Sie ist zwei Zentimeter lang, hat einen schwarzen Kopf, gelbe Füße und ein breites gelbes Band am Hinterleib: Die Asiatische Hornisse (Vespa velutina) unterscheidet sich auffällig von ihrer europäischen Verwandten. In rasantem Tempo breitet sich das eingewanderte Insekt in Europa aus und bedroht die heimischen Bienen, auch in Deutschland.

Der Vorsitzende des rheinland-pfälzischen Imkerverbands, Thomas Hock, wirft Bund und Ländern vor, nicht entschieden genug gegen das eingewanderte Insekt vorzugehen – mit unabsehbaren Folgen.

WELT: Wie aktiv ist die Asiatische Hornisse momentan?

Thomas Hock: Aktuell sind nur die Königinnen unterwegs. Sie beginnen jetzt, neue Völker zu gründen. Ganz allein bauen sie ihre tennisballgroßen Gründungsnester, in denen sich die ersten Arbeiterinnen entwickeln. Vereinzelt melden Imker eine Velutina-Sichtung. Ich persönlich habe in diesem Jahr noch kein Exemplar gesehen.

WELT: Wo hält sich diese Hornissen-Art vor allem auf?

Hock: Die Vespa velutina bevorzugt einen urbanen Lebensraum, sie sucht die Nähe von Siedlungen und von Fließgewässern, weil sie für den Nestbau viel Wasser braucht. Sie baut ihr Nest in Nistkästen, Geräteschuppen oder der Ecke einer Pergola, aber auch in Hecken oder im Gebüsch, meist in einer Höhe von zwei bis drei Metern. Sie ist auch gelegentlich im freien Feld oder in Waldstücken anzutreffen.

Thomas Hock betreibt die Imkerei als Nebenerwerb

WELT: Wie gefährlich sind diese Insekten?

Hock: Als Einzeltier sind sie eigentlich relativ friedlich. Wenn aber ein Hausbesitzer oder Gärtner eine Hecke schneiden will und ahnungslos in die Nähe eines Nests kommt, dann reagieren sie aggressiv und stechen nicht nur, sondern sie können auch ihr Gift versprühen. Wer zufällig ein Nest entdeckt, sollte sehr vorsichtig sein und sich besser professionelle Hilfe holen. Erfahrene Schädlingsbekämpfer tragen Schutzanzug und Visier, wenn sie ein solches Nest entfernen. Das Hornissengift kann bei allergischen Personen im schlimmsten Fall einen anaphylaktischen Schock auslösen. Damit stellt Velutina als einziges invasives Gifttier auch eine gesundheitliche Bedrohung dar.

WELT: Wie konnte die Asiatische Hornisse überhaupt nach Europa gelangen?

Hock: Genetische Analysen von Hornissen aus verschiedenen Regionen Europas lassen sich auf eine einzige Königin zurückführen, die vor gut 20 Jahren über den Seehafen Bordeaux gekommen ist. Das bedeutet: Alle Asiatischen Hornissen, die heute in Europa herumfliegen, stammen von dieser einen Königin ab. Ihre Nachfahren haben Spanien, Portugal, Italien, Belgien und Luxemburg erobert. Meldungen gibt es auch aus der Schweiz und Österreich. Die Tiere sind relativ kälteresistent und überleben die hiesigen Winter. Das macht sie so erfolgreich.

WELT: Wann ist sie in Deutschland angekommen?

Hock: Die erste Meldung kam 2014 aus Baden-Württemberg, als ein kleines Nest entdeckt wurde. Seither beobachten wir, dass sie sich entlang des Rheins in Richtung Norden ausbreitet – 75 bis 80 Kilometer pro Jahr. Auch entlang von Autobahnen können wir sie verfolgen, möglicherweise reist sie auch als blinder Passagier auf Lkw. Inzwischen gibt es auch Sichtungen in Schleswig-Holstein.

WELT: Nun ist die Asiatische Hornisse hierzulande nicht die erste invasive Art. Was ist das besondere Problem?

