Ein Orgasmus – oder, der kleine Tod, wie es im Französischen heißt – gilt gesellschaftlich als glücklicher Endpunkt der Sexualität. Er soll möglichst intensiv, lang und eindeutig lustvoll sein. Ein Moment höchster Intimität, in dem auch der Partner sich als Liebhaber bestätigt fühlen kann.
Umso irritierender kann es für alle Beteiligten wirken, wenn dieser Augenblick von Dingen begleitet wird, die nicht ins stereotype Bild seliger Ekstase passen: plötzliche Tränen, Schwächegefühl, ein stechender Schmerz im Fuß oder unkontrolliertes Lachen. War etwas falsch, der Akt gar lächerlich?
Nicht unbedingt. Doch bei einigen Menschen, kann der Höhepunkt ungewöhnliche Nebenwirkungen mit sich bringen, insbesondere bei Frauen, so eine neue Studie, die kürzlich im „Journal of Women's Health“ erschien. Die Wissenschaftler sprechen von „peri-orgasmic phenomena“: ungewöhnlichen körperlichen oder emotionalen Reaktionen rund um den Orgasmus, die nicht zur üblichen Orgasmus-Physiologie gehören. Viele der Betroffenen schweigen darüber, aus Scham oder Furcht vor Zurückweisung und deuten solche Begleitphänomene als Fehler an sich selbst.
„Wenn Frauen jedes Mal unkontrollierbare Lachanfälle bekommen, wenn sie einen Orgasmus haben, ist es wichtig, dass sie wissen: Sie sind damit nicht allein“, sagte Lauren Streicher, Co-Autorin und klinische Professorin für Geburtshilfe und Gynäkologie an der Northwestern University School of Medicine in Chicago.
Ziel der Autoren war es deshalb, sich einen Eindruck davon zu verschaffen, wie häufig solche Phänomene auftreten und in welchen Situationen – etwa nur mit Partner oder auch bei der Selbstbefriedigung. Dafür griffen die Sexualforscher auf eine Online-Umfrage zurück. Sie zeigten ein Video, welches die Phänomene beschreibt und baten anschließend darum, einigen Fragen zu beantworten.
In der Befragung ging es einerseits um physische Symptome wie Kopfschmerz, Muskelschwäche, Fußkribbeln oder Ohr-Empfindungen und Niesen – ebenso wie um unkontrollierte, emotionale Reaktionen wie Traurigkeit, Weinen, den Drang zu weinen trotz positiver Erfahrung, Lachen oder selten Halluzinationen.
Streicher sagte, es gäbe tatsächlich bereits Fallstudien zu Frauen, die lachen, weinen oder ungewöhnliche physische Symptome während des Orgasmus haben. „Dies ist jedoch die erste Studie, welche diese Phänomene kategorisiert und untersucht, wann sie am wahrscheinlichsten auftreten“, sagte Streicher.
Weibliche Lust
Dass Frauen überhaupt richtig zum Orgasmus fähig seien, wurde historisch immer wieder bezweifelt, umgedeutet oder moralisch verwaltet. Ein besonders langlebiger Mythos ist die kulturell-medizinische Fixierung auf die Idee, der richtige weibliche Orgasmus müsse vaginal sein – während klitorale Lust als zweitrangig oder unreif galt, gerade unter Anhängern der Theorie von Sigmund Freud.
Diese Debatte wurde im 20. Jahrhundert auch explizit feministisch angegriffen: Anne Koedts Essay „The Myth of the Vaginal Orgasm“ aus dem Jahr 1968 wurde zu einem Schlüsseltext der Sexualpolitik, gerade, weil er die Anatomie und die Realität weiblicher Lust gegen Norm-Erwartungen stellte.
Heute ist das Verständnis dieser Materie tiefer geworden: Der Orgasmus ist kein simpler Umlege-Schalter, sondern ein komplexer Prozess, der von Körper, Nerven, Hormonen, Kontext und sogar der eigenen Biografie beeinflusst wird. Die Orgasmusphase selbst dauert meist nur Sekunden. Dabei laufen jedoch viele Körperreaktionen hoch. Die Herzfrequenz und Atmung steigen, die Durchblutung nimmt zu, es kommt zu rhythmischen Kontraktionen im Beckenboden.
Der wichtigste Unterschied des weiblichen zum männlichen Orgasmus: Beim Mann ist der Orgasmus häufig eng an Ejakulation gekoppelt, während der weibliche Orgasmus nicht zwingend eine reproduktive Funktion erfüllt und variabler ist – in Auslösung, Intensität und Verlauf.
Genau diese Variabilität ist der Boden, auf dem auch ungewöhnliche Nebenreaktionen entstehen können: Das autonome Nervensystem schaltet in kurzer Zeit sehr stark um zwischen dem Parasympathikus und Sympathikus – von Entspannung auf höchste Erregung. Ein Moment, in dem der Körper manchmal eigenwillig antwortet.
Warum diese Reaktionen auftreten, lässt sich mit den vorliegenden Daten der Studie nicht erklären. Die Autoren verweisen lediglich darauf, dass beim Orgasmus stark wirksame Neurotransmitter ausgeschüttet werden – ein Zusammenhang ist denkbar, aber bislang unbelegt.
Die häufigsten Begleitphänomene beim Orgasmus
Die Studie zeigt: Ungewöhnliche Begleitreaktionen beim Orgasmus sind selten, aber nicht exotisch. Von rund 3800 Zuschauern des Aufklärungsvideos berichteten 86 erwachsene Frauen über sogenannte peri-orgasmische Phänomene. Emotionale Reaktionen traten dabei deutlich häufiger auf als körperliche. Knapp zwei Drittel nannten körperliche Symptome, fast neun von zehn emotionale.
Am häufigsten waren Kopfschmerzen, Muskelschwäche sowie Schmerzen oder Kribbeln in den Füßen. Emotional dominierten Tränen, gefolgt von Traurigkeit oder unkontrolliertem Lachen, meist, ohne dass der Orgasmus selbst als negativ erlebt wurde.
Bemerkenswert ist dabei weniger ein einzelnes Symptom als die Kombination: Mehr als die Hälfte der Befragten erlebte mehrere Phänomene, gut jede Fünfte sowohl körperliche als auch emotionale Reaktionen. Für die meisten trat dies nicht regelmäßig auf, sondern nur gelegentlich; nur eine Minderheit berichtete, dass die Symptome bei jedem Orgasmus auftreten.
Auch der Kontext spielte eine Rolle. Die Phänomene wurden häufiger im Zusammensein mit einem Partner beschrieben als bei der Selbstbefriedigung, während Masturbation oder der Gebrauch von Vibratoren vergleichsweise selten genannt wurden.
So harmlos vieles davon klingt, enthält die Studie zugleich einen wichtigen medizinischen Hinweis. Besonders bei abrupt einsetzenden, extrem starken Kopfschmerzen – sogenannten „thunderclap headaches“ – raten die Autoren ausdrücklich dazu, ernsthafte neurologische Ursachen ärztlich abklären zu lassen.
Das Wichtigste an der Forschung zu den vielen Nebenreaktionen des Orgasmus ist vielleicht nicht, ob es am Ende Oxytocin, Nervenverkreuzungen oder Beziehungskontext sind, die diese auslösen. Sondern die Vergewisserung: Wer beim Höhepunkt lacht, weint, niest oder plötzlich Fuß-Antenne spielt, ist keineswegs geschädigt. Denn der Körper kann Hochgefühl eben auch mal mit seinem ganz individuellen Feuerwerk feiern.
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