Es ist ein Sommer, der selbst erfahrene Bergretter aufhorchen lässt: Die lang anhaltende Hitze lässt die Gletscher in den Alpen besonders schnell schmelzen, Felsen geraten häufiger ins Rutschen. Touren, die jahrzehntelang als Standard galten, sind plötzlich zu gefährlich. Gleichzeitig zieht es zunehmend mehr Menschen in die Berge – oft ahnungslos, wie stark sich die Bedingungen verändert haben.
WELT: Herr Renner, wie läuft bei Ihnen in der Bergwacht bislang der Sommer?
Michael Renner: Aktuell sind wir überdurchschnittlich oft unterwegs. Wir hatten in unserem Gebiet bis Anfang August bereits 90 Einsätze. In den vergangenen zehn Jahren hatten wir im gesamten Jahr im Schnitt nur 110 Einsätze. Besonders oft mussten wir bisher wegen verletzter Sprunggelenke ausrücken und wegen Erschöpfung, weil die Touren unterschätzt wurden. Ein paar Steinschläge waren bereits dabei. Die Steine sind dann auf die Hand oder den Fuß gefallen, sodass kein selbstständiger Abstieg mehr möglich war.
WELT: Sind die Berge gefährlicher geworden oder die Menschen leichtsinniger?
Renner: Aus Sicht der Wanderer herrschte in dieser Saison besonders oft gutes Wetter. Dadurch war sehr viel los, viele Unerfahrene waren unterwegs. Dann passiert auch mehr. Die Zahl der Einsätze steigt jedes Jahr ein bisschen, der Run auf die Alpen ist ungebrochen. Aber auch die Berge selbst verändern sich.
WELT: Inwiefern?
Renner: Es wird immer heißer. In den Sommern herrschen selbst über 2000 Metern noch sehr hohe Temperaturen. Ohne Bäume, ohne andere Vegetation ist man oben der Sonne schutzlos ausgeliefert, sodass wir immer öfter wegen Hitzeerschöpfung oder Hitzschlag im Einsatz sind. Eigentlich sollte man in bestimmten Zeiten gar nicht mehr auf den Berg gehen. Außerdem werden Waldbrände in unserer Region häufiger, bei denen wir die Feuerwehr im steilen Gelände absichern. Durch den wenigen Schnee im Winter, den warmen Frühling und die lange Hitze taut zudem der Permafrost stärker, die Gletscher schmelzen schneller.
WELT: Welche Gefahren entstehen dadurch?
Renner: Im Winter und Frühjahr werden viele Gletscherspalten von Schnee überdeckt. Dadurch entstehen scheinbar geschlossene Flächen, auf denen Bergsteiger oder Skitourengeher gehen können. Im Sommer schmelzen diese Schneebrücken stärker ab und werden so dünn, dass man leichter einbricht. Gletscherspalten öffnen sich, selbst Standard-Routen werden zunehmend gefährlicher. Man braucht also spätestens jetzt die passende Ausrüstung, um sie zu überqueren – Steigeisen, Eispickel, Eisschrauben, eine Seilschaft – und muss wissen, wie man damit umgeht. Auch der Abstand zwischen dem Gletscher und dem Felsen, die sogenannte Randkluft, wird inzwischen schnell größer und tiefer, unten drunter kann das Eis schon abgeschmolzen sein und damit nicht mehr tragfähig. Es wird damit anspruchsvoller, diese Kluft zu überwinden und vom Gletscher wieder herunterzukommen.
WELT: Wie sieht es mit Steinschlägen und Felsstürzen aus?
Renner: Der Permafrost wirkt im Hochgebirge wie eine Art natürlicher Kitt, der Felsen zusammenhält. Taut er auf, verliert das Gestein an Stabilität. Das bedeutet nicht, dass plötzlich überall ganze Berge abstürzen. Steinschläge und auch größere Felsstürze werden jedoch wahrscheinlicher. Hinzu kommen extremere Temperaturwechsel und häufigere Starkregen, die das Gestein zusätzlich belasten. Eine Route, die vor zehn Jahren noch problemlos war, kann heute deutlich riskanter sein.
Michael Renner, Bereitschaftsleiter bei der Bergwacht Ramsau im Berchtesgadener LandWELT: Werden Steinschläge und Felsabbrüche künftig gar zur „neuen Normalität“?
Renner: Die gab es schon immer, ganze Landschaften sind dadurch entstanden. Dass sie häufiger werden, heißt nicht, dass man gar nicht mehr in die Berge gehen sollte. Um sich zu schützen, kann man seine Touren jedoch anpassen, sodass man nicht unmittelbar unter großen Felswänden entlanggeht oder Schotterfelder quert. Alles, was über die Waldgrenze hinausgeht, ist potenziell gefährlich. Hält man sich dort auf, würde ich einen Helm empfehlen.
WELT: Lassen sich solche Ereignisse vorhersagen?
Renner: Wenn Wissenschaftler einen Gipfel überwachen, lassen sich der Rückgang von Permafrost und große Risse im Gestein feststellen und daraus Prognosen ableiten. Bestimmte Routen können dann gesperrt werden. Beim Hochvogel in den Allgäuer Alpen zum Beispiel wartet man nur darauf, dass seine gesamte Bergflanke abstürzt. In der Schweiz ist diese Überwachung deutlich dichter. Dort werden gefährdete Berge mit Radar und Lasern vermessen, wie sie sich bewegen und verformen. Schlagen die Systeme oben Alarm, wird unten die Straße gesperrt.
