Seit 19 Jahren bin ich strenger Nichtraucher. Als junger, ziemlich unkluger Mensch war ich Kettenraucher. Die Entwöhnung hat mich viel Arbeit und einige qualvolle Monate gekostet. Bei mir hat der Rauchstopp nur funktioniert, weil ich ihn mit Sport verbunden habe: Radfahren, Boxen, Bergsteigen, Laufen.

Heute weiß ich: Rauchen ist einer der stärksten vermeidbaren Risikofaktoren für viele Tumorarten, auch für Darm- und Analkrebs. Tabak- und Cannabiskonsum bringen zahlreiche krebserregende Stoffe mit sich – nicht nur für die Atemwege, sondern auch für den Verdauungstrakt.

Beim Thema Rauchen sehe ich auch die größte Lücke zwischen medizinischem Wissen und tatsächlichem Verhalten. Für mich haben Preiserhöhungen und Rauchverbote in öffentlichen Räumen wirklich geholfen. Als Arzt, Vater und besorgter Bürger sehe ich die Cannabis-Legalisierung deshalb sehr kritisch. Für viele Jugendliche, die nach der Pandemie ohnehin orientierungslos waren, ist das ein fatales Signal. Es ist paradox, dass wir Tabak zu Recht immer strenger regulieren, bei Cannabis aber die Zügel lockern.

Rauchverzicht, Übergewicht und Bewegungsmangel: Die Datenlage ist eindeutig, die Umsetzung im Alltag aber mühsam. Europäische und deutsche Daten zeigen, dass sich ein erheblicher Teil der jährlichen Darmkrebsneuerkrankungen durch drei Gewohnheiten beeinflussen lässt: nicht rauchen, regelmäßig bewegen, Gewicht im Rahmen halten.

Auch Übergewicht, besonders bauchbetontes viszerales Fett, ist ein klarer Risikofaktor für verschiedene Krebsarten, allen voran Darmkrebs. Bauchfett ist nicht nur ein Speicher, sondern hormonell und entzündlich aktiv. Es kann chronische Entzündungsprozesse unterhalten, die aus onkologischer Sicht problematisch sind.

Essen kann man aber nicht einfach verbieten. Deshalb braucht es langfristige Begleitung, wie sie etwa Sprechstunden für Ernährungsmedizin anbieten. Dabei wird ein Punkt oft unterschätzt: Muskelaufbau. Krafttraining spielt eine große Rolle bei der Gewichtskontrolle, und eine gute Muskelmasse wirkt sich auch günstig auf das Bauchfett aus.

Körperliche Aktivität senkt nachweislich das Risiko für kolorektale Karzinome – über verschiedene Stoffwechselwege: Sie senkt verfügbaren „Brennstoff“ für Tumorzellen, reduziert chronische Inflammation und verbessert die Immunüberwachung.

Was neue Studien eindrücklich zeigen: Muskel kann offenbar direkt vor Krebs schützen. Beispielsweise wurden Serum-Proben von Sportlern nach intensivem Training entnommen und zeigten im Labor eine direkte Hemmung des Wachstums von Tumorzellen. Aktiver Muskel produziert Myokine, die entzündungshemmend und antiproliferativ wirken, und senkt den Insulinspiegel, der Tumorwachstum fördern kann.

Beim Essen achte ich auf eine sättigende, ballaststoff- und eiweißreiche Kost und vermeide hochverarbeitetes Essen und Zucker. Jeden Tag Obst und Gemüse, gern ein frischer Salat zu Beginn der Mahlzeit – das gehört für mich dazu. Einerseits, weil Salat schmeckt und sättigt, aber auch, weil Ballaststoffe mit einem geringeren Risiko insbesondere für Darmkrebs verbunden sind.

Der Effekt ist gut belegt, aber im Vergleich zu Rauchstopp, Gewichtskontrolle und Bewegung eher moderat. Wichtig ist mir, dass es schmeckt: gutes Olivenöl, eine Prise Salz, keine schweren Fertigsoßen. Obst ersetzt bei mir oft Desserts mit viel Zucker.

Ab 50 Jahren wird Koloskopie empfohlen

Überschätzt wird die Fixierung auf einzelne Lebensmittel oder Diäten. Es gibt keine antikanzerogene Wunderernährung. Die Daten sprechen eher für Ernährungsmuster – überwiegend pflanzlich, ballaststoffreich, wenig hochverarbeitet – als für einzelne Superfoods. Brokkoli ist gesund, aber er löscht keine 20 Packungsjahre Zigarettenkonsum aus.

