Daniel Günther hat es vorgelebt: Medizinische Sinnhaftigkeit und ethische Verantwortung, gepaart mit ökonomischer Effizienz, treffen auf gelebte Demokratie. Wie wohltuend in diesen Zeiten. Auch wenn es nur um Medizin geht, nur um vermeintlich langweilige Prävention. Diejenigen, die zehn Jahre oder gar Jahrzehnte weiterdenken können, sehen klar vor sich, worum es geht: um mehr Lebensjahre in Gesundheit und Lebensfreude, gerade für diejenigen, die nicht zur wirtschaftlichen und sozialen Elite unseres Landes gehören.
Für die eigene Überzeugung einzustehen, auch wenn die eigene Partei andere Interessen in den Vordergrund rückt. Das ist gelebte Demokratie. Worum geht es? Herz-Kreislauf-Erkrankungen stellen mit Abstand die häufigste Todesursache dar. Herzinfarkt, Herzschwäche, Herzklappenerkrankungen und Herzrhythmusstörungen führen alle Krankheitsstatistiken an – in Deutschland, in Europa und inzwischen auch global.
Da hält auch Covid nicht mit, keine Infektion, keine übertragbare Erkrankung. Die einfachen wie die komplexen Behandlungen am Herzen – seien sie berechtigt oder in hoffentlich nur seltenen Fällen auch ökonomisch motiviert – tragen erheblich zu den Gesundheitskosten pro Kopf in Deutschland bei. Innerhalb der EU lag Deutschland 2023 bei den Pro-Kopf-Gesundheitsausgaben an der Spitze.
Kathetergestützt oder chirurgisch behandelte Herzklappen, Schrittmacher und Defibrillatoren, Stents und katheterbasierte Therapien von Herzrhythmusstörungen, Bypässe, Kunstherzen und Transplantationen, aufwändige Intensivtherapie nach Reanimation und rehabilitative Maßnahmen nach Herzinfarkt oder größeren geplanten Operationen: Unser Gesundheitssystem erlaubt im Gegensatz zu den allermeisten Ländern dieser Erde all dies – und zwar sofort. Das ist gut so. Es ist eine enorme Errungenschaft. Danke, Staat!
Umso mehr tragen wir Verantwortung, mit dieser Errungenschaft sorgsam umzugehen. Und das bedeutet zweierlei: Alles dafür zu tun, das Auftreten der Herzerkrankungen zu verhindern – man nennt es Prävention – und zu verstehen, was unsere Therapien wirklich bewirken – man nennt es strukturierte digitale Datenerfassung und Nachbeobachtung im Einklang mit dem notwendigen Datenschutz, oder neuerdings kurz: das Nationale Herznetz. Unser System stellt die „Reparatur“ in den Vordergrund. Horrende Summen werden für katheterbasierte Interventionen und Operationen gezahlt.
Es hilft, vernünftig zu regulieren
Das „Global Cardiovascular Risk Consortium“ zeigt: Mehr als die Hälfte aller Herzerkrankungen sind gerade auch in Deutschland vermeidbar, wenn wir die Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Blutzucker und Blutfette – das deadly Triple B, unsere Gesundheitsministerin hat es klar formuliert – zuverlässig erkennen, ihnen mit Verhaltensänderung entgegenwirken und sie medikamentös konsequent behandeln. Das führt zur Reduktion von Übergewicht, ganz ohne Abnehmspritze. Und würden dann noch die 25 Prozent Raucherinnen und Raucher zu Nichtraucherinnen und Nichtrauchern, gewännen Frauen und Männer in der Mitte ihres Lebens über eine Dekade an krankheitsfreier Lebenszeit.
Damit komme ich auf den Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein, Daniel Günther, zurück. Die Zuckersteuer anzuheben und mit einer klugen Werbestrategie zu verbinden, so wie es das Vereinigte Königreich uns in Europa vormacht, rettet Leben. Und spart langfristig Geld. Und wenn dann noch die nikotinhaltigen Suchtmittel steuerlich angepasst mit einem Preis versehen werden, der in anderen Ländern wie Australien, Irland oder Skandinavien üblich ist, ja, wenn wir auch hier nur das europäische Mittelfeld erreichen würden, dann verbietet der Staat nichts.
Nein, er hilft, vernünftig zu regulieren, und kommt schlicht seiner Fürsorgepflicht nach. Der sogenannte „EU Safe Hearts Plan“ schlägt all diese Maßnahmen vor, als Teil des Programms „Früherkennung, Prävention und gerechter Versorgung von Herzerkrankungen“. Er empfiehlt den Nationen Europas, es gemeinsam umzusetzen und fordert sie auf, die Vorschläge individuell umzusetzen. Ein Traum, wenn es gelingt. Und manche Träume werden wahr, wenn man lange genug für sie kämpft.
Wobei wir bei Träumen angekommen sind, die soeben Realität wurden. Neben der Prävention müssen wir ein zweites Thema in den Vordergrund rücken: die Beobachtung dessen, was wir tun. Raus aus dem Motto „Denn Sie wissen nicht, was daraus wird“, hin zu datengetriebener, strukturierter Analyse. Wir müssen verstehen, ob alle herzmedizinischen Maßnahmen wirklich Erfolg bringen, ob die Qualität unseres medizinischen Handelns stimmt und wie wir am besten vorbeugen.
All dies wird durch ein neues, national einheitliches Vorgehen ermöglicht: das Nationale Herznetz. Danke, Friede Springer Stiftung! Wenn sich konsequente Prävention mit der notwendigen und dabei besten medizinischen Therapie paart, leben wir in gesunder Qualität länger und sparen unseren Sozialsystemen Geld. Die EU spielt den Steilpass, der Ball liegt auf dem Elfmeterpunkt. Tritt Deutschland an?
Stefan Blankenberg ist Klinikdirektor und ärztlicher Leiter des Universitären Herz- und Gefäßzentrums (UHZ) am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf sowie Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung e. V. (DGK). Sein Gastbeitrag erscheint im Rahmen des BILD-Herz-Gipfels 2026 (gehört wie WELT AM SONNTAG zu Axel Springer), der am 17. März in Berlin stattfand, unter der wissenschaftlichen Leitung von Professor Ulf Landmesser, Direktor des Friede Springer – Cardiovascular Prevention Centers @Charité.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke