Ein neues Klo ist in Japan eine ernste Familienangelegenheit. Oma, Opa, Sohn, Schwiegertochter und das Enkelchen mit Labubu-Plüschtier am Schulranzen fahren mit dem Aufzug in die 8. Etage in einem Bürohochhaus am Bahnhof Shinjuku in Tokio. Hier oben mit einer fantastischen Aussicht auf einen kleinen Ausschnitt der 38-Millionen-Metropole betreibt Japans Toilettenmarktführer Toto seinen Flagship-Showroom. Hier werden die neuesten Produkte der Sanitärindustrie präsentiert. Manche Neuheiten werden ausschließlich in Japan verkauft, wo die Begeisterung für Hygiene und Sauberkeit schier grenzenlos ist.
Eine Beraterin in dunkelblauem Kostüm nimmt die Familie mit einer tiefen Verbeugung in Empfang. Vorbei an den Einbauküchen, Duschkabinen, Badewannen und Armaturen geleitet sie die Kunden zu den Wasserklosetts (WC). Es sind Dutzende, von günstig für 225.000 Yen bis teuer für 711.000 Yen, was in Japan annähernd zwei durchschnittlichen Monatsgehältern entspricht. Opa sitzt sofort Probe. Er wählt das zweitteuerste. Der Sohn besetzt das Spitzenmodell. Die Beraterin schaut schon auf den Bauplänen und Skizzen, die die Familie mitgebracht hat, ob das Klo in die kleine Wohnung passt und ob auch die richtigen Wasser- und Stromanschlüsse da sind. „Passt!“
Keine profane Toilette, sondern ein Wunderwerk der Aborttechnik
Und was heißt da Klo? Die weißglänzende Toilette, auf der der Sohn vorbildlich aufrecht sitzt, ist ein Wunderwerk der Aborttechnik. Das Beste und Neueste, was Japans weltweit führende Sanitärindustrie für das kleine und große Geschäft aktuell zu bieten hat. Das WC wird smart und digital. Sogar Gewicht, Form und Farbe des Stuhlgangs werden analysiert und in einer App ausgewertet.
Die Beraterin im blauen Kostüm tritt an den sitzenden Kunden auf dem Spitzenmodell heran und beginnt mit der Präsentation.
Selbstverständlich kann das Hightech-Klo den Deckel automatisch und geräuschlos heben und senken, den Sitz auf mehreren Stufen wärmen, nach dem kleinen oder großen Geschäft Po und Genitalien mit warmem Wasser reinigen und anschließend trocken föhnen. Das ist noch nichts Besonderes, das können die günstigeren Dusch-WC-Modelle auch.
Das Spitzenmodell der Neorest-Serie kann aber noch viel mehr. Als Intro zum großen Geschäft besprüht der Kloapparat die Schüssel mit einem feinen Wassernebel, dem sogenannten „Premist“. Damit wird das Anhaften von Schmutz verhindert. Das Klo desinfiziert Becken, Düsen und Sitz mit ionisiertem Wasser vor und nach jedem Toilettengang und immer mal wieder während des gesamten Tages, damit Urin und Bakterien keine Zeit haben, gelbe Flecken zu fabrizieren.
Die Klo-Software lernt die typische tägliche Nutzungsdauer und aktiviert sich etwa eine Stunde vor der Benutzung. Während des Stuhlgangs saugt es Gerüche ab, Ammoniak und Trimethylamin werden in einer Geruchsfilterkartusche neutralisiert.
Toilette reinigt mit „Air-in-Wonder-Wave-Washing“
Die Po-Dusche, im Verkaufsprospekt „Air-In-Wonder-Wave Washing“ genannt, erzeugt einen warmen Strahl mit Wassertropfen in drei Größen. Eingesprühte Luft vergrößert die Tropfen um etwa 35 Prozent. So fühlen sie sich warm und weich an. Die Waschdüse bewegt sich hin und her, der Wasserdruck kann variiert werden, und der Strahl kann millimetergenau in die richtige Position gefahren werden.
Frauen wird empfohlen, während der Menstruation zusätzlich die Frontdusche mit „Sprühnebel“ für eine besonders schonende Reinigung zu aktivieren.
Alle Funktionen werden über eine Fernbedienung gesteuert, die neben der Toilette abnehmbar in einer eleganten Halterung an der Wand befestigt ist. Die Klo-Beraterin ist sehr stolz auf die besondere Innenfläche der Toilettenschüssel. Sie ist extrem glatt. Dafür wird bei 1200 Grad Celsius eine ein Millionstel Millimeter dünne Glasschicht aufgebracht.
Jetzt erklärt sie die neueste Funktion: In dem Moment, in dem die Fäzes ins Klo fallen, erfolgen drei Messungen: die Menge in drei Gewichtsklassen, die Farbe von dunkel bis hell, die Beschaffenheit in sieben Kategorien von flüssig über zäh bis klumpig. Der Kot-Scanner ist neben der Wasserdüse hinten im Becken installiert. Die Ergebnisse werden dem Nutzer in einer App auf seinem Smartphone angezeigt, inklusive Ernährungs- und Gesundheitstipps.
Der Kot wird gescannt, eine App gibt Ernährungstipps
Diese smarte Funktion ist der Einstieg in den Wellness-, Fitness- und Gesundheitsmarkt für die Toilettenhersteller. Neben der Firma Toto arbeiten auch die meisten anderen großen Hersteller an ähnlichen Produkten. Bei einer rasch alternden Bevölkerung in den Industriestaaten soll das smarte Klo die heimischen Badezimmer und die Toiletten in Krankenhäusern und Pflegeheimen erobern. Als nächster Entwicklungsschritt gilt die Toilette, die in Echtzeit Urin und Stuhl medizinisch verlässlich untersuchen kann.
