Masoud Rezai lächelt, als er den schmalen Spiegelschrank ins Wohnzimmer trägt und neben die beiden anderen stellt, die dort bereits stehen. Der Schrank soll später wieder im Badezimmer hängen, sobald es komplett umgebaut ist. Auch Bianka Gerdes-Zimmerman ist froh, dass es nun endlich losgeht. Drei bis vier Wochen lang soll der Umbau des Sanitärbereichs ihrer Eigentumswohnung im Hamburger Stadtteil Eppendorf dauern, in der sie mit ihrem Mann Horst lebt.
Seit einem Schlaganfall sitzt der 81-Jährige, der als selbstständiger Kaufmann mit Teppichböden und anderen Wohntextilien gehandelt hat, im Rollstuhl. Zwar kamen er und seine Frau auch bislang mit dem alten Badezimmer zurecht, aber: „Wir wollen für die Zukunft vorbereitet sein“, sagt Gerdes-Zimmermann. Denn eines, da sind sich die beiden einig, wollen sie auf keinen Fall: in ein Pflegeheim.
Eigenes Zuhause statt Pflegeheim
Der Umbau des Badezimmers ist dafür ein wichtiger Baustein. Die Badewanne und die Dusche mit Einstiegskante sollen dafür weichen. Razai montiert die alten Armaturen ab und legt sie in einen Eimer. Heute ist auch sein Kollege Mahdi Ebrahimi auf der Baustelle. Er klopft an die mit kleinen weißen und dunkelblauen Kacheln bedeckte Leichtbauwand der Duschnische: „Die kommt weg, und dann haben wir auch richtig Platz für die neue ebenerdige Dusche.“
„Besser zuhause“ steht auf Rezais Sweater. So heißt die Firma, für die beide arbeiten. Gegründet hat das Unternehmen, das sich auf altersgerechtes Umbauen spezialisiert hat, Leif Lewinski vor sechs Jahren. Da war der Firmenchef gerade einmal 29 Jahre alt. Nach dem BWL-Studium hat er zunächst für eine Unternehmensberatung und Agentur gearbeitet, bevor er beschloss, etwas Eigenes aufzubauen. „‘Warum machst du so etwas mit alten Leuten?‘, wurde ich damals oft gefragt.“ Auf der Suche nach einem zukunftsträchtigen Geschäftsfeld war ihm schnell klar geworden: In einer alternden Gesellschaft wird alles, was mit Senioren zu tun hat, immer wichtiger. Zudem werden Plätze in Pflegeheimen immer teurer und rarer. „Allein im vergangenen Jahr haben einige Heime in Hamburg geschlossen, aber nur zwei Prozent der Wohnungen in Deutschland sind altersgerecht – da musste ich etwas machen“, sagt Lewinski. Er selbst hat bei seinem Opa miterlebt, was es bedeutet, nach einem Schlaganfall zu Hause nicht mehr zurechtzukommen.
Altersgerechtes Wohnen: Geschäftsmodell mit Zukunft
Einer der Mitgründer von "Besser zuhause“ ist Joscha Langhans, den Lewsinki schon seit dem Kindergarten kennt. Als Handwerksmeister steuert er die technische Expertise für die Umbauten bei. Neben Hamburg hat das Unternehmen inzwischen Zweigstellen in Hannover, Bremen und Berlin.
Natürlich will Lewinski mit seiner Firma auch Geld verdienen, aber das sei nur eine Seite des Dreiecks, auf dem sein Geschäftsmodell basiert: „Auf der einen Seite sind die Wünsche des Kunden, auf der zweiten die technischen Möglichkeiten und auf der dritten die Kosten.“ Etwa zwei Drittel seiner Kunden sind nicht so gut situiert wie Bianka Gerdes-Zimmermann und ihr Mann. Viele Senioren haben nur eine karge Rente und Sorge, dass sie sich einen Umbau überhaupt nicht leisten können.
