Seit gut 60 Jahren wächst und verzweigt sich der Baum, den Manfred Huchthausen einst in seinem Garten pflanzte. Fast sinnbildlich steht er damit für die Familiengeschichte von Manfred Huchthausen (76) und seinem Sohn Volker (37). Denn die ist lang, verzweigt – und reicht rund 3000 Jahre in die Vergangenheit.
Ein DNA-Test vor einigen Jahren brachte Manfred Huchthausen in Verbindung mit Menschen aus einer bronzezeitlichen Grabstätte. Die Stammbaumgeschichte der Huchthausens ist damit laut Fachleuten des Museums an der Iberger Tropfsteinhöhle in Bad Grund die älteste belegbare in Niedersachsen, womöglich der ganzen Welt.
Die Länge ist dabei nicht einmal das Außergewöhnlichste an dieser Stammbaumgeschichte: Manfred Huchthausen wohnt heute nicht einmal zwei Kilometer vom Fundort der Familiengrabstätte entfernt – der Lichtensteinhöhle am Harzrand. Sein Sohn Volker wohnt mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern auch nur einige Kilometer entfernt. Was ist das für ein Gefühl, so eine lange und vor allem fest verwurzelte Stammbaumgeschichte zu haben?
„Die Frage, ob wir seit 3000 Jahren nicht umgezogen sind, hängt mir ein bisschen zu den Ohren raus“, sagt Manfred Huchthausen. Aber es sei schon ziemlich „unwirklich“. Der 76 Jahre alte ehemalige Lehrer wurde sogar in seinem heutigen Wohnhaus geboren. „Es gab Kriege, Hungersnöte und andere Krisen – aber ausgerechnet unser Stammbaum soll überlebt haben?“
Schwingt da auch ein bisschen Stolz mit? Vielleicht ein wenig, sagen Vater und Sohn. Doch Sohn Volker betont auch: „Es ist eigentlich keine Leistung. Wir haben ja nichts dafür getan.“ Im Alltag sei die Familienhistorie nicht präsent.
So richtig fassen, sagt er, könne man es aber nicht. „Das ist schon sehr, sehr unwirklich.“ Er habe kürzlich seiner sieben Jahre alten Tochter von der besonderen Familiengeschichte erzählt, berichtet Volker Huchthausen. Sie habe nur gefragt, wie denn etwas älter als die aktuelle Jahreszahl sein könne. Seine beiden Töchter sind laut Opa Manfred inzwischen die 122. Generation der Familie.
Manfred Huchthausen (l.) zeigt seinem Sohn Volker eine Skizze der LichtensteinhöhleGefunden wurden die Knochen der Urahnen der Huchthausens bereits 1980. Doch erst 2007 wurden dann DNA-Tests durchgeführt, unter anderem, weil zuvor die entsprechende Technik fehlte, erinnert sich Manfred Huchthausen.
Menschen aus Orten rund um die Lichtensteinhöhle waren damals zur Abgabe ihrer DNA aufgerufen worden. Auch Manfred Huchthausen machte mit. Bei ihm – wie auch bei einigen weiteren Menschen in der Region – schlug der Abgleich an. Die rekordverdächtige Stammbaumgeschichte hat er also nicht alleine.
Den tatsächlichen Fundort seiner Vorfahren hat Manfred Huchthausen – anders als sein Sohn Volker – nie gesehen. „Die Höhle war mir bei einer Besichtigung mit Archäologen zu beengt“, sagt er. Für die allgemeine Bevölkerung ist der Zutritt dort ohnehin verboten, für sie gibt es einen Nachbau im Museum der Iberger Tropfsteinhöhle. Dort wird eine ganze Ausstellung der bronzezeitlichen Familie gewidmet und allem, was man über sie und ihre Zeit weiß.
Volker Huchthausen würde gerne auch über die reinen Stammbaumfakten hinaus mehr Dinge über seine Vorfahren erfahren. Denn wirklich viel Konkretes wissen die Huchthausens nicht über ihre Vorfahren. „Ich hatte gehofft, dass noch ein wenig mehr dabei herumkommt als der reine Fakt“, sagt Volker Huchthausen. Er würde etwa gerne wissen, wie sich die Menschen damals die Zeit vertrieben. „Und: Gab es überhaupt eine Unterscheidung zwischen Arbeit und Freizeit?“, fragt sich der 37 Jahre alte Elektriker.
Auch Vater Manfred würde gerne viel genauer verstehen, wie seine Urahnen lebten. „Was wussten die Menschen damals über Heilkräuter? Womit haben sie gehandelt? Wie war das Leben?“ – All das würde er gerne wissen. Weil eine Schrift damals noch nicht erfunden war, sei kaum etwas überliefert. Antworten werden die Huchthausens auf diese Fragen wohl nie erhalten.
Dafür hat Vater Manfred bereits viel über seinen Stammbaum gelernt. Und ein neues Hobby gefunden: die Ahnenforschung. Zusammen mit einer Expertin hat er seinen Stammbaum inzwischen bis in das Jahr 1700 zumindest teilweise rekonstruiert.
In und um Osterode sind die Huchthausens inzwischen zudem durchaus bekannt. Vielen Menschen seien der Name und die außergewöhnliche Geschichte ein Begriff.
Immer mal wieder werde er auf die Stammbaumgeschichte angesprochen, wenn etwa Bekannte oder Kunden in Medien über seinen Nachnamen stolpern, berichtet Volker Huchthausen. „Reichtum ob der Bekanntheit ist uns zwar verwehrt geblieben“, sagt Vater Manfred. Dafür sei die Stammbaumgeschichte – und das ist Volker Huchthausen besonders wichtig – aber auch nicht politisch ausgeschlachtet worden.
Für ihn ist die außergewöhnliche Geschichte ein ganz normaler Teil seiner Biografie. Schon immer habe er sich in der Region am Harzrand wohlgefühlt, sagt Volker Huchthausen. Zwar lebte er eine Zeit lang in Münster, doch irgendwann habe es ihn zurückgezogen. „Die eigenen Wurzeln findet man immer wieder, und die Zeit woanders hat das nur deutlicher gemacht.“ Rückblickend sagt er: „Das Heimatgefühl war immer da.“
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