Jean-Jacques Rousseau war der erste Denker, der dem Fortschrittsgedanken ebenso widersprach wie dem Glauben, die Natur ließe sich verbessern. Er plädierte dafür, von den „Wilden“ eine Moral zu lernen, in der nicht Besitz und Feindseligkeit zwischen den Besitzenden und den Habenichtsen dominieren. Eine praktische Wendung gab diesen Gedanken der Schotte und Jakobiner John Oswald, der in dem 1791 erschienenen Buch „The Cry of Nature“ forderte, sich den indischen Hindu zum Vorbild zu nehmen, der niemals Fleisch verzehre und keinem Lebewesen Leid antue.
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden vegetarische Vereine in Großbritannien, in Preußen wurde der „Verein für Freunde der natürlichen Lebensweise (Vegetarianer)“ gegründet. Es ging nur um die fleischfreie Ernährung; Eier und Milchprodukte wurden nicht kritisiert.
Die Parallele zu den Brahmanen, die ebenfalls kein Fleisch essen, aber Milch und Butter hoch schätzen, ist deutlich. Durch Fleischverzehr würden animalische Instinkte geweckt, die Lust auf Alkohol und Tabak, Sex und Gewalt. Die Vegetarier verstanden sich als Elite, die ein wirksames Mittel gegen das Gespenst der Degeneration entdeckt hat.
Im Glauben der Hindus gilt die pflanzliche Ernährung als rein, Fleisch hingegen als unrein. Die Kaste der Brahmanen unterscheidet sich so von niederen Kasten und Parias, die essen, was sie bekommen können. Gandhi, der dem Kastensystem kritisch gegenüberstand, aber selbst Brahmane war, versuchte als junger Mann, sich über dieses Gebot hinwegzusetzen. Er gab auf, als ihm übel wurde und er die Ziege in sich meckern hörte, deren Fleisch er gegessen hatte. In Hindustan sind bis heute politische Konflikte angesichts des respektlosen Umgangs mit der heiligen Kuh ebenso virulent wie in Pakistan Hasspredigten und Todesurteile angesichts des respektlosen Umgangs mit dem Propheten Mohammed.
Der blutige (und blutiger niedergeschlagene) Aufstand indischer Soldaten gegen die britische Kolonialmacht war durch die Einführung von Papierpatronen mitbedingt, die nach einem Gerücht mit einer Mischung aus Rindertalg und Schweineschmalz behandelt waren. Sie mussten zum Laden der Enfield-Gewehre aufgebissen werden und verletzten so die Werte gläubiger Hindus wie Muslime.
Wie Jugendliche zu Vegetariern werden
Jugendliche, die bisher gedankenlos Fleisch aßen, werden nach dem Besuch eines Schlachthofs für Tage, Wochen, manchmal auch für den Rest ihres Lebens Vegetarier. Auf das animalische Echo allein lässt sich eine solche Entscheidung nicht gründen; dazu ist es zu vielstimmig. Allerdings ist festzuhalten, dass Politiker dummes Zeug reden, die Fleischgenuss feiern und Veganer zu Spaßverderbern erklären. Die Wissenschaft ist auf der Seite einer pflanzlichen Ernährung.
Als ein Forscher Mitglieder einer afrikanischen Jägerkultur in einen Nationalpark mitnahm, waren diese begeistert von den Möglichkeiten, ihrer Beute derart nahezukommen. Es war für sie selbstverständlich, dass Tiere mühsam aufgespürt werden müssen.
Lange vor anderen Nutztieren wurde der Wolf nicht nur gezähmt, sondern auch zum Hund gezüchtet, der den menschlichen Jäger unterstützt und dafür einen Teil der Beute bekommt. So trat die Ambivalenz in das menschliche Leben, Tieren nahezukommen, sie zu pflegen wie die eigenen Kinder (denn es gibt nur ein emotionales Grundmodell für die Pflege der Hilflosen), für sie zu sorgen – und sie zu töten und zu essen. Als Carl Zuckmayer und seine Frau im amerikanischen Exil eine Farm in Vermont bewirtschafteten, wollten sie Schweine schlachten. Um die Verdrängung des Mitgefühls abzusichern, gaben sie Tieren, denen dieses Schicksal drohte, Namen wie Hitler und Goebbels.