Für mich heißt Prävention deshalb: Ich verlasse mich weniger auf Superfoods und viel mehr auf strukturelle Maßnahmen wie die Koloskopie. Vielleicht arbeite ich irgendwann an einem Kochbuch.

Ich bin gerade 50 geworden, also in dem Alter, in dem die erste Vorsorgekoloskopie empfohlen wird. Mein Termin für den Herbst steht – und ja, ich freue mich ehrlich darauf. Die Koloskopie ist für mich die wichtigste und sicherste Maßnahme der Darmkrebsvorsorge. Ich empfehle sie allen Angehörigen, Freunden, Kolleginnen und Kollegen – mit viel Herz und, wenn nötig, mit strengem Blick.

Beim Darmkrebs sieht man allerdings sehr deutlich: Die Teilnahme an der Vorsorge ist noch immer nicht da, wo sie sein könnte, obwohl der Nutzen sehr gut belegt ist. Wenn die Krankenkassen zur Vorsorgeuntersuchung einladen, nutzt nur jeder Zehnte das Angebot. Und lediglich zwei Prozent absolvieren das gesamte Vorsorgeprogramm.

Gleichzeitig investieren manche enorme Energie in Ernährungsdetails – getriggert von Social-Media-Unsinn –, deren Effekt gering, unsicher oder schlicht nicht belegt ist. Etwa glutenfrei zu essen ohne medizinische Indikation.

Was mich besonders beschäftigt: Viele Menschen haben ein feines Gespür für spektakuläre, seltene Gefahren – Radioaktivität, exotische Umweltgifte, einzelne Zusatzstoffe – und unterschätzen die großen alltäglichen Risikofaktoren. Das ist eine Art Risikoblindheit.

Eine weitere sehr wirksame Maßnahme ist die HPV-Impfung. Die gab es in meiner Kindheit leider noch nicht, aber ich konnte meine Kinder, Nichten, Neffen und Patenkinder impfen lassen. Die Impfung gegen Humane Papillomviren ist sicher, sehr gut verträglich und schützt sehr wirksam vor HPV-assoziierten Tumoren wie Analkrebs, Gebärmutterhalskrebs, Peniskrebs und Vulvakrebs. Länder wie Australien zeigen, was möglich ist, wenn früh und konsequent geimpft wird.

Dürfte ich Patienten nur vier Regeln zur Krebsprävention mitgeben, wären es diese: Erstens nicht rauchen – oder aufhören, notfalls mit professioneller Hilfe. Zweitens regelmäßig bewegen. Es muss kein Marathon sein, sollte aber regelmäßig stattfinden und Kraftübungen beinhalten.

Drittens: Vorsorgeuntersuchungen nutzen, insbesondere die Koloskopie. Sie ist echte Prävention, nicht nur Früherkennung. Und natürlich sollte die altersgerechte HPV-Impfung beachtet werden. Viertens: auf das Gewicht achten, genauer auf die Fettmasse – nicht aus Schönheitsgründen, sondern aus onkologischer Sicht.

Vorsorge ist kein Projekt mit Start- und Enddatum, sondern eine lebenslange Gewohnheit. Wer sein Leben von heute auf morgen komplett umkrempeln will, hält das meistens nicht lange durch – daran bin ich selbst schmerzhaft gescheitert. Viel wirksamer sind stabile Routinen: tägliche Bewegung, feste Vorsorgetermine, ein grundsätzlich vernünftiger Lebensstil, der auch im stressigen Alltag funktioniert.

Und noch etwas liegt mir als Chirurg besonders am Herzen: Blut im Stuhl oder eine plötzliche Veränderung der Stuhlgewohnheiten gehören abgeklärt – nicht gegoogelt und verdrängt. Symptome sollte man ernst nehmen, aber nicht dramatisieren. Nicht jedes Symptom ist Krebs. Genau diese Balance ist entscheidend: aufmerksam sein, aber nicht in Dauerpanik leben.

Kurzum: Ich versuche bei der Krebsprävention an den großen Hebeln zu ziehen – und mich nicht in kleinen Lifestyle-Details zu verlieren. Die wirksamsten Maßnahmen sind oft die banalsten. Essen schmeckt besser ohne Zigarette, Sport macht Spaß – und ganz ehrlich: Eine Darmspiegelung alle zehn Jahre ist gar nicht so schlimm.

Skander Bouassida ist Chirurg, Viszeralchirurg und Proktologe, Chefarzt der Klinik für Koloproktologie und Leiter des Viszeralonkologischen/Darmzentrums am Vivantes Humboldt-Klinikum. Er ist Fellow of the European Board of surgical Qualification (FEBS).

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