankungen durch Brände in weiter Ferne kommen: Waldbrände in Kanada werden in Frankreich für Hustenanfälle sorgen. Da es weltweit immer mehr Feuer und Brände gibt, wird die dadurch verursachte Belastung immer weiter zunehmen. Daher wird die Prävalenz von Atemwegserkrankungen ebenfalls steigen.

Frage: Welche Ratschläge würden Sie als Lungenfacharzt den Menschen geben, angesichts von Hitzewellen, Luftverschmutzung und Waldbränden? Wie kann man die Gesundheit der Atemwege besser schützen?

Tcherakian: Zunächst kann man bei sich zu Hause hochwertige Luftreinigungsgeräte verwenden. Dadurch lassen sich Verschlimmerungen von Atemwegserkrankungen verringern. Allerdings sind diese Geräte teuer, und zwar sowohl in der Anschaffung als auch in der Wartung. Da wird es also wieder einmal Ungleichheiten geben. Wirkliche Maßnahmen gegen die Luftverschmutzung gehören zur Verantwortung der Politik. Man kann jedoch selbst etwas gegen die Verschmutzung der Luft im Inneren tun, die übrigens stärker ist als die im Freien. So ist etwa die Verwendung von Reinigungssprays im Haushalt katastrophal. Auch Duftkerzen und Räucherstäbchen sind sehr ungesund. Und letztendlich ist es immer gut, die Fenster zu öffnen und zu lüften: Das verringert die Luftverschmutzung in den Innenräumen. Und trotz heißer oder verschmutzter Luft hilft morgendliches Lüften, das Klima in unseren Wohnräumen zu verbessern.

Dieser Artikel erschien zuerst im Französischen „Le Figaro“, wie WELT Mitglied der Leading European Newspaper Alliance (LENA).

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