Die Beziehung zu einem geliebten Haustier hat eine Vollkommenheit, die durchaus Neid auslösen kann. Ich bin einige Male der (männlichen) Fantasie begegnet, „wenn ich noch einmal auf die Welt komme, werde ich ein Hund / eine Katze von X (der Ehefrau)“. Der britische Schauspieler John Cleese antwortete auf die Frage nach einer Wiedergeburt: „Es wäre nett, wenn ich eine Katze in meinem eigenen Haushalt werden könnte.“
Das ist ein Scherz mit tieferer Bedeutung. Dem Tier wird das Animalische selbstverständlich verziehen, was im zwischenmenschlichen Kontakt nie einfach ist. In einem katzenfreundlichen Haushalt wird eine Katze nicht getadelt und nicht erzogen, man ist niemals von ihr enttäuscht oder mit ihr unzufrieden. Selbst in liebe- und respektvollen Beziehungen zwischen Menschen sind Kränkungen und Heimlichkeiten nahezu unvermeidlich. Die Fantasie, das Tier der Geliebten zu sein, nähert sich einer idealen, wortlosen Harmonie. Der zivilisierte Mensch strebt danach, sich und anderen Stärke zu beweisen. Der Schatten dieser Haltung ist die Sehnsucht, Verantwortung abzutreten, quasi in den Schoß der Mutter zurückzukehren.
Noch in einer zweiten, gar nicht mehr spielerischen Situation begegnet uns die Fantasie, Haustier eines geliebten Menschen zu sein, Autonomie und Verantwortung in Hingabe aufzulösen: wenn es darum geht, den Schritt aus einem nicht mehr heilbaren Elendszustand in den Tod zu ermöglichen. Ein Tier in dieser Situation zu erlösen, ist vor dem Gesetz in Ordnung und kann in gnädiger Liebe unkompliziert erledigt werden.
Dem Menschen wird das schwer gemacht. Ärzte dürfen eine ausdrückliche und einfühlbare Bitte, endlich sterben zu dürfen, nicht erfüllen.
Tiere sind die erste Liebe von Kindern und der letzte Halt von Erwachsenen. „Ich würde ja gern sterben“, erklärte mir eine 75-jährige, schwerhörige Frau im Vorgespräch für eine Therapie, „aber das kann ich meinem Hund nicht antun!“
Jede gute Beziehung, ob zu Pflanze, Tier oder Mensch, erhöht die Chancen, weitere gute Beziehungen zu finden; jede schlechte treibt in die Gegenrichtung. Therapeuten atmen auf, wenn sie erfahren, dass eine traumatisierte, mit einer Borderline-Diagnose belastete Person, beruflich gescheitert, von ihren Angehörigen im Unfrieden getrennt, stabil für ein Lebewesen sorgen kann. Der seelische Nutzen unserer Haustiere muss gegen die Einwände gewogen werden, auf einem von knappen Ressourcen geplagten Planeten hätten sie keinen Platz mehr. Klinikaufenthalte und chronische psychische Erkrankungen sind kostspieliger als Hundefutter und Katzenstreu.
Das Tier wird zum Trost
Freunde können uns verraten, Liebende gleichgültig, Beschenkte undankbar, Vertraute fremd werden. Die Fähigkeit, sich enttäuschen zu lassen, ohne zum Menschenfeind zu werden, hat Grenzen. Sobald sie erschöpft ist, wird das Tier zum Trost. Es verändert sich nur wenig, wir finden in ihm, was wir erwarten. „Wenn Sie sich einen Partner wünschen, der sich immer freut, sobald er Sie sieht, besorgen Sie sich einen Hund!“
Diese Freude entsteht in der Interaktion mit der Freude des Besitzers, der mit dem Tier auch sein eigenes Seelenleben beruhigen und überschaubar machen kann. Hunde sind zwar an und für sich vielschichtige Wesen, vor allem, wenn sie Erfahrungen mit Menschen gemacht haben, aber verglichen mit unsereinem doch gradlinig und überschaubar.
Als ich aufwuchs, war es auf dem Land in Niederbayern üblich, Kinder zu fragen: ‚Wem gherst du nachat?‘ Mich empörte das, irgendwo hatte ich den Gedanken gefunden, dass ein Mensch sich selbst gehört. Auch Tiere gehören uns nicht, sie gehören zu uns.
„Das sind keine Menschen, das sind Tiere“, wird über Verbrecher gesagt, jüngst über die Terroristen, die am 7. Oktober 2023 Israel überfielen. Wer so argumentiert, tut Tieren unrecht. Terror entspringt einer spezifisch menschlichen Eigenschaft: dem Rachebedürfnis. Es treibt zu Aggression über jedes Maß hinaus, oft um den Preis des eigenen Lebens.