Hock: Die Velutina macht unter anderem Jagd auf unsere Wildbienen, Hummeln und Honigbienen. Sie ist ein Flugkünstler, kann rückwärts, auf dem Rücken und sogar wie eine Drohne auf der Stelle fliegen. Und sie ist unglaublich schnell. Das sind faszinierende Tiere, aber leider eine Bedrohung für unsere Natur. Wenn die heimischen Bestäuber verschwinden, leidet darunter die Artenvielfalt. Für uns Imker ist Velutina ein existenzielles Problem.

WELT: Inwiefern?

Hock: Die Hornissen belagern unsere Bienenstöcke und fangen die Bienen ab, wenn diese etwas geschwächt von ihrem Sammelflug zurückkommen. Sie schleppen unsere Bienen in die nächste Hecke, beißen ihnen Kopf und Hinterleib ab und nehmen nur das nahrhafte Muskelfleisch mit ins Nest, um ihre Königin zu füttern. Die Bienen merken, dass vor ihrem Stock ein Jäger lauert. Der Stress ist enorm. Sie können durch die Bejagung in eine Art Schockstarre verfallen und gar nicht mehr ausfliegen. Ein oder zwei Tage kann das gut gehen. Aber dann brauchen sie Wasser, sie müssen Pollen und Nektar sammeln und auch abkoten. Wenn die Bienen längere Zeit nicht ausfliegen, schwächt es das Volk insgesamt, und es kann zugrunde gehen. Das kann für einen Imker das Ende bedeuten.

WELT: Können Sie das in Zahlen ausdrücken?

Hock: Aus Belgien wissen wir, dass in besonders betroffenen Regionen etwa 30 Prozent der Imker aufgegeben haben. Aus Deutschland liegen uns noch keine verlässlichen Zahlen vor. Viele betreiben die Imkerei ja als Hobby. Sie sind dann noch Mitglied in einem Verein, haben aber keine Völker mehr. Das ist eher ein leises Verschwinden. Ein Blick nach Frankreich verdeutlicht das. Dort werden jährlich 32 Millionen Euro Schaden in der Imkerei erwartet. Deshalb wurde die Bekämpfung im März 2025 gesetzlich verankert und zur Staatsaufgabe gemacht.

WELT: Wie können Sie als Imker Ihre Völker schützen?

Hock: Momentan sind wir den Angriffen der Asiatischen Hornisse hilflos ausgeliefert. Das Einzige, was wir machen können, ist, die Fluglöcher der Bienenstöcke kleinzuhalten, sodass nur die Bienen hindurchkommen. Die Velutina ist doch recht groß in ihrem Körperbau und deutlich größer als unsere Honigbiene. Natürliche Feinde hat die Asiatische Hornisse in Europa jedenfalls nicht.

Verlassenes Sekundärnest, das im Winter in einem Baum hängt

WELT: Wie kann der Mensch die Asiatische Hornisse aktiv bekämpfen?

Hock: Das ist extrem schwierig und hat etwas mit der Lebensweise der Velutina zu tun. Wenn im Laufe der warmen Monate im Nest genügend Arbeiterinnen herangewachsen sind, zieht gegen Ende des Sommers das ganze Volk in ein größeres, sogenanntes Sekundärnest um. Es hängt meist 20 bis 30 Meter hoch oben im Wipfel eines Baumes und ist in etwa so groß wie ein Medizinball. Es leben darin mehrere Tausend Individuen und bis zu 100 Königinnen.

WELT: Was haben Sie unternommen?

Hock: Wir sind mit Hubsteigern in die Bäume gefahren und haben versucht, mit Druckluft feine Aktivkohle in die Nester zu sprühen. Aber das ist eine sehr gefährliche Arbeit. Eine andere Möglichkeit ist, mit einer langen Lanze heißen Wasserdampf in ein Nest zu leiten, um die Tiere zu verbrühen. Aber die Methode ist umstritten, da sie nicht tierschutzfreundlich ist, wenn die Insekten nicht sofort daran sterben. Die erste Hürde ist jedoch, dass Sie die Nester erst einmal finden müssen.

