Es ist ja nicht so, dass man nur im Sommer lebensgefährliche Dinge tut. Aber Hitze hat eine besondere Gabe: Sie macht uns weich im Kopf. Der Asphalt flirrt, der Kreislauf läuft auf Sparflamme – und man möchte Dinge erleben. Draußen, im Urlaub, jetzt sofort.

Im letzten Sommer am Atlantik war ich ziemlich dumm: rote Flagge, Badeverbot, wilde Brandung – dieses dumpfe Donnern, das einem schon auf dem Weg zum Strand zuruft: Spring rein! Kühl dich ab!

Drinnen versteht man dann, was Brandung wirklich bedeutet. Nicht nur Schaum und dramatische Wellen, sondern Naturgewalt. In den Wellen flogen Steine um meine Beine, manche vielleicht 30 Zentimeter im Durchmesser. Keine Kiesel, sondern Geschosse. Ich verlor den Halt, stürzte, wurde herumgerissen. Ein Stein schoss so nah an meinem Kopf vorbei, dass mir erst danach klar wurde, wie knapp es gewesen war. Es kostete Kraft, wieder herauszukommen.

Die Franzosen am Strand schauten mich ungläubig an. Keiner kam rein, um zu helfen. Sie waren nicht lebensmüde. Sie kannten den Strand – und kamen nur zum Sonnenbaden.

Und es ist ja nicht so, dass man nur im Wasser den Verstand verliert. Ein anderes Mal bin ich in Italien an der Amalfiküste spontan wandern gegangen. Allein im Urlaub, in Sport-BH, Shorts und Joggingschuhen. Keine Wanderschuhe, kein Wasser, keine Kopfbedeckung, keine Sonnencreme. Anfangs wollte ich nur einen Küstenweg erkunden. Dann dachte ich: Ich kann ja einfach bis zum nächsten Ort laufen.

Mir ging es gut. Ich genoss die Aussicht, fotografierte die eindrucksvolle Steilküste, ging in eine kühle kleine Kapelle und fand sogar einen Trinkbrunnen. Aber aus dem „Mal eben“ wurden vier Stunden auf dem „Sentiero degli dei“, dem „Götterweg“. Am Ende hat mir ein italienischer Schutzengel beigestanden, ohne dass ich es merkte.

Damals empfand ich es als abenteuerlich. Heute denke ich: Es war leichtsinnig. Niemand wusste genau, wo ich war. Ich hatte nichts dabei, was man bei Hitze dabeihaben sollte. Und ich war allein auf steilen, teils ungesicherten Wegen unterwegs, wo ein kleiner Fehler sehr schnell groß werden kann. Hauptsache, das Selfie ist cool.

Bei Hitze überschätzen wir uns gern. Besonders im Urlaub, am Wasser, in den Bergen, auf Wegen, die auf Fotos harmlos aussehen. Das Kind in uns will einfach nur raus: schwimmen, laufen, entdecken, frei sein. Genau das macht den Sommer so schön. Und genau das macht ihn gefährlich.

Unter einem Interview mit einem Rettungsschwimmer haben uns viele Leserinnen und Leser von eigenen Badeunfällen erzählt: von Kindern, die nur einen Augenblick unbeobachtet waren; von Erwachsenen, die in Strömungen gerieten; von Menschen, die andere retten wollten und plötzlich selbst in Gefahr kamen. Von Sommertagen, die in Sekunden kippten.

Hier eine kleine Auswahl Ihrer Geschichten

Sprünge in unbekannte Gewässer: „Als ich früher in Hessisch Lichtenau beim Bund war, meldete ich mich freiwillig, um einen Monat lang in einer dortigen Reha-Klinik auszuhelfen. Dort wurden querschnittsgelähmte Patienten behandelt, unter anderem wegen schwerer Liegegeschwüre. Was mich damals sehr erschütterte: Viele dieser Querschnittslähmungen waren nicht durch Verkehrsunfälle entstanden, sondern durch Sprünge in unbekannte Gewässer. Dieses Elend hat mich so mitgenommen, dass ich froh war, als der Monat vorbei – und ich wieder in der Kaserne war.“ Alexander

Ich war mehrere Minuten unter Wasser: „Ich bin einmal unglaublich schnell in einen Strudel geraten. Es blieb nicht einmal mehr Zeit, Luft zu holen. Die Strömung zog mich durch eine Wehranlage auf die andere Seite. Dort geriet ich in eine Wasserwalze. Ich achtete auf die Signale des Wassers und tauchte tief, als ich kurz das Gefühl hatte, der Wasserdruck lasse etwas nach. Offenbar hatte ich unfassbares Glück: Ich hatte keine Schramme.

