Eltern empfinden mit der Zeit deutlich weniger Ekel. Das geht aus einer im „Scandinavian Journal of Psychology“ veröffentlichten Studie von Neurowissenschaftlern der Universität Bristol hervor. Demnach führt wiederholter Kontakt mit Windeln, Erbrochenem oder anderen Körperflüssigkeiten über eine längere Zeit zu einer Abschwächung der Ekelreaktion.

Für die Studie wertete das Team Fragebögen mit Selbstauskünften von 99 Eltern und 50 Nichteltern aus. Zudem führte es mit den Teilnehmern ein Experiment durch: Diese bewegten dabei auf einem Bildschirm einen Cursor über Bildpaare, die entweder neutrale oder ekelige Motive zeigten, darunter auch Fotos von verschmutzten Windeln. Wie stark jemand Ekel vermied, wurde unter anderem daran gemessen, wie kurz der Blick – beziehungsweise die Cursor-Verweildauer – auf den entsprechenden Bildern war.

Es zeigte sich, dass Kinderlose die Bilder von Körperausscheidungen deutlich stärker vermieden. Eltern hingegen reagierten anders – allerdings erst dann, wenn ihre Kinder bereits feste Nahrung zu sich nahmen.

Mütter und Väter von Babys nach der Stillzeit und im Kleinkindalter zeigten kaum noch Vermeidungsreaktionen, selbst bei Bildern von stark verschmutzten Windeln oder anderen Körperflüssigkeiten. Die Forscher machen daran ein deutlich verringertes Empfinden von Ekel fest, das durch die unvermeidbare Dauerbelastung im Alltag entstanden sein dürfte. Bemerkenswert: Die Abschwächung beschränkte sich nicht auf mit Kindern zusammenhängende Reize, sondern übertrug sich auch auf ganz andere Ekelreize.

Überraschender Befund bei Eltern von Säuglingen

Eltern, deren jüngstes Kind noch ausschließlich mit Milch ernährt wurde, reagierten ähnlich empfindlich wie Menschen ohne Kinder – selbst dann, wenn sie bereits ältere Kinder hatten. Dieses unerwartete Ergebnis deutet darauf hin, dass das sich Ekeln in der frühesten Phase der Elternschaft noch aufrechterhalten bleibt und sich dann – zumindest für eine Zeit lang – abschwächt.

Die Forscher vermuten dahinter einen evolutionsbiologischen Mechanismus: In den ersten Lebensmonaten seien Säuglinge besonders anfällig für Krankheiten, weshalb ein stark ausgeprägtes Ekelempfinden der Eltern das Infektionsrisiko senken könne. „Ekel ist ein grundlegendes menschliches Gefühl, das uns vor Schaden schützt“, erklärt Studienautor Edwin Dalmaijer von der School of Psychological Science in Bristol. Das bekannte „Igitt“-Gefühl sei nicht bloß eine Frage persönlicher Vorlieben, sondern habe sich entwickelt, um Menschen von möglicherweise krank machenden Stoffen fernzuhalten.

Wenn Ekel ausgelöst werde, reagiere der Körper häufig automatisch – etwa mit Übelkeit oder dem Impuls, sich schnell zu entfernen. Ob sich diese starke Reaktion durch monatelange oder jahrelange Konfrontation tatsächlich abschwächen lässt, sei lange umstritten gewesen. „Elternschaft bietet hier ein ideales natürliches Experiment“, so Dalmaijer, da Menschen nicht je nach Ekelgefühl Eltern würden.

Eltern seien vom ersten Tag nach der Geburt ihrer Kinder „mit einer Flut von Unappetitlichem konfrontiert – von schmutzigen Windeln bis zu laufenden Nasen“. Man habe nun Belege dafür, dass tatsächlich eine Desensibilisierung stattfinde. Nach den ersten sensiblen Monaten scheine die andauernde Konfrontation Eltern regelrecht gegen Ekel zu „immunisieren“.

Die Ergebnisse liefern Einblicke darin, wie Fürsorge das menschliche Gehirn verändert. Zugleich könnten sie helfen, Strategien für Berufsgruppen zu entwickeln, in denen der Umgang mit Ekel zum Alltag gehört – etwa im Pflege- oder Gesundheitsbereich.

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