WELT: Warum ist es so schwierig, die Nester zu finden?

Hock: Die Nester sind oft erst zu erkennen, wenn die Bäume ihr Laub verloren haben. Das habe ich selbst erlebt. Ich weiß gar nicht, wie oft ich mit dem Auto an dem Nest vorbeigefahren bin. Im Herbst habe ich es plötzlich gesehen. Aber dann ist es meist schon zu spät. Die Königinnen sind bereits ausgeschwärmt und sind dabei, sich ein Winterquartier zu suchen. Sie brauchen dann viele Nährstoffe. Weil die Zahl der Wildbienen und anderer Insekten im Spätsommer langsam abnimmt, suchen sie andere Nahrungsquellen und dringen in Bienenstöcke ein, um sich an dem Überwinterungshonig der Völker zu bedienen.

WELT: Sehen Sie einen Ausweg?

Hock: Wir brauchen mehr Forschung, um die Velutina bekämpfen zu können. Zum Beispiel durch den Einsatz von Pheromonen, also Lockstoffen, beispielsweise gegen die Drohnen. Oder Hormone, die verhindern, dass die Königinnen im Herbst begattet werden können. Eine andere Möglichkeit wäre, einzelne Tiere abzufangen und mit einem tödlichen Pilz zu infizieren, den sie in das Nest tragen. Da gibt es Beispiele etwa aus dem Weinbau, die weiterentwickelt werden könnten.

WELT: Woran hapert es?

Hock: Die EU hat die Asiatische Hornisse bereits 2016 auf die Liste invasiver Arten gesetzt. Das bedeutet, dass sie ein erhebliches Schadpotenzial für die Biodiversität darstellt. In allen EU-Staaten sind die zuständigen Behörden verpflichtet, aktiv gegen die invasive Art vorzugehen. Doch die deutsche Politik hat vor Velutina kapituliert und sie vor einem Jahr als weitverbreitet und damit als unaufhaltbar eingestuft.

WELT: Was bedeutet das?

Hock: Jetzt muss sie nicht mehr bekämpft und möglichst ausgerottet, sondern lediglich gemanagt werden. Damit entfallen auch entsprechende Finanzmittel, etwa für die Beseitigung von Nestern. Warum sollten etwa Privatpersonen dafür Geld ausgeben, wenn sie sich nicht gestört fühlen und das Problem gar nicht ermessen? Ich halte die Umstufung für eine fatale Fehlentscheidung.

WELT: Welche Folge hat die Umstufung von Ausrottung auf Management in Ihren Augen?

Hock: Der finanzielle Schaden lässt sich am ehesten in der Landwirtschaft bemessen. Wo die Asiatische Hornisse die heimischen Bestäuber vernichtet, drohen erhebliche Ernteeinbußen. Die Folgen für unsere Artenvielfalt sind kaum abzuschätzen. Meine Befürchtung ist, dass sich die Asiatische Hornisse jetzt nahezu ungehindert weiter ausbreiten wird.

WELT: Was fordern Sie?

Hock: In Deutschland haben wir einen Flickenteppich aus Zuständigkeiten. Jedes Bundesland hat seine eigene Meldeplattform. Das müssen wir dringend bundesweit vereinheitlichen, um zumindest einen realistischen Überblick zu haben, wie weit sich die Asiatische Hornisse schon ausgebreitet hat.

WELT: Und auf europäischer Ebene?

Hock: Den Kampf gegen Velutina kann kein Land allein aufnehmen. Deutschland steht durch seine zentrale Lage in Europa in der Pflicht, die Ausbreitung und Verschleppung in den Osten und Norden der EU zu verhindern, ebenso wie die Reinvasion von Königinnen zurück nach Frankreich. Das geht aber nur mit einer professionellen länderübergreifenden und damit eben staatlich koordinierten und auch finanzierten verbindlichen Strategie. Andernfalls können die geschädigten Länder bei Untätigkeit Schadensersatzforderungen stellen.

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