Trotzdem musste ich zwei Wochen zur Beobachtung ins Krankenhaus, weil nach einem solchen Beschleunigungstrauma Gefäßschäden möglich sind. Einige hatte ich tatsächlich. Ich war mehrere Minuten unter Wasser. Überlebt habe ich wohl nur, weil ich nicht gegen das Wasser gekämpft habe. Ich machte mich lang und schmal und bin im Apnoetauchen geübt. Warum ich überhaupt in der Nähe einer Wehranlage geschwommen bin? Ich wollte als sehr gute Schwimmerin jemanden retten.“ B.

Strömungen und Strudel im Meer werden oft unterschätzt

Man unterschätzt das alles viel zu leicht: „Ich hatte Anfang der Siebzigerjahre Schwimmunterricht in der Grundschule. Es war umständlich, aber Pflicht. Die meisten Kinder konnten damals schon einigermaßen schwimmen. Einmal sollte ein Grüppchen von Nichtschwimmern im kniehohen Wasser üben. Ein Mädchen fiel auf den Rücken ins Wasser. Ihr Gesicht war sogar oberhalb der Wasseroberfläche. Trotzdem bekam sie sofort einen solchen Panikanfall, dass sie um sich schlug, japste und Wasser schluckte. Ein achtjähriges Kind war in diesem Moment kaum zu beruhigen – obwohl die Situation objektiv betrachtet kaum gefährlich war.

Wir bekamen das danach erklärt. Seitdem weiß ich, wie wichtig Schwimmenlernen ist – und wie falsch viele Menschen Wasser und Panik einschätzen. Ich kenne auch Menschen, die im Spaß von übermütigen Freunden untergetaucht wurden und sich danach nie wieder ins Wasser trauten. Man unterschätzt das alles viel zu leicht. Genau das muss vermittelt werden: von Eltern, in Schulen und überall dort, wo Kinder mit Wasser in Berührung kommen.“ Monika

Kein Alkohol vor dem Baden: „Ich habe mir von Anfang an mehrere Regeln angewöhnt. Ich beginne etwa schon zu schwimmen, sobald mir das Wasser bis zur Badehose reicht. So überraschen mich plötzliche Abbruchkanten weniger. Außerdem lasse ich mich immer wieder ruhig atmend auf dem Rücken treiben. Und natürlich gilt: kein schweres Essen und kein Alkohol vor dem Baden.“ Thomas

Meine Bekannten saßen 20 Meter entfernt am Strand: „Ich bin einmal im Meer in unmittelbarer Strandnähe in eine Strömung geraten und verstand zunächst überhaupt nicht, was los war. Das Wasser war nur etwa hüfthoch, zog mir aber beständig die Beine weg. Meine Bekannten saßen vielleicht 20 Meter entfernt am Strand. Doch im aussichtslosen Kampf gegen das Wasser konnte ich meine Notlage gar nicht deutlich machen. Sie hielten alles für einen Spaß und fotografierten meinen vermeintlich lustigen Stunt auch noch. Die Fotos kleben heute in meinem Fotoalbum.

Nach höchstens 20 Sekunden war ich mit meinen Kräften völlig am Ende. Ich gab auf. Vermutlich rettete mich genau das: Bis dahin fühlte es sich an wie in einer Waschmaschine. Dann wurde ich an die Oberfläche gehoben und an anderer Stelle von den Wellen wie ein Stück Treibgut wieder an den Strand geworfen. Ich stapfte erleichtert mit Puddingknien den Strand hinauf. Auch das Foto mit dem wenig überzeugenden Siegerlächeln gibt es noch. Sich auf dem Rücken liegend treiben zu lassen, wenn die Panik es zulässt, ist vermutlich aussichtsreicher, als sinnlos gegen die Wassermassen anzukämpfen.“ N.N.

Dieser Text ist erstmals im „Wie das Leben so spielt“-Newsletter erschienen.

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