Der Bundesrat berät über eine Zuckersteuer in Deutschland, um Übergewicht und chronischen Krankheiten vorzubeugen. Forschende erklären, ob das eine gute Idee wäre.

Am Freitag dürfte es im Bundesrat hitzig zugehen: Dann will Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther mit seinem CDU-Landesverband einen Vorstoß für eine Zuckersteuer auf Getränke einbringen. Das Gesetzesvorhaben soll Anreize für Unternehmen setzen, den Zuckergehalt in Erfrischungsgetränken zu reduzieren.

Hintergrund sind die Gesundheitsrisiken durch übermäßigen Konsum von Limonaden und Cola-Getränken. 63 Liter pro Jahr trinkt der Durchschnittsbundesbürger, wie auf dem Datenportal Statista zu lesen ist. Softdrinks sind laut Weltgesundheitsorganisation, Beobachtungsstudien und ärztlichen Fachgesellschaften ein Haupttreiber hinter Karies, Übergewicht und Adipositas, insbesondere unter Kindern und Jugendlichen.

CDU will keine Zuckersteuer

Doch Industrie, Bundesregierung und weite Teile der CDU blocken eine Abgabe auf gezuckerte Produkte bislang energisch ab. Erst im Februar war Ministerpräsident Günther mit seiner Initiative auf dem CDU-Parteitag gescheitert. „Bevormundungspolitik“ hielt ihm die stellvertretende CDU-Generalsekretärin Christina Stumpp vor, auch andere Parteikollegen gingen auf Distanz. Man glaube an den „mündigen“ Bürger, der in der Lage sei, selbst für sich Verantwortung zu übernehmen. Eine nette Idee.

Doch wissenschaftlich betrachtet gilt dieser Ansatz in Bezug auf Ernährung und Übergewicht längst als krachend gescheitert. Keinem Diätprogramm und keiner Informationskampagne ist es in den vergangenen Jahrzehnten nachweislich gelungen, die dramatisch hohen Raten von Übergewicht und Adipositas auch nur ansatzweise zu senken – schon gar nicht auf Dauer. 

Schon lange gilt mehr als die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland als zu dick. Unter Kindern und Jugendlichen von fünf bis 19 Jahren sind laut Kinderhilfswerk Unicef 25 Prozent übergewichtig und neun Prozent adipös oder fettleibig. Auffallend oft trifft es nach Daten des Robert Koch-Instituts Kinder aus einkommensschwachen Familien. Und aus dicken Kindern werden viel zu häufig kranke Erwachsene mit Herz- und Gefäßleiden, Diabetes, Arthrose oder Krebs.

Zusammenhang zwischen Zucker und Übergewicht

Besonders eng ist Übergewicht mit dem reichlichen Verzehr eines Lebensmittels assoziiert: Zucker. Daher fordern Verbraucherschützer und Ärzteorganisationen wie die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin und der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte schon länger eine Besteuerung gezuckerter Lebensmittel. 

Dahinter steckt die schmerzliche Einsicht, dass es für viele Menschen fast unmöglich ist, ihren Zuckerkonsum aus eigener Kraft in den Griff zu bekommen – ein Grund, weshalb Menschen oft beim Abnehmen scheitern und gute Ernährungsratschläge oft so wenig fruchten. Wer schon einmal selbst versucht hat, konsequent auf Süßes zu verzichten, weiß, wie viel Kraft das kostet und wie schnell man fast automatisch wieder zu Schokolade oder Cola greift.

Das Prinzip Aufklärung erscheine ihm bei Zucker zwar plausibel, aber auch naiv, erklärt Marc Tittgemeyer bei einem Pressebriefing des Science Media Center Germany. Er ist Arbeitsgruppenleiter und untersucht neuronale Prozesse am Kölner Max-Planck-Institut für Stoffwechselforschung. „Selbstverantwortung greift bei Menschen, die sich gut ernähren, nicht massiv übergewichtig sind, sich nicht auf viele Süßgetränke einlassen und so weiter“, sagt der Physiker und Neurowissenschaftler. 

Doch bei Menschen mit Adipositas sind Stoffwechsel und Sättigungsgefühl oft dramatisch entgleist. Die Biologie unseres Körpers treibt uns dann dazu, immer mehr zu essen. „Irgendwann essen wir, weil wir adipös sind. Dann greifen die Prinzipien der Selbstverantwortung und des freien Willens nicht mehr“, so Tittgemeyer.

Unser Gehirn giert nach Zucker

Ein Grund dafür liegt in der Evolution des Gehirns: Es ist darauf trainiert, sich möglichst viel Zucker und andere Kohlenhydrate zu verschaffen, die schnell Energie liefern. Im Belohnungszentrum des Gehirns triggert Zucker suchtähnliche Mechanismen, die dazu führen, dass wir am liebsten immer mehr Süßes essen würden. 

In einer Studie am Max-Planck-Institut für Stoffwechselforschung erhielten Probanden acht Wochen lang zusätzlich zu ihrer normalen Ernährung jeden Tag einen süßen Pudding. Schon nach kurzer Zeit war ihr Belohnungszentrum hyperaktiv. Zucker verändert offenbar die Vernetzung der Neuronen im Gehirn und senkt die Empfindlichkeit der Zellen für Zucker.

