Sind wir von Natur aus geneigt, zu teilen – und werden erst von der Zivilisation zum Egoisten erzogen?

Die klassische ökonomische Theorie geht vom rational handelnden, aber eigennützigen Individuum aus. Verhaltensökonomen dagegen betonen immer wieder prosoziale Instinkte, die auf Ausgleich ausgerichtet sind. So schrieben die Forscher Brian Hare und Vanessa Woods 2020 vom „Überleben der Freundlichsten“ und argumentierten, dass erst das Teilen dem Menschen einen evolutionären Vorteil gegenüber unseren nächsten Verwandten, den Schimpansen, ermöglicht hat.

Jäger-und-Sammler-Gesellschaften gelten dabei oft als Vorbilder für Gleichheit, Kooperation und selbstloses Teilen von Nahrung. Ein interdisziplinäres Forschungsteam hat jedoch festgestellt, dass dieses vertraute Bild vereinfacht, wie Egalitarismus im Alltag tatsächlich funktioniert.

In ihrer Studie untersuchten der Anthropologe Duncan N.E. Stibbard-Hawkes von der Baylor University und sein Mitautor Chris von Rueden, Professor für Führungsstudien an der University of Richmond, die Hadza, eine zeitgenössische Jäger-und-Sammler-Gesellschaft in Tansania. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie in der Fachzeitschrift „PNAS Nexus“. Sie kamen zu dem Schluss, dass vergleichsweise ausgeglichene Besitzverhältnisse häufig nicht nur durch Altruismus, sondern auch durch sozialen Druck und das Einfordern von Teilen aufrechterhalten werden.

In einer früheren Studie hatten die Forscher eine breit angelegte Übersicht über Jäger-und-Sammler-Gesellschaften erstellt, die üblicherweise als egalitär gelten. Sie stellten fest, dass diese Gesellschaften zwar „mit relativer Gleichheit funktionierten, selbst die egalitärsten Gruppen jedoch in dem einen oder anderen Bereich Ungleichheit aufwiesen.“

Um dies besser zu verstehen, überprüfte das Forschungsteam Vorstellungen von Egalitarismus anhand eines verhaltenswirtschaftlichen Experiments: einem Geben-und-Nehmen-Spiel mit Hadza-Teilnehmern.

Gleichheit ohne Altruismus

Die Forscher stellten fest, dass die Spieler nur dann effektiv für Gleichheit sorgten, wenn sie selbst im Nachteil waren, also weniger hatten. „Das legt nahe, dass Nehmen für die Herstellung redistributiver Gleichheit wichtiger ist als Geben“, sagte Stibbard-Hawkes. „Das spiegelt das wirkliche Leben wider: Wenn jemand zu viel hat, wird von ihm oft lautstark gefordert, etwas abzugeben.“

Viele Anthropologen und Ethnografen untersuchen Gerechtigkeitsvorstellungen in Gesellschaften mithilfe verhaltenswirtschaftlicher Spiele, etwa des „Diktatorspiels“. Indem Teilnehmern eine bestimmte Anzahl von Token überlassen wird, lässt sich anhand von Behalten oder Weitergeben verstehen, wie Gleichheitsideale innerhalb einer Gruppe wirken, so Stibbard-Hawkes.

Der unerwartete Befund: „Wenn man diese Wirtschaftsspiele durchführt, verhalten sich Menschen in Jäger-und-Sammler-Gesellschaften oft egoistischer als in Amerika oder Europa“, sagte er. „Was überraschend ist, denn diese Gesellschaften sind ja für ihren Egalitarismus bekannt.“

Um die realen Nahrungsteilungspraktiken der Hadza besser abzubilden, gestalteten Stibbard-Hawkes und sein Team das Experiment um: In früheren Studien konnten die Hadza Token nur an andere geben. Dabei verteilten sie typischerweise zehn Prozent ihres Einsatzes – verglichen mit 20 Prozent bei Menschen aus westlichen Ländern oder industriellen Gesellschaften. Das galt als paradox, weil die Hadza für ihren Egalitarismus bekannt sind.

Das Experiment der neuen Studie löste dieses Paradox auf: Nun konnten die Hadza sowohl Ressourcen teilen als auch von anderen nehmen. Die Ergebnisse veränderten sich erheblich. Denn in der Realität, so die Studie, läuft Umverteilung bei den Hadza eben primär über Nehmen und Fordern, nicht über spontanes Geben.

