Sardinien: blaue Lagunen, weite Strände, dahinter sanfte Hügelketten, die in die felsigen Hochebenen des Inselinneren übergehen. Nicht umsonst gilt es als eines der schönsten Urlaubsziele Europas. Den Menschen, die hier leben, wird eine ebenso herzliche Gastfreundschaft, wie enge Verbundenheit mit traditionellen Lebensweisen nachgesagt. Vor allem aber gelten sie als außergewöhnlich langlebig, insbesondere in den bergigen Regionen im Osten der Insel. Dort fällt die hohe Zahl der über Hundertjährigen auf.
Dieses Phänomen weckte bereits vor Jahrzehnten das Interesse der Longevity-Forschung. Sardinien vor der italienischen Küste war die erste von fünf sogenannten „Blue Zones“, die Anfang der 2000er-Jahre von Wissenschaftlern identifiziert wurden. Hinzu kamen die japanischen Inseln Okinawas, die Halbinsel Nicoya in Costa Rica, die griechische Insel Ikaria sowie Loma Linda in Kalifornien. In all diesen Regionen hoffte man, den Faktoren eines langen Lebens auf die Spur zu kommen: Ernährung, Umwelt, Lebensstil und genetische Voraussetzungen.
Nachdem die „Blue Zones“ auch medial zunächst große Aufmerksamkeit erlangt hatten, mehrten sich in jüngerer Zeit jedoch Zweifel. Eine viel beachtete Studie aus dem Jahr 2024 kam zu dem Schluss, dass Menschen in den „Blauen Zonen“ womöglich gar nicht älter werden als anderswo. Verzerrt worden sei das Bild vielmehr durch fehlerhafte Altersangaben, etwa infolge von Rentenbetrug, sowie durch unzureichend geprüfte Daten.
Auf diese Kritik reagiert nun eine neue Studie, die kürzlich in der Fachzeitschrift „The Gerontologist“ erschienen ist. Die beteiligten Forscher zählen zum Teil zu jener Gruppe, die an der ursprünglichen Identifikation Sardiniens als „Blaue Zone“ beteiligt war. Entsprechend entschieden fällt ihre Antwort aus: Die außergewöhnliche Langlebigkeit in den klassischen „Blauen Zonen“ sei kein statistisches Trugbild, sondern das Ergebnis einer der strengsten Altersprüfungen, welche die Demografie kennt.
„Außergewöhnliche Behauptungen über Langlebigkeit verlangen außergewöhnliche Beweise“, sagte Steven N. Austad, Hauptautor und Biologe an der University of Alabama at Birmingham in den USA. „Was wir in dieser Studie zeigen, ist, dass die ursprünglichen ‚Blauen Zonen‘ die strikten Kriterien für die Validierung außergewöhnlicher Langlebigkeit, wie sie weltweit genutzt werden, erfüllt und oft sogar übererfüllt.“
Altersangaben in „Blue Zones“ streng überprüft
Die Autoren erinnern zunächst daran, dass Altersübertreibungen kein neues Problem sind. Im Gegenteil: Seit dem 19. Jahrhundert wissen Demografen, dass die meisten selbstberichteten Angaben zu extremem Alter falsch sind. Sei es aus Erinnerungslücken, Namensverwechslungen innerhalb von Familien oder aus handfesten materiellen Motiven.
Gerade aus dieser Erfahrung heraus habe sich jedoch ein ausgefeiltes Instrumentarium zur Altersvalidierung entwickelt. Wer heute behauptet, über 90 oder gar 100 Jahre alt zu sein, müsse dies nicht durch Selbstauskunft, sondern durch den Abgleich zahlreicher unabhängiger Quellen belegen.