Förderung optimal nutzen
Auf Lewinskis Firmenwagen prangt in leuchtend Gelb die Lösung des vermeintlichen Dilemmas: „Nutzen Sie ihren Anspruch auf bis zu 4000 Euro Zuschuss“, steht da geschrieben. „Wir haben uns intensiv damit beschäftigt, welche Fördergelder und Zuschüsse es für seniorengerechtes Umbauen gibt“, sagt Lewinski, „zum Beispiel von der Pflegekasse und der KfW.“ Damit lassen sich in den meisten Fällen schon grundlegende Änderungen vornehmen. Eines der größten Hemmnisse ist die in viele Wohnungen standardmäßig eingebaute Badewanne oder Dusche mit hohem Einstieg. Selbst mit Haltegriffen an der Wand können viele Senioren diese nicht mehr nutzen. Aber auch die manchmal vorhandenen Duschen sind oftmals keine Alternative. „Ist der Einstieg zu hoch, werden Wannen oder Duschen zur Stolperfalle oder zum unerreichbaren Ziel für einen Großteil unseres Klientels. Daher kämpfen wir um jeden Millimeter!“, sagt Lewinski.
„Ich war so glücklich, als ich endlich wieder duschen konnte“, sagt Barbara Schönau, die in der Folge eines Arbeitsunfalls ein Bein verloren hat. Beim Umbau des Badezimmers in ihrer Mietwohnung haben die Mitarbeiter von Besser zuhause auch gleich den Durchgang zum Badezimmer verbreitert, durch den nun problemlos der Rollstuhl passt.
Wohnungseigentümer sind hingegen nicht immer so glücklich, wenn sich ihre Mieter einen seniorengerechten Umbau ihres Sanitärbereichs wünschen. Denn für eine mit einer Badewanne ausgestattete Wohnung können die Vermieter grundsätzlich eine höhere Miete verlangen, als wenn diese nur mit einer Dusche ausgestattet ist.
Wenn sich die Familie nicht einig wird
Wohnungsbaugenossenschaften sind von den Umbaumaßnahmen leichter zu überzeugen als viele private Eigentümer, weiß Maren Berndt. Sie ist Beraterin bei Besser zuhause und vermittelt oft zwischen den Mietern und Vermietern. Manchmal moderiert sie auch innerfamiliäre Konflikte, etwa wenn sich Eltern und Kinder oder die Geschwisterkinder untereinander nicht einigen können, was denn jetzt zu geschehen habe. „Das Thema ist oft sehr sensibel“, weiß Berendt. Der seniorengerechte Umbau fällt in eine Lebensphase voller, oft auch unangenehmer Gewissheiten. Vieles geht aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr so wie früher, und Altbekanntes zu verändern, fällt den Beteiligten oft schwer. Das betrifft auch Menschen mit eigener Immobilie. Wer sich vor Jahrzehnten den Traum vom eigenen Heim erfüllt hat, scheut sich davor, es im Alter umzubauen. „Manchmal brauchen die Beteiligten einfach nur einen kleinen Schubs. Letztlich sind dann die meisten froh, wenn alles fertig ist“, sagt Berndt.
Vor allem hilft sie den Kunden dabei, Förderanträge zu stellen. „Viele ältere Menschen scheuen den bürokratischen Aufwand oder schämen sich, finanzielle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ich helfe ihnen dann bei den Anträgen“, sagt Berndt.
Bei Kunden mit schmalem Budget schaut Lewinski nicht auf den letzten Euro, und seine Handwerker übernehmen auch mal kleine Gefälligkeiten. „Wir hängen dann schon mal einen Vorhang wieder auf oder schließen eine Lampe wieder an“, sagt Baustellenleiter Ebrahimi. Solches Fingerspitzengefühl im Umgang mit den betagten Kunden ist für Lewinski essenziell: „Freundlichkeit steht an erster Stelle.“
Keine Kompromisse im Umgang mit Mitarbeitern
Umgekehrt stellt er sich auch mit breiter Brust vor seine Mitarbeiter, falls es nötig sein sollte. Zum Beispiel als einer von ihnen von einem Auftraggeber immer wieder rassistisch beleidigt wurde. „Ich habe den Mann vor die Wahl gestellt: ‚Entweder Sie setzen sich in die Küche und lassen meine Mitarbeiter in Ruhe, oder wir verlassen Ihre Wohnung, ohne ein neues Badezimmer eingebaut zu haben.‘“
Bianka Gerdes-Zimmermann ist hingegen gegenüber den Handwerkern voll des Lobes: „Herr Ebrahimi ist so nett und fleißig.“ Und falls sie und ihr Mann doch mal Sehnsucht nach den Kacheln ihres alten Badezimmers bekommen sollten: In der Gästetoilette kleben sie noch an der Wand.
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