WELT: Gibt es heute Berge, auf die Sie selbst nicht mehr steigen würden?
Renner: Grundsätzlich alle, die überlaufen sind. Etwa im Allgäu, Berchtesgadener Land oder rund um die Zugspitze, den Watzmann oder Wendelstein. Ich suche mir lieber die Geheimecken. Die werden aber auch immer weniger.
WELT: Was unterschätzen die Menschen in den Bergen am meisten?
Renner: Die Herausforderungen, die die Vertikale mit sich bringt. Bergsteigen ist etwas anderes als eine Wanderung in der Fläche.
WELT: Das heißt?
Renner: Geht man in flacheren Lagen wandern, kann man sich ein Schnitzel im Restaurant bestellen und im Zweifel sogar ein Taxi rufen, wenn man platt ist. In den Bergen kann man nicht einfach aussteigen, man muss die Tour zu Ende bringen und wieder herunterkommen. Für das steinige Gelände über tausend Meter Höhe braucht man Erfahrung, man muss sich heranarbeiten und die Touren gut planen: Bin ich der Route gewachsen? Habe ich Reserven, wenn es nicht so läuft, wie ich mir das ausmale? Wo gibt es Hütten und Exit-Optionen? Wie sieht das Wetter aus? Welches Material brauche ich? Diese Herangehensweise ist nicht mehr so verbreitet wie früher.
WELT: Woran liegt das?
Renner: Es gibt inzwischen für alles Apps. Die sind oft hilfreich und suggerieren ein Gefühl von Sicherheit. Sie ersetzen aber in keiner Weise die Planung. Oft weiß nur eine Person, wo es langgeht. Die anderen traben hinterher. Außerdem scheinen immer mehr Leute die namhaften Gipfel wie auf einer Liste abzuarbeiten, ohne sich im Vorfeld die Zeit dafür zu nehmen. Die vielen coolen, kleineren Berge scheinen nicht mehr sexy genug.
WELT: Hatten Sie selbst schon mal Angst in den Bergen?
Renner: Im Sommer drohen oft Gewitter. Dann rechnen wir uns aus, ob wir die Rettung durchführen können, bevor es einsetzt. Passiert das dann früher als angenommen, ist das einfach eine beschissene Situation. In den Bergen ein Gewitter zu erleben, ist so viel krasser, als es von der Terrasse aus zu beobachten. Da macht man sich in die Hose und überlegt, ob der nächste Blitz bei dir einschlägt.
WELT: Über welche Einsätze ärgern Sie sich am meisten?
Renner: Die meisten Leute, die wir unverletzt vom Berg holen, sind einfach froh, dass wir da waren. Sie sehen ein, dass sie zu naiv waren oder sich überschätzt haben. Aber es kommt auch vereinzelt vor, dass die Geretteten richtig dreist auftreten.
WELT: Zum Beispiel?
Renner: Vor drei Jahren wollten ein 37-jähriger Mann und seine 29-jährige Begleiterin aus Nordrhein-Westfalen den wirklich anspruchsvollen Watzmann überqueren – obwohl dort Ende Mai noch winterliche Bedingungen herrschten. Sie verstiegen sich im Nebel, auf rund 2600 Metern Höhe. Bei Temperaturen um fünf Grad und sehr schlechter Sicht kamen sie nicht mehr weiter. Sie waren zwar unverletzt, aber in einer gefährlichen Lage. Wir starteten einen äußerst aufwendigen Einsatz mit 16 Bergrettern und zwei Hubschraubern. Sieben Stunden dauerte das Ganze. Wegen der dichten Wolken mussten wir zunächst zu Fuß über den Grat zu den beiden aufsteigen, ein Hubschrauber kreiste ständig über dem Berg. Als sich schließlich eine kurze Wolkenlücke öffnete, musste alles sehr schnell gehen, die beiden bekamen klare Anweisungen. Plötzlich wollten sie noch ihren Schlafsack einpacken und starteten eine Diskussion, dass man nicht in diesem Ton mit ihnen reden solle. Am Boden meinten sie, sie seien noch nie so schlecht behandelt worden. So eine Service-Mentalität ärgert mich schon.
WELT: Im vergangenen Jahr sorgte ein Unglück für Aufsehen, bei dem eine 33-Jährige bei einer Winterbesteigung am Großglockner starb, nachdem sie ihr deutlich erfahrenerer Begleiter völlig entkräftet, kurz unterhalb des Gipfels zurückgelassen hatte. Der Mann wurde später wegen grob fahrlässiger Tötung verurteilt. Wie blicken Sie auf den Fall?
Renner: Konkret dazu möchte ich nichts sagen. Es kommt aber immer wieder vor, dass jemand von seinem Tourenpartner zurückgelassen wird. Dem Zurückgelassenen geht dann einfach die Kraft aus, er krampft, dehydriert oder bekommt einen Sonnenstich oder kann sich sehr schnell lebensbedrohlich unterkühlen. Lässt mich eine Person sitzen, würde ich nichts mehr mit ihr zu tun haben wollen.
WELT: Woher weiß man eigentlich, ob man einer Tour gewachsen ist?
Renner: Indem man sich langsam heranarbeitet. Erst geht’s 300 Höhenmeter hoch auf die erste Alm, dann 500 Meter, irgendwann 1000 Meter. Man erkennt, was man kann und wie der eigene Körper funktioniert – und entwickelt hoffentlich auch den Mut, umzukehren, wenn es nicht passt.
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