Im Showroom wird jetzt die Spülung präsentiert. Das Wasser schießt aber nicht mit viel Druck aus zig kleinen Öffnungen im Schüsselrand wie bei alten Modellen, es kommt als gurgelnder Wasserschwall daher, der sich wie ein kleiner Tornado von oben nach unten durch die spülrandlose Schüssel dreht. Der Vorgang startet automatisch. Das Klo erkennt, ob die Sitzung beendet ist und ob eine große oder kleine Menge weggespült werden muss.
Die Beratung ist nach einer Stunde zu Ende. Die Familie braucht noch ein wenig Bedenkzeit. Opa empfindet die Stuhlgang-App als überflüssig, sein Sohn hätte sie gern. Die Klo-Beraterin verneigt sich, tritt diskret zur Seite und lässt den Familienrat tagen.
Sind die Deutschen reif für japanische Hightech-Toiletten?
Die Hightech-Toilette verkauft Toto derzeit nur in Japan. Der große Rest der Welt muss noch ein wenig warten. Marketing-Managerin Anja Giersiepen sagt, die Deutschen seien noch nicht ganz so weit, aber auf dem Weg. Auch in Japan habe es Jahre gedauert, bis sich das Washlet, so nennen sie bei Toto das Dusch-WC, durchgesetzt hat. In Japan werden Toiletten mit Gesäßdusche seit 1980 verkauft. Bis heute hat Toto davon 70 Millionen Stück weltweit verkauft.
Die größte Herausforderung auf dem deutschen und europäischen Markt habe darin bestanden, sagt Giersiepen, das Konzept der Reinigung mit warmem Wasser einzuführen, das nahezu unbekannt war. Toto profitiere aber auch „vom Japan-Hype“. Japan entwickle sich zu einem immer beliebteren Reiseziel für Europäer und Deutsche gleichermaßen. In Restaurants, Hotels oder im Shinkansen können erste Erfahrungen mit den Po-Duschen gemacht werden. Reisen bildet.
In Japan haben etwa 80 Prozent der Haushalte ein Wasch-WC. Mehr noch: Japan stieg weltweit zum Land mit den schönsten und saubersten Toiletten auf. Wer beim Shopping, am Bahnhof, im Zug, auf dem Spielplatz oder im Park aufs Klo muss, findet immer ein modernes, sauberes und kostenloses Klo. Oft mit der Zusatzfunktion „Klangprinzessin“. Setzt man sich darauf, ertönt Musik oder das Rauschen eines Wasserfalls, sodass Klogeräusche überspielt werden und niemanden in der Nebenkabine stören.
Im Yoyogi-Park in Tokio geht in diesen Tagen die Kirschblüte zu Ende. An einem einzigen Tag spazieren Zehntausende Menschen durch die Grünanlage, Hunderte sitzen auf Decken und picknicken im Schatten der Bäume. Aber nicht ein einziger Mann schlägt sich zum Pinkeln in die Büsche. Sogar im Park gibt es saubere Toiletten mit Dusch-WC. In jeder Kabine liegen sogar mehrere Rollen Klopapier bereit. Kein Papier gammelt auf dem Boden. Die Waschbecken im Vorraum sind nicht blitzblank, aber sauber. Zum Abtrocknen der Hände bringen die Parkbesucher eigene Tücher mit. In den Toilettenhäuschen gibt es keine Abfallkörbe. Man nimmt seinen Müll mit. An den Ausgängen des Parks stehen sechs große Behälter, in die unter den Augen eines uniformierten Grünanlagenbeauftragten der Müll sortenrein abgegeben werden kann.
Die Japaner sind stolz auf ihre sauberen Klos. Zu den Olympischen Sommerspielen, die wegen der Corona-Pandemie von 2020 auf 2021 verschoben wurden, beauftragte die Nippon Foundation 16 renommierte Architekten und Designer damit, 17 öffentliche Klohäuschen zu entwerfen. Das Tokyo Toilet Projekt wurde ein weltweiter PR-Erfolg. Selbst internationale Architekturmagazine berichteten hymnisch über die stillen Örtchen in Tokio.
Mehrstündige Toiletten-Touren für Touristen
Regisseur Wim Wenders drehte sogar einen Film über einen glücklichen Toilettenmann, der einige der neuen Klohäuschen reinigt. Die Klo-Nummer war kein schneller PR-Gag. Die öffentlichen Toiletten gibt es heute noch. Für Touristen aus unterentwickelten Klo-Ländern werden sogar mehrstündige Toiletten-Touren mit Shuttlebussen für umgerechnet 25 Euro angeboten.
Ein besonders hübsches öffentliches WC aus bunten Glaswänden des Architekten Shigeru Ban steht in einem Wohnviertel am Yoyogi-Park neben einem Kinderspielplatz und einem Baseballfeld mit Kunstrasen. Nachmittags ist hier viel los. Ist eine Kabine frei, sind die Glaswände transparent, man kann also sehen, wie es drinnen aussieht. Wird der Riegel auf „besetzt“ gestellt, trübt sich das Glas milchig und blickdicht ein. Und nachts leuchtet das Klo wie eine bunte Laterne.
Warum sind Toiletten in Japan so schön? Es gibt mindestens zwei Erklärungen. Die erste ist profan: Saubere Klos locken Kunden und Touristen, sind also gut fürs Geschäft. Die zweite Deutung ist weniger profan. Im japanischen Volksglauben, den die Staatsreligion Shinto und der Buddhismus geprägt haben, lebt auf jeder Toilette ein Toilettengott. Deshalb müsse man das WC sauber halten – und vor dem Betreten husten, damit sich der Gott verstecken kann.
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