Über die Folgen der Coronapandemie wurde viel gesprochen und diskutiert: Was hat das Alleinsein mit uns gemacht? Wie genießt man die Jugend, wenn man seine Freunde nicht treffen kann – und wie wirkt sich das auf eine ganze Generation aus? Eine Studie aus England hat untersucht, welche Auswirkungen der Corona-Lockdown auf die Jüngsten hatte.
Kinder, die während des ersten Corona-Lockdowns in England geboren wurden, hatten im Alter von vier Jahren häufiger Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, Anweisungen zu befolgen und ihre Emotionen zu regulieren.
Zu diesem Ergebnis kommt die neue Studie britischer Forscher, die im Fachjournal Archives of Disease in Childhood veröffentlicht wurde. Die Forscher untersuchten 205 Kinder, die zwischen dem 23. März und dem 23. Juni 2020 – also während des ersten landesweiten Lockdowns in England – geboren wurden.
In ihren ersten Lebensmonaten fiel vieles von dem weg, was sonst die Anfangszeit bestimmt: der Besuch von Freunden und Familie. Krabbelgruppen, Babyschwimmen. Die Forscher schauten sich daher die exekutiven Funktionen an, also geistige Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit, Impulskontrolle, Arbeitsgedächtnis, Planungsvermögen und die Fähigkeit, das eigene Verhalten an neue Situationen anzupassen.
Nach der Auswertung der Angaben von Eltern und Betreuungspersonen schnitten die Kinder in diesen Bereichen schlechter ab als vergleichbare Kinder vor der Pandemie. Rund ein Drittel der untersuchten Vierjährigen wurde als unterstützungsbedürftig bei den exekutiven Funktionen eingestuft. Die Forscher vermuten, dass sich die Einschränkungen im Alltag dadurch zeigen, dass die Kinder Aufgaben nur schwer durchhalten, Anweisungen vergessen, sich leicht ablenken lassen oder ihre Gefühle schlechter regulieren können.
Ein anderes Bild zeigte sich bei der Sprachentwicklung: Hier entwickelten sich die Kinder mindestens altersgerecht, in einigen Bereichen sogar besser als Gleichaltrige vor der Pandemie. Auffällig war aber ein Unterschied zwischen Verstehen und Sprechen. Das Sprachverständnis lag im erwarteten Bereich – womöglich, weil Eltern im Lockdown besonders viel mit ihren Kindern redeten.
Beim aktiven Sprechen dagegen, also beim eigenen Bilden von Wörtern und Sätzen, schnitten die Kinder etwas schwächer ab. Die Forscher vermuten, dass hier der Austausch mit vielen verschiedenen, weniger vertrauten Menschen fehlte, der Kinder sonst zum Reden bringt.
Auch die motorischen Fähigkeiten entsprachen den altersüblichen Erwartungen. Frühere Studien hatten untersucht, ob sich die besonderen Bedingungen der Pandemie auf die Entwicklung von Kindern auswirkten. Eine 2022 im Fachjournal JAMA Pediatrics veröffentlichte Studie aus New York untersuchte 255 während der Pandemie geborene Säuglinge im Alter von sechs Monaten.
Die Kinder erzielten im Vergleich zu einer kleinen historischen Kontrollgruppe niedrigere Werte bei der Grob- und Feinmotorik sowie bei persönlichen und sozialen Fähigkeiten.
Die Forscher der neuen Studie sehen einen möglichen Zusammenhang zwischen den Lockdown-Einschränkungen im ersten Lebensjahr und den beobachteten Unterschieden. Gleichzeitig betonen sie, dass ihre Untersuchung keine eindeutigen Aussagen über Ursache und Wirkung zulässt. Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie ohne direkt vergleichbare Kontrollgruppe. Zudem beruhen die Angaben zu den exekutiven Funktionen auf Einschätzungen der Eltern, die subjektiv beeinflusst sein können.
Ein weiterer möglicher Faktor: Die teilnehmenden Familien waren im Durchschnitt höher gebildet als die Gesamtbevölkerung Englands. Rund drei Viertel der Eltern verfügten über einen Hochschulabschluss. Dadurch könnten einige Entwicklungswerte sogar günstiger ausgefallen sein als in der Gesamtbevölkerung.
Trotz der Einschränkungen sehen die Autoren ihre Ergebnisse als wichtigen Hinweis darauf, die sogenannte „Lockdown-Kohorte“ weiter wissenschaftlich zu begleiten. Sie empfehlen, Schulen und Familien bei Bedarf gezielt zu unterstützen, um mögliche Schwierigkeiten bei Aufmerksamkeit, Selbstregulation und Problemlösefähigkeiten frühzeitig aufzufangen.
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