Es gibt wohl kaum ein anderes Thema, das so universell ist wie das Wetter. Jeder macht seine Erfahrungen damit. Die unerträgliche Hitze. Der andauernde Regen, der aufs Gemüt schlägt. Oder der Sturm, der die Bahn mal wieder zum Stillstand bringt. Dem Wetter kann sich niemand entziehen. Es ist immer da. Und doch nicht so richtig zu fassen. Weshalb es die wissenschaftliche Neugier seit jeher beflügelt und auch Dichtung und Poesie inspiriert.
Michael Gamper ist Professor für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Er hat erforscht, wie die Wissenschaft vom Wetter die Literatur beeinflusst hat – und warum wir uns bis heute so engagiert und leidenschaftlich über das Wetter unterhalten. Es ist ein eher ungewöhnlicher Ansatz, sich dem Phänomen Wetter zu nähern.
Fasziniert habe ihn vor allem das Nebeneinander von Wissen und Nichtwissen, sagt Gamper. Das Wissen, das sich aus der Beobachtung der Natur ergab. Und das Nichtwissen, das es zunächst unmöglich machte, diese Beobachtungen richtig zu deuten und in einen größeren Zusammenhang zu bringen.
Bis sich das Wetter als ein kontinuierliches, weltumspannendes Phänomen darstellen konnte, dauerte es Jahrhunderte. Die einzelnen Phasen dieser Entwicklung haben in Texten der jeweiligen Epoche ihre Spuren hinterlassen. Sie ergeben so eine kleine Geschichte des Wetterwissens. Gamper selbst spricht von „literarischer Meteorologie“.
Wetter bedeutete ursprünglich „Wind, wehen“ oder „bewegte Luft“. Später bezeichnete es heftige Vorgänge wie „Gewitter“ – bis es schließlich sämtliche Witterungsaspekte umfasste. Noch Anfang des 17. Jahrhunderts war der Astronom und Naturphilosoph Johannes Kepler überzeugt, dass Wetterwechsel mit der Konstellation der Planeten zusammenhängen.
Bauernregeln stützten sich auf eher regionale Beobachtungen, aus denen gewisse Regelmäßigkeiten abgeleitet wurden. Fliegen die Schwalben tief, gibt es Regen. Morgenrot, schlecht’ Wetter droht. Oder: Bringt der August viel Gewitter, wird der Winter kalt und bitter. Seit dem frühen 16. Jahrhundert bildeten Bauernregeln ein eigenes Schrifttum in Form von gedruckten Kalendern. Sie lieferten für nahezu jeden Tag Empfehlungen, um Aussaat, Feldarbeit und Ernte besser planen zu können.
Die Atmosphäre erschien wirr
An den Ratschlag „Stich den Spargel nie mehr nach Johanni“ hält sich die Branche bis heute. Am 24. Juni endet in Deutschland die Spargelsaison. Bis Ende des 18. Jahrhunderts beherrschten unsystematische Beobachtungen und intuitive Interpretationen die Wetterdeutung.
Damals entzog sich das Wetter noch einer exakteren Beschreibung. Sternkundige konnten den Lauf der Planeten mathematisch erfassen, auf der Erde galten die Gesetze der Physik. Aber die Atmosphäre dazwischen erschien wirr und unberechenbar. Dann aber wurden die Messgeräte wie Thermometer, Barometer und Hygrometer immer genauer. Und um die Mitte des 18. Jahrhunderts begannen erste exakte Messungen über längere Zeiträume und deren statistische Auswertungen. Die Meteorologie als Wissenschaft vom Wetter etablierte sich.
Gamper verweist auf Johann Wolfgang von Goethe, der in Briefen von seiner zweiten Schweizreise (1779) und im Tagebuch seiner Italienreise (1786) relativ ausführlich auf das Wetter eingeht: „Das Wetter ist unglaublich und unsäglich schön, den ganzen Februar bis auf vier Regentage ein reiner, heller Himmel, gegen Mittag fast zu warm.“
Und er macht sich Gedanken, dass die Anziehungskraft der Erde sich „in einem gewissen Pulsieren äußert“, was Einfluss auf das Wetter hat. Nehme die Anziehungskraft ab, könne die Atmosphäre „die Feuchtigkeit, die in ihr chemisch und mechanisch verteilt war, nicht mehr tragen, Wolken senken sich, Regen stürzen nieder“.
Ab 1815 beschäftigte sich Goethe intensiver mit meteorologischen Fragen. Er war beteiligt am Aufbau einer landesfürstlichen Messstation auf dem Ettersberg bei Weimar, wo unter anderem Temperatur, Luftdruck und Luftfeuchtigkeit sowie die Windrichtung erfasst wurden. Bei der Beschreibung der Wolken orientierte Goethe sich an der Klassifikation des Londoner Apothekers Luke Howard in die bis heute gültigen vier Typen Stratus-, Cumulus-, Cirrus- und Nimbuswolken.
