Zusammen wiegen die beiden Nieren des Menschen gerade einmal etwa 300 Gramm. Und doch erbringen sie Höchstleistungen. Sie reinigen das Blut von Schadstoffen, regulieren den Wasserhaushalt und produzieren Hormone. Jan Halbritter, Professor für Nephrologie (Nierenheilkunde), erklärt, was der Niere schadet – und wie sich die Nierenfunktion lange erhalten lässt.
WELT AM SONNTAG: Herr Professor Halbritter, meine Mutter hat mich stets ermahnt, die Nieren warmzuhalten, um mich nicht zu verkühlen. Ist da was dran?
Jan Halbritter: Eine Unterkühlung der Nieren ist nicht zu befürchten. Mir ist zumindest keine Studie bekannt, die diesen etwas volkstümlichen Ratschlag einmal systematisch untersucht hat. Tatsächlich ist es aber so, dass Harnwegsinfektionen zu einer chronischen Entzündung der Nieren führen können, was mit einem Verlust der Nierenfunktion einhergeht.
WAMS: Was sehen Sie in der Klinik?
Halbritter: Das Tückische an einer Nierenerkrankung ist, dass sie lange ohne Symptome verläuft. Die Patienten kommen oft erst zu uns, wenn sie fortgeschritten erkrankt sind und sich offenkundige Beschwerden zeigen: Bluthochdruck, Abgeschlagenheit, Wassereinlagerungen an den Beinen, Luftnot. Das alles sind Zeichen für das späte Stadium einer Nierenerkrankung. Die Nierenfunktion ist schon um 80 Prozent und mehr eingeschränkt. Dann ist es leider oft zu spät, um sie langfristig zu stabilisieren.
WAMS: Wie gehen Sie damit um?
Halbritter: Es ist ein gewisses Gefühl von Ohnmacht, keine Option mehr zu haben – wohl wissend, dass wir etwas hätten tun können, wäre es zu einer früheren Vorstellung gekommen. Wir haben zwar auch im Frühstadium nicht immer eine kurative, also vollständig heilende Therapie zur Verfügung, aber wir können heute bei fast allen Nierenerkrankungen die Progression, also das Fortschreiten, verlangsamen oder aufhalten. Die Überlebenszeit der Nieren kann sich durch diese Maßnahmen verdoppeln. Statt zum Beispiel nach zehn Jahren gerät ein Patient so erst nach 20 bis 25 Jahren in ein Nierenversagen.
WAMS: Gibt es Hinweise auf ein Nachlassen der Nierenfunktion?
Halbritter: Ein erstes Anzeichen ist das Auftreten von Eiweiß wie Albumin im Urin. Das kann sich zum Beispiel durch schäumenden Urin bemerkbar machen. Wenn das häufiger oder dauerhaft auftritt, sollte man beim Hausarzt den Urin untersuchen lassen. Es gibt dafür aber auch klassische Teststreifen, die in der Apotheke frei verkäuflich sind. Ein solcher Test zu Hause kann schon einmal einen groben Anhalt geben und wäre ein erster Schritt, um frühzeitig zu reagieren. Das kann am Ende im besten Fall einen Gewinn an Lebensjahren bedeuten.
WAMS: Was passiert normalerweise mit dem Eiweiß?
Halbritter: Dafür muss man sich die Funktion der Niere einmal genauer anschauen. Die Nieren entgiften den Körper. Durch die beiden Nieren eines Menschen werden pro Tag etwa 120 Liter Flüssigkeit aus feinen Blutkapillaren der Nierenkörperchen, den sogenannten Glomeruli, abgepresst. Diese Flüssigkeit, die auch als Primärharn bezeichnet wird, gelangt in ein spezialisiertes Schlauchsystem, den Tubulusapparat, in dem Wasser, Salze, Aminosäuren, Zucker und andere Stoffe feinreguliert werden.
Die Stoffe, die der Körper noch verwenden kann, werden rückresorbiert, die anderen mit dem Urin ausgeschieden. Funktionieren die Nieren nicht mehr 100-prozentig, gelangt jedoch auch Eiweiß in den Urin. Darüber hinaus spielen unsere Nieren eine Funktion im Hormonhaushalt: Sie produzieren das Hormon Erythropoetin, das eine wichtige Rolle bei der Blutbildung hat. Und sie aktivieren das für den Knochenaufbau wichtige Vitamin D.