„Wir änderten die Regeln dieser Wirtschaftsspiele und erzielten tatsächlich Gleichheit – aber nur in der Bedingung, unter der die Leute von anderen nehmen konnten“, sagte er. „Das führte zu einer vergleichsweise gerechten Verteilung.“

Nicht Fairness, sondern Eigennutz

Nur 40,9 Prozent der Teilnehmer teilten, wenn sie mehr Nahrung als andere hatten, während 30 Prozent zusätzliche Gegenstände an sich nahmen. Wer mit weniger Ressourcen startete, griff in 58,8 Prozent der Fälle bei seinem Partner zu – oft über das für eine Ausgewogenheit nötige Maß hinaus. In beiden Bedingungen war das vollständige Nehmen das häufigste Verhalten.

Die Beweggründe hinter diesen Ergebnissen waren dabei nicht immer idealistischer Natur. „Obwohl wir viel Großzügigkeit beobachteten, waren die individuellen Motive hinter dieser Gleichheit oft durchaus eigennützig“, sagte Stibbard-Hawkes.

Das Teilungsverhalten der Hadza spiegelt nicht den inneren Wunsch nach Fairness wider, sondern asymmetrische Anreize und unmittelbare Bedürfnisse. „Wenn ich einen großen Vorrat an Nahrung habe und nichts davon abgebe“, erklärte Stibbard-Hawkes, „werden die Menschen um mich herum sagen: ‚Nein, du musst das teilen, und du wirst es mir geben. Wenn alle so handeln, ist das Ergebnis Gleichheit.“

Er betonte, dass diese Interaktionen oft persönlich und direkt seien. „Es ist nicht nur eine gesellschaftliche Erwartung“, sagte er. „Es ist oft eine direkte Interaktion zwischen zwei Personen. Jemand im Nebenzimmer könnte sagen: Du hast viel – du solltest mir etwas davon geben.“

Jäger-und-Sammler-Gesellschaften werden seit Langem herangezogen, um die Evolutionsgeschichte der Menschheit zu erklären. Doch Stibbard-Hawkes zufolge werden diese Gesellschaften in populärwissenschaftlichen Darstellungen oft zu einem idealisierten moralischen Vorbild stilisiert.

„In populärwissenschaftlichen Büchern wird daraus sehr schnell die Vorstellung, wir hätten in einem edenischen Garten der Freiheit und des Überflusses gelebt, wo alles gut war und keine Schwierigkeiten existierten.“ Diese Sichtweise, so Stibbard-Hawkes, verfehle jedoch, wie Egalitarismus tatsächlich aufrechterhalten wird.

Egalitarismus oft missverstanden

„Egalitäre Gesellschaften existieren – sie sind kein Mythos“, sagte er. „Aber wenn man sich die Mechanismen anschaut, durch die Egalitarismus und relative politische Gleichheit erhalten werden, sind es oft Menschen, die streiten, Anteile fordern und sogar diejenigen beleidigen, die zu viel haben.“

Die Studie ergab zudem, dass Hadza, die in den vergangenen zehn Jahren stärker in Kontakt mit der tansanischen Marktwirtschaft und dem Ackerbau gekommen waren, ungleiche Ergebnisse etwas eher akzeptierten.

„Diese Bereiche haben eine ganz andere Ressourcengrundlage, und was ich feststelle, ist: Während man bei traditionellen Jagdgütern wie Fleisch erwartet, dass sie geteilt werden, sind die Vorstellungen darüber, was geteilt werden sollte, bei Bargeld oder Getreide ganz anders“, sagte Stibbard-Hawkes.

Egalitarismus sei kein Mythos – er wird jedoch oft missverstanden. Großzügigkeit ist nicht selten, doch sind Menschen in egalitären Gesellschaften auch nicht von Natur aus altruistischer. Gleichheit entsteht dort nicht aus angeborenem Altruismus oder einer verlorenen Utopie, sondern wird aktiv durch sozialen Druck, Aushandlungsprozesse und Forderungen erzeugt, die Anhäufung und Machtkonzentration begrenzen.

„Wenn wir uns die tatsächlichen Motive und Mechanismen der Umverteilung und Machtbegrenzung anschauen, erhalten wir einen realistischeren Ansatz und einen klareren Blick darauf, was Egalitarismus wirklich ist“, sagte Stibbard-Hawkes.

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