„Diese Methoden wurden genau deshalb entwickelt, weil Übertreibungen des Alters im Laufe der Geschichte üblich waren“, erklärte Giovanni M. Pes, Professor für Medizinforschung, Chirurgie und Pharmazie von der University of Sassari. „‚Blaue Zonen‘ werden nicht durch Eigenangaben bestimmt, sondern durch mühsamste Gegenprüfungen von Aufzeichnungen, die oft mehr als ein Jahrhundert zurückgehen.“
Genau dieses Verfahren sei auf Sardinien, Okinawa, Ikaria und Nicoya angewandt worden. Geburts-, Heirats- und Sterberegister wurden mit Kirchenbüchern, Wahl- und Militärlisten sowie genealogischen Rekonstruktionen ganzer Dorfgemeinschaften abgeglichen. Wo Dokumente fehlten, wurden Lebensläufe anhand überprüfbarer historischer Ereignisse rekonstruiert.
Fälle mit nicht auflösbaren Widersprüchen – etwa Namensgleichheiten zwischen Geschwistern – seien systematisch ausgeschlossen worden. Dass dabei tatsächlich falsche Altersangaben entdeckt und öffentlich korrigiert wurden, werten die Autoren nicht als Schwäche, sondern als Beleg für die Strenge des Verfahrens.
Entscheidend ist dabei ein Punkt, der in der öffentlichen Debatte oft untergeht: Bei den „Blauen Zonen“ geht es nicht um einzelne spektakuläre Supercentenarians – 110 Jahre und älter –, sondern um ganze Geburtsjahrgänge. Gemessen wird, wie hoch der Anteil jener ist, die aus einer klar definierten Region heraus das 90. oder 100. Lebensjahr erreichen. Dieser Anteil liegt in den klassischen „Blauen Zonen“ deutlich über dem nationalen und internationalen Vergleich. Das sei mit bloßen Meldefehlern kaum erklärbar.
„Blue Zones“ sind nicht zeitlos
Zugleich räumt die Studie mit einer weiteren Vereinfachung auf: „Blaue Zonen“ sind kein zeitloses Naturphänomen. Sie können entstehen und wieder verschwinden. Okinawa etwa erfüllt heute aufgrund von tief greifenden Lebensstiländerungen nicht mehr die Kriterien einer „Blue Zone“.
Auch in Nicoya zeigt sich, dass jüngere Geburtsjahrgänge ihre Langlebigkeit verlieren. Diese Dynamik spricht, so die Autoren, gerade gegen die These eines bloßen statistischen Artefakts. Sie macht die Regionen vielmehr zu einem natürlichen Experiment darüber, wie gesellschaftliche, kulturelle und gesundheitliche Bedingungen Lebensdauer beeinflussen.
Ein weiterer Einwand von Kritikern sei, „Blaue Zonen“ lägen häufig in wirtschaftlich schwächeren oder mit Kriminalität belasteten Gegenden. Sprich, die wahre Lebenserwartung müsse deutlich niedriger sein. Die Autoren der Studie weisen dies jedoch zurück.
Historisch gesehen schließe ökonomische Rückständigkeit außergewöhnliche Langlebigkeit nicht aus. Wer heutige sozioökonomische Kennzahlen heranzieht, übersehe, unter welchen Bedingungen die heute Hochbetagten den größten Teil ihres Lebens verbracht haben – meist in kleinen, ländlichen Gemeinschaften mit starkem sozialem Zusammenhalt. Regionale Durchschnittswerte ließen sich nicht ohne Weiteres auf abgelegene Dörfer im Inselinneren übertragen.
Insgesamt argumentieren die Autoren für eine klare Botschaft: Über die Ursachen der außergewöhnlichen Langlebigkeit lässt sich weiterhin streiten, seien es nun Gene, Ernährung, Bewegung oder soziale Strukturen, die dazu beitragen. An der Existenz der „Blauen Zonen“ selbst jedoch bestehe nach den Maßstäben moderner Demografie kein ernsthafter Zweifel. Gerade weil sie keine Mythen, sondern sauber validierte Ausnahmen sind, blieben sie für die Alternsforschung so faszinierend.
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