Professor Jan HalbritterWAMS: Was schadet der Niere?
Halbritter: Hoher Blutdruck und erhöhter Blutzucker schädigen die Glomeruli. Die Nieren sind aber auch Opfer von Toxinen. Das können Wirkstoffe bestimmter Medikamente sein, etwa aus der Gruppe der nichtsteroidalen Antirheumatika – einer Gruppe von Schmerzmitteln, zu denen weitverbreitete Marken wie Ibuprofen und Diclofenac gehören. Diese Medikamente sollten nicht unkritisch, sondern stets zeitlich begrenzt und richtig dosiert eingenommen werden. Auch bestimmte Antibiotika und Nikotin sind Gift für die Nieren. Die Gefäße verengen und verändern sich, sodass die Nieren nicht mehr richtig durchblutet werden, was zu einem Absterben von Nierenzellen führt. Ein Teufelskreis beginnt.
WAMS: Was genau geschieht?
Halbritter: Auf schlechte Durchblutung reagiert die Niere wie bei einem Blutverlust: Sie hält mehr Salz und Wasser zurück und schüttet das Hormon Renin aus, das den Blutdruck in die Höhe treibt und die Schädigung verschlimmert. So nimmt die Nierenfunktion weiter ab. Ursachen für Nierenfunktionsverlust können auch erblich sein, wie bei der familiären Zystenniere, eine der häufigsten Erbkrankheiten überhaupt.
WAMS: Was ist die häufigste Ursache für Nierenschäden?
Halbritter: Das ist vor allem der Typ-2-Diabetes mit den typischen Begleiterkrankungen Bluthochdruck und Übergewicht. Eine Biopsie ist die gängigste Maßnahme, um die Ursache einer Nierenerkrankung festzustellen. Doch die Patienten kommen ja oft so spät in die Nephrologie, dass die Nieren schon stark geschädigt, das Gewebe vernarbt und eine Biopsie nicht mehr aussagekräftig ist. Der Anteil von unklaren Ursachen liegt daher bei mindestens 20 Prozent.
WAMS: Wie häufig sehen Sie Nierensteine?
Halbritter: Etwa jeder Zehnte entwickelt im Leben Nierensteine. Sie machen sich durch schmerzhafte Koliken bemerkbar. Eine genetische Disposition in Kombination mit einer salzreichen Ernährung begünstigt die Bildung. Nierensteine werden heute meist endoskopisch über die Harnleiter geborgen, wenn sie nicht spontan mit dem Urin ausgeschieden werden. Mit einem Nachlassen der Nierenfunktion haben sie in der Regel zum Glück weniger zu tun.
WAMS: Und Nierenkrebs?
Halbritter: Das ist eine eher seltene Krebserkrankung und macht etwa drei Prozent aller Krebsfälle in Deutschland aus. Wobei Männer häufiger betroffen sind als Frauen.
WAMS: Führt ein Nachlassen der Nierenfunktion zwangsläufig zum völligen Nierenversagen?
Halbritter: Unbehandelt ist das meist so. Aber in unserem Gesundheitssystem haben die Patienten dann Zugang zum notwendigen Organersatz durch Dialyse und Transplantation, was nicht überall auf der Welt gegeben ist. Nierenpatienten aber sind kardiovaskuläre Risikopatienten, was bei der Behandlung noch stärker berücksichtigt werden sollte. Sie sterben hierzulande eher nicht an ihrer Nierenerkrankung selbst, sondern an Schlaganfall, Herzinfarkt oder plötzlichem Herztod.
WAMS: Wann braucht ein Patient eine Dialyse, also eine maschinelle Blutwäsche?
Halbritter: Wenn die Nieren ihre Funktion nicht mehr ausreichend erfüllen, benötigen Patienten ein Nierenersatzverfahren. Idealerweise ist das nicht die Dialyse, sondern eine Nierentransplantation, die prognostisch deutlich besser abschneidet.
WAMS: Aber es gibt zu wenig Spendernieren?
Halbritter: Patienten warten in Deutschland leider acht bis zehn Jahre auf eine Spenderniere eines Verstorbenen. So lange sind sie auf die Dialyse angewiesen. Manche entscheiden sich auch aus persönlichen Gründen gegen eine Transplantation und bleiben teils Jahrzehnte an der Dialyse. Das ist aber eher die Ausnahme.
