Nach einer Krebsdiagnose stehen viele Betroffene unter Schock. Doch Niko Andre, Leiter der Onkologie bei AstraZeneca Deutschland, macht Hoffnung: Im Gespräch erklärt der Mediziner, warum moderne Immun- und Kombinationstherapien die Behandlung grundlegend verändern – und wie Künstliche Intelligenz hilft, Krankheitsverläufe früher und gezielter zu therapieren.
WELT AM SONNTAG: Viele Menschen fürchten sich vor einer Krebsdiagnose. Gleichzeitig gehören Krebsvorstufen beim Hautkrebsscreening oder Polypen bei der Darmspiegelung längst zum medizinischen Alltag. Brauchen wir einen anderen Blick auf diese Krankheit?
Niko Andre: Ja – und die Grundlage dafür ist Wissen. Unser biologisches Verständnis hat sich in den vergangenen 15 bis 20 Jahren radikal verbessert. Der entscheidende Sprung kam, weil wir das Zusammenspiel zwischen Tumor und Körper heute viel besser verstehen. Krebs entsteht, wenn beschädigte Zellen der Immunkontrolle entgehen. Unser Körper produziert täglich Millionen neuer Zellen – und gelegentlich entsteht dabei eine fehlerhafte. Allerdings entstehen nicht alle Krebsarten durch Immunausfall, manche auch durch genetische Instabilität oder Umwelteinflüsse.
WAMS: Heißt das, dass wir alle ständig Mutationen in uns tragen?
Andre: Ja. Mutationen passieren fortlaufend, werden aber durch Reparatur- und Immunsysteme meist sofort repariert oder beseitigt. Diese Systeme werden mit dem Alter schwächer – deshalb steigt das Krebsrisiko deutlich. Ein gesundes Immunsystem sollte „falsche“ Zellen erkennen und entfernen. Wir wissen heute jedoch, dass sich Krebszellen vor dem Immunsystem verstecken können – und sich so unentdeckt vermehren. Sie verändern ihre Oberfläche so, dass sie wie gesunde Zellen wirken und dem Immunsystem „alles okay“ signalisieren. Mit modernen Immuntherapien können wir diesen Trick aufheben.
WAMS: Wie genau funktionieren die?
Andre: Checkpoint-Inhibitoren unterbrechen genau diesen Tarnmechanismus: Dabei handelt es sich um Medikamente, die gezielt „Bremsen“ im Immunsystem blockieren, um die körpereigene Immunabwehr zur Bekämpfung von Krebszellen zu aktivieren. Kurz gesagt: Sie blockieren jene Proteine, mit denen sich Krebszellen tarnen. So erkennt die Immunzelle den Tumor wieder – und greift ihn an. Diese Methode hat die Krebsmedizin revolutioniert: Erstmals bekämpfen wir den Krebs nicht nur direkt mit Operationen, Medikamenten oder Bestrahlung, sondern aktivieren gezielt das körpereigene Abwehrsystem.
WAMS: Sie sprechen von Revolution: Sind Immuntherapien der größte Wendepunkt in der bisherigen Krebsforschung?
Andre: Ja. Seit 2011 sind Immuntherapien klinische Realität – und sie haben die Onkologie grundlegend verändert. Das Gesamtüberleben hat sich in vielen Bereichen deutlich verbessert, und wir sehen erstmals langfristige Heilungserfolge bei bestimmten Krebsarten.
WAMS: Trotzdem wirkt nicht jede Immuntherapie bei jedem Patienten. Verunsichert das nicht?
Andre: Wir verstehen die individuelle Tumorbiologie heute viel besser: Biomarker, treibende Mutationen, Resistenzmechanismen. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, das richtige Mittel zur richtigen Zeit einzusetzen. Oft kombinieren wir Immuntherapie mit hochmodernen, zielgerichteten Medikamenten. Es gibt also eine Vielzahl von Alternativen, Kombinationen und neue Angriffspunkte. Ein anschauliches Beispiel ist Dickdarmkrebs: Früher gab es nach der Operation vor allem eine Chemotherapie. Heute stehen zusätzliche zielgerichtete Immuntherapien sowie präzisere Strahlentherapie zur Verfügung. Damit hat sich die mittlere Überlebenszeit von einem halben Jahr auf viele Jahre verlängert – nicht selten um fünf bis zehn Jahre und mehr.
WAMS: In vielen Branchen sorgt der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) für Unruhe, in der Medizin jedoch könnte er die Forschung beschleunigen, oder?
Andre: Sehr. Digitale Pathologie mit KI verbessert die Auswertung von Gewebeschnitten – schneller, reproduzierbarer, oft präziser. Richtig stark wird KI, wenn wir heterogene Daten verknüpfen: Laborwerte, Bildgebung, Genomik, klinische Verläufe. Dann erkennen wir Krankheitsdynamik früher und können Therapien präziser auswählen und timen. Wir nutzen KI in Forschung und Versorgung. Gleichzeitig kämpfen wir – speziell in Deutschland – noch mit erheblichen Bremsklötzen.
WAMS: Welche?
