Es ist die weltweit häufigste Ursache für chronische Schmerzen und körperliche Behinderung: Allein in Frankreich leiden rund zehn Millionen Menschen an Arthrose; in Deutschland sind es sogar zwölf Millionen Betroffene. Diese Erkrankung, die durch das Alter, durch Übergewicht, unzureichende Bewegung oder Extremsport noch verschlimmert wird, nimmt immer mehr zu und betrifft immer häufiger auch junge Menschen. Wirkliche therapeutische Lösungen gibt es nicht.

Die als erste Wahl angebotenen, entzündungshemmenden Medikamente verringern im besten Fall die Symptome, verlieren jedoch bald ihre Wirkung oder werden von den Patienten nicht vertragen. „In einem bereits fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung besteht die einzige von der Medizin angebotene Lösung in einer Prothese“, erklärt Professor Francis Berenbaum, Leiter der Rheumatologie-Abteilung am Hospital Saint-Antoine in Paris.

Mit dieser Alternative ist jedoch ein aufwendiger chirurgischer Eingriff verbunden, der im Schnitt eine Nutzungsdauer der Prothese von fünfzehn Jahren verspricht. Hinzu kommt, dass rund 20 bis 25 Prozent der Patienten mit einer Knie-Arthrose mit dem Ergebnis dieser Lösung nicht zufrieden sind.

Angesichts dieser Problematik könnten die GLP-1-Analoga (Glucagon-like Peptide 1, Anm. der Red.), bekannt aus den gängigen Abnehmspritzen, nun wieder von sich reden machen. Darauf zumindest setzt das Medizin-Unternehmen „4Pharma“, das sich auf die Neupositionierung von Molekülen spezialisiert und im Jahr 2020 das Start-up „4Moving Biotech“ gegründet hat. Es geht darum, die klinische Entwicklung seines Wirkstoff-Kandidaten für Knie-Arthrose zu finanzieren.

„Die GLP-1-Analoga stellen eine Art therapeutische Goldgrube dar. Sie sind ein typisches Beispiel für die Möglichkeit von Neupositionierungen, da sie ja ursprünglich als Medikament gegen Diabetes entwickelt wurden und mittlerweile sehr effizient gegen Übergewicht und Fettleibigkeit eingesetzt werden“, erklärt Luc Boblet, der CEO des Unternehmens.

Die Wirkung der GLP-1-Analoga beschränken sich aber nicht nur auf eine Regulierung des Appetits und des Blutzuckerspiegels: Diese Moleküle verfügen auch noch über ein entzündungshemmendes Wirkungspotenzial und regenerative Eigenschaften, die kürzlich durch den französischen Rheuma-Experten Professor Francis Berenbaums nachgewiesen wurden.

Knie-Arthrose ein „Teufelskreis“ für Patienten

Das sind zwei Eigenschaften, die für die Behandlung der Knie-Arthrose wie geschaffen sind. „Diese entzündliche Erkrankung ist auch mit einer Schädigung des Gelenks verbunden. Diese beiden Mechanismen verstärken sich gegenseitig, was für den Patienten einen wahren Teufelskreis bedeutet“, erklärt Boblet. Sein Unternehmen hofft nun, durch den Einsatz der GLP-1-Analoga sowohl den Abbau des Gelenks als auch die Entzündung zu hemmen und so das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen zu können.

Diese Möglichkeit ist insofern sehr verlockend, als die aktuell verfügbaren Therapien in der Regel nur die Symptome behandeln, ohne das tatsächliche Problem direkt anzugehen. Für Boblet bedeutet die Verlangsamung des Fortschreitens der Arthrose auch eine Verzögerung der operativen Einsetzung einer Knie-Prothese: Das sei gerade deshalb besonders wichtig, weil immer jüngere Patienten mit Arthrose diagnostiziert würden.

„Die Prothese hält nur rund fünfzehn Jahre. Wenn Sie jetzt schon mit 45 Jahren ein fortgeschrittenes Stadium einer Kniearthrose haben, wird man es zu vermeiden suchen, ihnen eine Prothese einzusetzen, weil man diese nicht zehn Jahre später durch eine zweite austauschen kann. Für diese Gruppe von Patienten gibt es keine Alternative“.

„4Moving Biotech“ hat die vorgeschriebenen Anforderungen bezüglich Sicherheit und Verträglichkeit ihres neuen Medikaments bereits erfüllt. Das ist ein schneller Erfolg, der auf den besonderen Status des neu positionierten Moleküls zurückzuführen ist: „Dank dieser Neupositionierung können wir auf Ergebnisse aus einer bereits jahrelangen Entwicklung und Anwendung des Moleküls zurückgreifen und aus früheren Studien profitieren“, erklärt Geschäftsführer Boblet.

Nachdem sie bewiesen hatten, dass die intraartikuläre Injektion (in der Gelenkkapsel) nicht dazu führt, dass größere Konzentrationen im Körper auftreten, als die zuvor bereits festgelegten Toleranzgrenzen erlauben, konnte das Unternehmen im Juli 2025 mit der Phase-2a seiner klinischen Studie starten. Das Ziel dieser neuen Untersuchungsreihe ist, einen ersten Beweis für die Wirksamkeit des Moleküls gegen Knie-Arthrose zu liefern.

Dafür hat das Unternehmen die innovative Methode entwickelt, die Schichtdicke der Synovialmembran (Gelenkinnenhaut) – die Membran, die unsere Gelenke umgibt – zu analysieren und sie als einen messbaren Indikator für den Grad der Knie-Arthrose zu nutzen.

Anfang Februar hat „4Moving Biotech“ jetzt eine Finanzierungsrunde mit einem Volumen von mehr als zwölf Millionen Euro erfolgreich abgeschlossen, die die Fortsetzung von Phase-2a ihrer klinischen Studie finanzieren soll. Gleichzeitig hat die Food and Drug Administration FDA (US-Arzneimittelbehörde) die Studie auch in den USA zugelassen. Wenn sich das Molekül als wirksam erweist, hofft das Unternehmen, es noch vor 2030 auf den Markt bringen zu können.

Die vor rund zehn Jahren entdeckten GLP-1-Analoga werden auch für andere Anwendungsgebiete getestet. Ihre neuroprotektive Wirkung war im Jahr 2025 bereits der Grund für die Durchführung klinischer Studien von Alzheimer, von denen einige jedoch ohne Erfolg blieben.

Dieses Interview erschien zuerst im „Le Figaro“, wie WELT Mitglied der „Leading European Newspaper Alliance“ (LENA). Übersetzt aus dem Französischen von Bettina Schneider.

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