Tiere handeln in der Regel zweckmäßig und weichen einem überflüssigen Kampf aus. Das gilt in kolonialistischen Kulturen als Feigheit. Soldaten müssen sich befehlen lassen, wer Feind ist und wann sie ihren Überlebenswillen opfern sollen. Kampfhunde sind von Menschen gezüchtet. In die freie Natur entlassen, würden sie aussterben – oder zurück zur „Vernunft“ der scheuen Wölfe kommen.
In der Idealisierung des Tiers wird die Kultur infrage gestellt: Sie verfeinert und verbessert den Menschen nicht, sie macht ihn unberechenbar, heimtückisch, treulos und verlogen. In der Entwertung des Tiers gilt im Grund das Gleiche: Wer Verbrecher „tierisch“ oder „bestialisch“ nennt, leugnet die Würde der Tiere. Er gibt die Fähigkeit auf, seinen Verstand zu benutzen. Er formt einen Popanz, den er auf seine Gegner projiziert.
Auch animalisch geprägte Schimpfworte wurzeln in einer narzisstischen Verblendung. In ihnen verbirgt sich die Kränkungsabwehr. Die Beleidiger sind entweder zu dumm (Esel, Zicke), die Vorzüge der Gekränkten zu erkennen, oder aber zu neidisch (Schlange, Ratte), sie zu würdigen.
Wer seinen Mitmenschen einen Esel nennt, möchte betonen, dass er auf jeden Fall klüger ist. In Wahrheit ist der Esel klüger. Er reagiert lieber gar nicht, als seine Kraft zu vergeuden. Ich habe mit großer Freude Berichte einer Kollegin gelesen, die Esel als Helfer nicht nur in der Psychotherapie, sondern auch im Coaching von Führungskräften einsetzt. Sie beschreibt sehr anschaulich, dass Esel über eine feine Beobachtungsgabe für soziale Signale verfügen.
Da ihre natürliche Umwelt die karge Steinwüste ist, verwandelt sich Verhalten, das als „störrisch“ beschrieben wird, in animalische Weisheit. Anders als das Pferd in der Prärie bleibt der Esel erst einmal stehen; hastiger Galopp würde seinen Knochen schlecht bekommen. Erst einmal schauen, prüfen, denken – das muss der gestresste Manager vom Esel lernen! Wie viel an animalischer Grazie uns Menschen das Geltungsbedürfnis kostet, hat Kleist in vielen Schattierungen beschrieben.
Tiere sind nicht nur ein unerreichtes Vorbild, was die von Eitelkeit freie Bewegung angeht. Sie sind auch Opfer der narzisstischen Bedürftigkeit des Menschen. Er tötet sie, um eine Trophäe zu gewinnen. Es gibt wenige Szenen, die der Tragikomödie des Menschen gegenüber der Tierwelt so prägnant Ausdruck verleihen wie das Wohnzimmer des Großwildjägers, geschmückt mit präparierten Totenschädeln. Oder, ich sah es in Südtirol: eine Doppelgarage, die Wände ein Wald von Reh- und Hirschgeweihen, darunter das SUV.
Der menschliche Narzissmus prägt nicht nur den Umgang mit wilden Tieren, die dem weit besser bewaffneten Jäger ein Zeichen seiner Triumphe überlassen müssen. Viele Haustiere leiden von Geburt an unter den Erwartungen ihrer Menschen. Das sind die sogenannten Qualzuchten, etwa Hunde mit kurzen Schnauzen, deren Atmung erschwert ist. Im Schnarchen und Keuchen von Mops, Boxer und Dogge manifestiert sich ein Aspekt des Unbehagens in der Kultur.
Ob nun ein Mensch den eigenen Auftritt durch ein schönes Tier eindrucksvoller gestaltet oder Eltern ihrem Kind eine Freude machen wollen: Animalische Gefährten sind der Mode und den Launen ihrer Besitzer ausgeliefert. Im guten Fall werden sie verhätschelt und auf eigenen Friedhöfen bestattet. Aber Moden wechseln, Kind und Eltern haben sich die Sache mit dem Tier ganz anders, viel schöner und leichter vorgestellt, irgendwann will man auch mal wieder eine Fernreise machen … Dann wird ein Tier abgeschafft, das keinen anderen Fehler gemacht hat, als aus dem Geltungsbedürfnis des Besitzers herauszufallen. Tierverrat ist juristisch gesehen kein Verbrechen. Aber schlimmer.
Wolfgang Schmidbauer, Jahrgang 1941, ist Psychoanalytiker und Therapeut. Der Text ist ein Auszug aus seinem neuen Buch „Das animalische Echo. Was wir von Tieren über unsere Gefühle lernen“, Reclam, 283 Seiten, 22 Euro.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke