Die Scheidung als Exit-Option bei anhaltenden Eheproblemen ist längst kein Tabu mehr. Rund ein Viertel aller Kinder in Deutschland erlebt bis zum mittleren und späten Jugendalter eine Scheidung ihrer Eltern. Zwar nahmen die Scheidungsraten in den vergangenen zwanzig Jahren wieder leicht ab. Demgegenüber steht jedoch eine zunehmende Zahl unverheirateter Elternpaare, mit deutlich weniger untersuchten Trennungsraten.

Eine Scheidung hat langfristige Auswirkungen auf die Kinder, welche die Trennung ihrer Eltern durchleben. Eine aktuelle Studie aus den Niederlanden kommt zu dem Schluss: Scheidungskinder bekommen im späteren Leben selbst weniger Nachkommen, als wenn die Eltern verheiratet geblieben wären.

Die Studie der Forschergruppe um die italienische Wissenschaftlerin Silvia Pamaccio erschien am Dienstag im Fachjournal „Demography“. Ausgewertet wurden darin behördliche Bevölkerungsdaten der rund zwei Millionen Niederländer, die in den 1970er-Jahren geboren wurden. Ein ausschlaggebender Grund für die geringere Fertilität von Scheidungskindern könnte laut Studie sein, dass diese als Erwachsene selbst kürzere Partnerschaften haben.

Inwieweit die Ergebnisse aus den Niederlanden für Deutschland gelten, sei unklar, sagt Heike Trappe, Professorin für Soziologie und Familiendemografie an der Universität Rostock. Generell ließen sich Zusammenhänge aus Bevölkerungsstudien nicht einfach von einer Gesellschaft auf eine andere übertragen. Eine Überprüfung der Ergebnisse für den kulturellen Kontext in Deutschland wäre jedoch „durchaus interessant“.

Generell ist gut belegt, dass Scheidungen sich nachteilig auf die Entwicklung von betroffenen Kindern und Jugendlichen auswirken. Einer österreichischen Studie zufolge reduziert sich etwa deren Chance, einen Hochschulabschluss zu erreichen, um neun bis zehn Prozent. Speziell Jungen hätten zudem später schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt und eine höhere Sterblichkeit vor dem 25. Lebensjahr. Mädchen aus Scheidungshaushalten dagegen würden häufiger in jungen Jahren schwanger. Studien aus den USA belegen dieses Bild.

Scheidungskinder trennen sich häufiger von Partnern

Lange Zeit glaubte man in der Sozialforschung, diese Entwicklungen wären vorwiegend durch Stigmata und geringe soziale Akzeptanz von Scheidungen bedingt. Mit zunehmender Akzeptanz von Scheidungen hätten demnach die Folgen mit der Zeit weniger gravierend ausfallen müssen. Tatsächlich zeigten Studien aus den 80er-Jahren eine Milderung der negativen Auswirkungen auf Scheidungskinder. Seit den 90ern zeigen Untersuchungen jedoch wieder einen umgekehrten Trend.

Dabei ist die Bandbreite der Entwicklungsverläufe junger Menschen in Trennungsfamilien groß und hängt von der jeweiligen Familiensituation ab. Als einer der wesentlichen Gründe für die verminderten Zukunftschancen von Scheidungskindern gilt der Einbruch des Familieneinkommens. Durch die Trennung müssen häufig mehrere Haushalte finanziert werden, Arbeit und intensivere Betreuung unter einen Hut gebracht werden – und in vielen Fällen brechen Unterhaltszahlungen durch einen Elternteil ein.

Die aktuelle Studie ordne sich in soziodemografische Untersuchungen ein, sagt Bevölkerungsforscherin Heike Trappe. „Diese haben gezeigt, dass Kinder geschiedener Eltern häufig selbst ein höheres Trennungs- oder Scheidungsrisiko haben.“

Auch für Deutschland bestätige die Forschung dieses Bild. „Wissenschaftlich relevant“ werde die neue Studie primär dadurch, dass der Zusammenhang zur Fertilität bislang „wenig beachtet“ sei.

Die Methodik der aktuellen Studie zeichne sich durch eine „sorgfältige“ Analyse der Daten aus, sagt Trappe. In der aktuellen Studie wurde versucht, andere statistische Faktoren rigoros zu kontrollieren. Etwa der finanzielle Stand der Eltern oder ihr kultureller Hintergrund, unabhängig davon, ob sie sich scheiden ließen oder nicht. So konnte sauber verglichen werden, inwieweit das Erlebnis einer Scheidung der eigenen Eltern tatsächlich statistisch mit der späteren Kinderzahl zusammenhing.

Es zeigte sich, dass gerade Frauen durch ihr Alter zum Zeitpunkt der elterlichen Scheidung beeinflusst wurden. Je älter sie waren, desto weniger Kinder bekamen sie später selbst. Insgesamt bekamen weibliche Scheidungskinder im Laufe ihres Lebens etwa 5 Prozent weniger Kinder. Auch die Zahl der Frauen, die nicht einmal ein Kind bekamen, lag bei jenen mit geschiedenen Eltern um 2,3 Prozent höher.

Grundsätzlich wirkte sich eine Scheidung jedoch stärker auf die spätere Kinderzahl männlicher Scheidungskinder aus. Sie blieben sie um 6,1 Prozent häufiger kinderlos. Insgesamt bekamen Männer mit geschiedenen Eltern sogar 13 Prozent weniger Kinder.

Die Auswirkungen auf die Zahl des Nachwuchses waren damit bei Männern mehr als doppelt so groß, verglichen mit Frauen. Dieser Effekt korrespondiere jedoch mit der allgemeinen höheren Kinderlosigkeit unter Männern, sagte Heike Trappe.

Trotz dieser Ergebnisse ließe sich nicht sagen, dass Trennungen der Eltern pauschal mit niedrigeren Kinderwünschen zusammenhängen, sagt Martin Bujard. Er ist Forschungsdirektor für Familie und Fertilität am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. Stattdessen käme es darauf an, wie die Trennungen verlaufen.

Trennungen verliefen höchst unterschiedlich und in unterschiedlichem Ausmaß konfliktreich, sagt Bujard. So gäbe es in Scheidungsfamilien „teilweise destruktive dauerhafte Konflikte“ zwischen den Eltern. Jedoch bildeten sich „zunehmend“ auch Patchworkfamilien mit guter Kommunikation.

Entscheidend für den späteren eigenen Kinderwunsch der Scheidungskinder sseiendie Art der Kommunikation der Familie nach der Trennung sowie der Kontakt „zu beiden Elternteilen“.

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