Ein anderer Autor, der dem Wetterwissen in seinem Werk einen breiten Raum gab, war Adalbert Stifter. In seinem Roman „Nachsommer“ ließ er die beiden Protagonisten streiten, ob gerade ein Unwetter heraufzieht oder nicht. Beide behaupten, sich „auf die Wolken und Gewitter derselben“ zu verstehen; einer musste sie falsch gedeutet haben.
Das Rätselhafte des Wetters und der Versuch, seinem Geheimnis näherzukommen, bestimmten das Interesse der Literatur bis Mitte des 19. Jahrhunderts. Dann aber bauten viele Länder Wetterwarten auf. Der Ausbau von Telegrafenleitungen machte es möglich, Daten innerhalb von Europa und später auch weltweit schnell zusammenzuführen und Wetter als ein global zirkulierendes Phänomen zu konzipieren.
Ab 1905 lieferten Wetterballons und Flugzeuge Messdaten aus höheren Regionen der Atmosphäre. Zeitungen veröffentlichten erste regelmäßige Wetterberichte. Es entstand die Hoffnung, das Wetter zuverlässig vorhersagen zu können.
Denn das ist der eigentliche Antrieb hinter dem Bestreben, das Wetter zu verstehen. „Es ist ein altes Interesse des Menschen, zu wissen, wie das Wetter wird“, sagt Gamper. Sich zu wappnen und nicht überrascht zu werden, wenn etwa ein Sturm losbricht, es anfängt zu hageln oder zu schneien. Ein beträchtlicher Anteil der Kulturleistungen des Menschen war und ist darauf ausgerichtet, sich vor dem Einfluss des Wetters zu schützen.
Sich über das Wetter auszutauschen, hatte eine existenzielle Bedeutung. Ob die Sonne scheint oder Regen die Ernte vernichtet, war einst eine Frage des Überlebens. Gamper sagt: „Heute ist Wetter uns so selbstverständlich und beherrschbar geworden, dass das Gespräch darüber zum Inbegriff für nichtssagendes Geplapper geworden ist.“
Mit dem Erfolg der Meteorologie ließ das literarische Interesse am Wissen über das Wetter allmählich nach. Stattdessen griffen Schriftsteller in ihren Werken nun meteorologische Begriffe auf, die sie künstlerisch umdeuteten. „Eine Sonne aus dem Herzen ziehen und aus dem glühenden Gedanken eine laue Atmosphäre machen“, heißt es zum Beispiel in einem Gedicht von Charles Baudelaire.
Neues Genre der Literatur
„Wetter wird zum Stoff für dichterische Eigenwelten“, erklärt Gamper diese „Meteopoetologie“. In der Gegenwartsliteratur führt eine Fülle von Gedichtbänden „Wetter“ bereits im Titel. Günther Kunerts „Verkündigung des Wetters“ oder „Treffpunkt der Winde“ von Rose Ausländer.
Damit aber ist das Zusammenwirken von Literatur und Meteorologie bislang nicht am Ende. Im Gegenteil. Immer leistungsstärkere Computer können heute nicht nur verlässlichere Wetterprognosen erstellen. Sie berechnen auch in langen Zeitreihen das Klima der Zukunft.
Inzwischen habe sich mit der „Climate Fiction“ ein neues Genre etabliert, erklärt Gamper, und sieht bereits eine „literarische Klimatologie“ heraufziehen. Die Langzeitperspektive des Klimas verleihe auch dem einzelnen Wetterereignis eine neue Brisanz, weil es katastrophale Folgen für den Menschen haben könne.
Womit auch das Gespräch über das Wetter wieder an Bedeutung gewinnt. Es ist keineswegs nur belangloses Gerede oder ein willkommenes Small-Talk-Thema, um Kontakte zu pflegen oder neu zu knüpfen; es lässt sich ja sehr emotional über den zu warmen Winter oder den kühlen Sommer klagen, ohne dabei tatsächlich persönlich werden zu müssen.
Angesichts häufiger extremer Wetterlagen sollte es in solchen Gesprächen durchaus wieder mehr um Inhalte gehen. Heute ist es wichtig zu wissen, wann ein gefährlicher Starkregen droht oder die nächste Hitzewelle anrollt. Wetterereignisse können wieder zu einer existenziellen Bedrohung werden. Erfahrungen zu teilen, kann dann zu einer Frage des Überlebens werden.
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