„Das bedeutet, dass ich, um ein bestimmtes Niveau zu halten, immer mehr brauche“, sagt Marc Tittgemeyer. Je mehr Zucker wir essen, desto schlimmer wird die Süßlust und desto mehr Zucker essen wir – ein Teufelskreis, der oft in Übergewicht mündet. Tittgemeyer sieht daher auch in einer Zuckersteuer ein mögliches Instrument im ansonsten fast aussichtslosen Kampf gegen Adipositas: „Wir sind in einer verzweifelten Lage und müssen anfangen, wirklich sehr ernsthaft auch mal über unangenehme Maßnahmen nachzudenken.“

Eine Zuckersteuer erreicht alle Bevölkerungsgruppen

Besonders schwierig umzusetzen ist gesunde Ernährung für Menschen mit wenig Geld und niedriger Bildung. Um auch sie zu erreichen, fordern Ärztinnen oder Verbraucherschützer schon lange, die Politik solle sich mehr für gesündere Lebensverhältnisse engagieren, statt zu versuchen, das Verhalten des einzelnen Bürgers zu ändern. Verhältnis- statt Verhaltensprävention nennen Forscher diesen Ansatz, der neben gesundem Kita- und Schulessen auch mehr Spiel- und Sportplätze, Werbebeschränkungen für ungesunde Lebensmittel oder eben eine Zuckersteuer umfasst.

Blutzucker-Tracking "Man hat den Zucker lange sträflich unterschätzt"

„Wenn Sie etwas besteuern, erreichen Sie jede Bevölkerungsgruppe“, sagt Sarah Forberger vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen. Zwar muss eine Steuer sozial gerecht ausgestaltet sein, damit sie einkommensschwache Gruppen nicht übermäßig belastet. „Andererseits ist das die Gruppe, die am meisten profitieren würde, wenn sie weniger kauft“, so Forberger. Man könne auch gegensteuern, etwa, indem man zusätzliche Einnahmen aus der Zuckersteuer gezielt dafür einsetze, gesundes Essen wie Obst und Gemüse erschwinglicher zu machen.

Mehr als 100 Länder weltweit erheben Abgaben auf Zucker

Inzwischen haben mehr als 100 Länder weltweit Zuckersteuern oder ähnliche Abgaben eingeführt. Vorbild für eine deutsche Regelung könnte die Zuckersteuer in Großbritannien sein, wo Produzenten für Getränke mit mehr als fünf Gramm Zucker pro 100 Milliliter eine Abgabe von 19,4 Pence (22 Eurocent) pro Liter entrichten müssen. Für Produkte ab acht Gramm Zucker pro 100 Milliliter werden sogar 25,9 Pence (30 Cent) pro Liter fällig. Die Hersteller stellten sich schnell darauf ein, der Zuckergehalt britischer Limonade liegt inzwischen weit unter dem deutscher Softdrinks.

Auch der Zuckerkonsum pro Kopf ist gesunken, laut einer Studie der Universität Oxford um ein Drittel, das heißt um 4,6 Gramm pro Kopf und Tag. Inzwischen belegen erste Daten, dass sogar der scheinbar unaufhaltsame Anstieg der Adipositas-Raten bei Kindern sich verlangsamt hat, zumindest bei Mädchen – ein Teilerfolg der Zuckersteuer.

Eine Zuckersteuer nach britischem Vorbild könnte wirken

Dass eine solche Abgabe auch in Deutschland funktionieren könnte, belegte vor einiger Zeit eine Modellierungsstudie unter Federführung der Technischen Universität München. Die Forscher verglichen mehrere Szenarien einer Zuckersteuer, unter anderem die gestaffelte Herstellerabgabe für Getränke nach britischem Vorbild. Den zu erwartenden Zuckerspareffekt verrechneten sie mit Gesundheitsdaten aus Deutschland. „Wir haben gezeigt, dass die Steuer nach britischem Vorbild im Durchschnitt zu circa zwei bis drei Gramm weniger Zuckerkonsum pro Tag aus diesen Getränken führen könnte – und dass das langfristig über zwanzig Jahre circa 250.000 Diabetesfälle verhindern könnte“, sagt Karl Emmert-Fees von der TU München, einer der Autoren der Studie.

Kosten von schätzungsweise 16 Milliarden Euro ließen sich so einsparen: im Gesundheitssystem, weil weniger Folgekrankheiten von Übergewicht und Adipositas behandelt werden müssten, aber vor allem weil die Produktivität steigen würde, wenn Menschen seltener krank sind und länger arbeiten können. „Es spricht meiner Ansicht nach wirklich nichts dagegen, zuckergesüßte Getränke zu besteuern“, sagt Emmert-Fees. Überlegen müsse man, wie man die richtigen Anreize setze in einem Ernährungssystem, damit es einfacher sei für die Menschen, sich gesünder zu ernähren als ungesund. „Ich glaube, das ist die Herausforderung, vor der wir stehen. Eine Besteuerung von zuckergesüßten Getränken kann der wichtige erste Schritt sein in die Richtung.“

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