Andre: Da gibt es einige: Einmal die vielerorts unzureichende digitale Infrastruktur – das beginnt bei der oft veralteten Klinik- oder Praxis-IT. Und dann die Datenschutzregeln, die in der Praxis ein sinnvolles, sicheres Datenteilen zu häufig verhindern. Beide Themen müssen patientenorientiert modernisiert werden. Zudem hat Deutschland einen Rückstand zu den USA und China, was die klinische Forschung betrifft.
WAMS: Klinische Studien also, mit Patientinnen und Patienten.
Andre: Klinische Studien sind kein „Spezialfach“, sondern zentraler Bestandteil guter Krebsmedizin. Deutschland hat die Chance auf eine Schlüsselrolle – wenn die Rahmenbedingungen stimmen: Förderung, Investitionen, schnellere Anerkennungsprozesse und Anreize, Teilnahme an Studien auch außerhalb der Krebszentren anzubieten.
WAMS: Was kann jede und jeder präventiv tun – jenseits der Vorsorge?
Andre: Rund 40 Prozent aller Krebsfälle ließen sich durch den eigenen Lebensstil verhindern – vor allem durch den Verzicht auf Rauchen und übermäßigen Alkoholkonsum sowie durch gesundes Gewicht, Bewegung und ausgewogene Ernährung. Wer hier ansetzt, reduziert sein Risiko spürbar. Und: Psychisches Wohlbefinden wirkt. Menschen in stabilen, glücklichen Beziehungen kommen nachweislich besser durch Stressphasen. Ein zweiter Schlüssel ist die Früherkennung. Screeningprogramme entwickeln sich weiter: Beim Lungenkrebs startet ab April 2026 in Deutschland erstmals ein risikoadaptiertes Früherkennungsprogramm, das gezielt Menschen mit höherem Risiko erreicht und Vorsorge damit wirksamer macht.
WAMS: Was muss geschehen, damit Krebs seinen Schrecken verliert?
Andre: Bei einigen Tumorarten ist es faktisch bereits Realität, dass man an Krebs nicht mehr sterben muss. Bei Brustkrebs haben wir enorme Fortschritte erzielt. Bei Lungen- oder Pankreaskrebs leider weniger. Die Diagnose Krebs kann ihren Schrecken verlieren, wenn wir vorhandene Werkzeuge konsequent nutzen: Früherkennung, präzise Testung, richtige Therapie zum richtigen Zeitpunkt, strukturierte Nachsorge.
WAMS: Abgesehen von Diagnosen, die bedauerlicherweise in einem zu späten Stadium gestellt werden – woran scheitert es noch?
Andre: Unser größtes Problem ist nicht der medizinische Fortschritt, sondern seine Umsetzung: flächendeckende Verfügbarkeit, Geschwindigkeit, Qualität der Prozesse. Das ist eine gemeinsame Aufgabe von Politik, Industrie und Versorgern – und von Patientinnen und Patienten, die Vorsorge wahrzunehmen und moderne Diagnostik einzufordern.
WAMS: Was sagen Sie Menschen, die momentan mit dem Status „krebsfrei“ leben, aber ständig Rückfallangst haben?
Andre: Nichts ist schlimmer für Krebspatienten, als wenn sie das Gefühl haben, sie dürfen die Angst nicht zugeben. Wir haben heute allerdings deutlich bessere Möglichkeiten, Patientinnen und Patienten im tumorfreien Stadium engmaschig zu überwachen – etwa mit modernen Bluttests, die frühe Spuren neuen Krebswachstums erkennen. Gleichzeitig haben sich Therapien enorm weiterentwickelt – nicht zuletzt durch die großen Investitionen der pharmazeutischen Industrie in Forschung und Entwicklung.
WAMS: Ihre Branche wird oft bezüglich großer wirtschaftlicher Interessen kritisiert. Was entgegnen Sie?
Andre: Gerade der Schritt von der Laborforschung zur weltweiten klinischen Medikamentenentwicklung und erfolgreichen globalen Zulassung ist ein hochkomplexer Prozess, in den die Industrie jährlich weltweit dreistellige Milliardensummen investiert – und dabei auch das entsprechende Investitionsrisiko vollständig trägt. Hier wünsche ich mir mehr Anerkennung. Das ist eine hochprofessionelle Leistung, die uns allen täglich zugutekommt.
WAMS: Haben Sie persönlich Angst vor Krebs?
Andre: Nein, ich habe keine wirkliche Angst vor Krebs. Familiär bedingt wäre bei mir eher das Herz ein Thema. Aber ich sehe täglich, welche Möglichkeiten die Onkologie heute bietet, und gehe selbst regelmäßig zur Vorsorge. Am gesunden Lebensstil – vor allem am Schlaf – arbeite ich noch. Grundsätzlich aber vertraue ich darauf, dass ich im Fall der Fälle gute Optionen hätte.
Als ausgebildeter Internist, Hämatologe und Onkologe verfügt Niko Andre über jahrzehntelange Erfahrung in Klinik, Forschung und Industrie. Er studierte an der Harvard University und war Abteilungsleiter am Universitätsklinikum Bochum. Im Juli 2024 übernahm er die Leitung des Onkologie-Bereichs beim Pharmaunternehmen AstraZeneca Deutschland, zuvor war er für die globale Implementierung sowie den Vertrieb des Immunonkologie-Portfolios verantwortlich. Sein Fokus liegt auf schnellerem Zugang zu innovativen Krebstherapien.
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