WAMS: Wie lange lebt ein Patient mit einer Spenderniere?
Halbritter: Die Frage ist weniger, wie lange der Patient mit der Spenderniere lebt, sondern wie lange das Nierentransplantat überlebt. Nach zehn Jahren funktionieren noch 50 Prozent der Spendernieren, bei einer Lebendspende sind es etwa 15 Jahre und mehr. Dann ist eine erneute Transplantation notwendig.
WAMS: Würden Nierenerkrankungen frühzeitig erkannt, ließen sich viele Fälle von Nierenversagen verhindern und der Bedarf an Spenderorganen würde sinken, richtig?
Halbritter: Das ist genau die Stoßrichtung, die wir verfolgen. Wir sehen uns in der Nephrologie nicht primär als Verwalter von Nierenersatzverfahren, sondern als Verhinderer des Nierenversagens. Von den mehr als 8000 Patienten auf der Warteliste für ein Spenderorgan warten mehr als 6000 auf eine Niere. Durch Prävention und frühzeitige Therapien könnte die Zahl der benötigten Spendernieren möglicherweise um 20 bis 30 Prozent reduziert werden.
WAMS: Prävention spielt kaum eine Rolle, wenn es darum geht, die Wartelisten zu verkürzen und damit die Nachfrage nach Spenderorganen zu reduzieren. Im Mittelpunkt steht vielmehr, das Angebot zu erhöhen – also mehr Organspender zu mobilisieren.
Halbritter: Die Prävention muss auch in der aktuellen Debatte um die Widerspruchslösung – jeder ist Organspender, wenn er oder sie sich nicht ausdrücklich dagegen ausspricht – unbedingt mitgedacht werden. Ein anderer Aspekt sind die Kriterien für die Spenderauswahl. Wir akzeptieren in Deutschland ein Spenderorgan nur dann, wenn bei dem Spender der Hirntod festgestellt wurde. Ein Herzkreislaufstillstand als Todesursache scheidet aus. Das wäre aber die größere Zahl der potenziellen Spender. In anderen Ländern wird der kardiovaskuläre Tod in der Spenderregelung inbegriffen. Was zum Teil erklärt, dass in diesen Ländern weniger Organmangel herrscht, als bei uns – und Patienten nicht so lange auf eine Spenderniere warten müssen.
WAMS: Wo muss Prävention ansetzen?
Halbritter: Die Teststreifen für zu Hause habe ich schon erwähnt. Hausärzte sollten gerade bei Patienten mit Bluthochdruck oder Typ-2-Diabetes immer auch an eine Einschränkung der Nierenfunktion denken und entsprechend den Urin auf Eiweiß prüfen. Vor der Verschreibung von Schmerzmitteln sollten sie darauf hinweisen, dass die Einnahme die Nieren belasten und eine bereits vorhandene Nierenerkrankung verstärken kann. Ich möchte auch an die Kollegen appellieren, genauer hinzuschauen, wenn eine familiäre Belastung von Nierenkrankheit besteht. Noch wirkungsvoller wäre es, zu verhindern, dass so viele Menschen einen Diabetes entwickeln. In Deutschland leben etwa elf Millionen Diabetiker, mindestens ein Drittel davon entwickelt eine chronische Nierenerkrankung.
WAMS: Welche Vorbeugung ist sinnvoll?
Halbritter: Nicht rauchen, Übergewicht vermeiden, regelmäßige Bewegung. Wichtig ist, sich möglichst salzarm zu ernähren und Dehydratation, also Austrocknung, zu vermeiden. Fragen Sie bei der Einnahme von Medikamenten nach, ob diese Ihre Nieren schädigen können, und lassen Sie sich mindestens einmal im Jahr den Blutdruck messen; das ist auch in den Apotheken niederschwellig möglich, wenn man kein eigenes Gerät zur Hand hat. Das ist eine gute Basis für die Nieren, lange gesund und leistungsfähig zu bleiben.
Seit April 2026 ist Professor Jan Halbritter, 47, ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin IV (Nephrologie) am Universitätsklinikum Freiburg. Zuvor leitete er an der Berliner Charité das Zentrum für seltene Nierenkrankheiten.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke